Dez
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Wolfgang Ratzel feiert die “heilsame Faszination” der sog. chinesischen “Kulturrevolution”. Leserbrief zum Artikel “Rebellion ist vernünftig” in der Sozialistischen Zeitung Okt. 08, S. 21

Leserbrief zum Artikel „Rebellion ist vernünftig“ in der Sozialistischen Zeitung Okt. 08, S. 21

Wolfgang Ratzel feiert die „heilsame Faszination“ der sog. chinesischen „Kulturrevolution“.

Der Mao-Führerkult dieser Jahre gilt Ratzel als “antielitär und radikal-egalitär”. Kein Wort über die Realität dieser repressiven Revolte, die antiintellektuelle Ressentiments aus Motiven einer Auseinandersetzung im herrschenden Block der VR China mobilisierte. Ratzels Artikel zeigt komplette Fühllosigkeit gegenüber den Opfern des “kulturrevolutionären” sadistischen Terrors, die mit Schandhüten durch die Straßen gezerrt wurden. Kein Wort über die zigtausend Toten, die die sog. Kulturrevolution forderte. Ratzels lobhudelnde Präsentation der offiziösen Phrasen der sog. Kulturrevolution ist höchst selektiv. Dass in ihr dafür plädiert wurde, das Gras des Sozialismus den Früchten des Kapitalismus vorzuziehen, wird ebenso ausgeblendet wie das Programm der Pekinger Roten Garden vom August 1966. Darin heißt es: “2. In allen Kinos, Theatern, Buchhandlungen, Omnibussen usw. müssen Bilder Mao Tse-tungs aufgehängt werden. …. 6. Eine eventuelle Opposition muss rücksichtslos beseitigt werden. … 19. Die Verbreitung von Photographien von sog. hübschen Mädchen soll eingestellt werden. … 23. Bücher, die nicht das Denken Mao Tse-tungs wiedergeben, müssen verbrannt werden.” Ratzels Artikel erscheint in einer Zeitung, die kontinuierlich über trotzkistische Bestrebungen berichtet. Einer der Aktivposten dieser Strömung war immerhin, auf die Moskauer und Pekinger “Faszinosa” (Ratzel) und Propaganda n i c h t hereingefallen zu sein.

Die von Ratzel bloß idealisierte “kulturrevolutionäre” “Kritik” an Bürokratie, Arbeitsteilung, Spezialisten und Technik hat sich inhaltlich nur oberflächlich mit diesen Phänomenen auseinandergesetzt, galt sie ihnen doch nur sekundär. Primär diente diese “Kritik” der Ausstellung des zugrunde liegenden maoistischen Programms. Sein Inhalt: Primat der moralischen Anreize und Sanktionen, der politischen Erziehung, des enthusiastischen Voluntarismus und der heroischen Opferbereitschaft. Vgl. dazu Charles Lindblom: Jenseits von Markt und Plan. Frankf. M. 1983, Kapitel 4 und 21. (Zu ähnlichen kubanischen “Faszinosa” der 60er Jahre vgl. H. Mansilla: Systembedürfnis und Anpassung. Zur Kritik sozialistischer Verhaltenssteuerung. Frankf. M. 1973, 197-248.)

Die Wirklichkeit kommt diesem expressiven, auf Gesinnungsausdruck und Fremd- und Selbstbeeindruckung konzentrierten Handeln als Bestätigung seiner moralistischen Maximen in den Blick - oder als Verstoß gegen sie. Die Handlungsperspektive im zweiten Fall: Psychische oder physische Vernichtung der “schlechten Elemente”, die sich dieser Verstöße schuldig machen - “Kuhteufel und Schlangengeister” eben. Einem faszinierten Fan der Kulturrevolution gilt dies alles als … “vernünftig”.