Dez
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Vor 80 Jahren erschien Richard Kroners System der Kultur

Die Analyse und Kritik der Kultur im umfassenden Sinne ist zu ihrem Schaden an dem Werk „Die Selbstverwirklichung des Geistes“ (Tübingen 1928) von Richard Kroner (1884 - 1974) bislang weitgehend vorbeigegangen. Besonders der zweite Teil („Die Gliederung der Kultur im Grundriss“) mit seiner vierstufigen Aufbauordnung von Wirtschaft und Technik, Naturwissenschaft und Politik, Kunst und Religion, Historie und Philosophie ist für Gesellschaftstheorie, Kulturtheorie und Theorie der Lebensweise relevant.

Zwei zeitgenössische Stellungnahmen sollen den Stellenwert von Kroners Werk „Die Selbstverwirklichung des Geistes“ vergegenwärtigen. Der Anhang enthält das Inhaltsverzeichnis und damit die ausführliche Gliederung von Kroners Gedankengang.

Paul Tillich schreibt 1928 zu Kroners Buch: „Wo gegenwärtig die Kultur von universalen Gesichtspunkten aus betrachtet wird, da ist es nicht die Notwendigkeit des Kultursystems als solche, um die man sich bemüht, sondern eine Wertung, eine Prognose, eine kritische Analyse. Die einzelnen Gebiete des Geistes werden vorausgesetzt, aber nicht abgeleitet. Ihr Sinn im Ganzen des Sinnerlebens wird nicht aufgesucht. Hier setzt die Arbeit von Kroner ein. Er will die Kultur als solche, ihren Sinn, ihren Aufbau und den Sinn ihres Aufbaus verstehen; er will den Schritt von einem Glied des Kultursystems zum anderen als notwendig begreifen. Er will ein System der Kultur aufweisen im strengsten Sinne des Wortes“ (Paul Tillich: Die Selbstverwirklichung des Geistes. Zum gleichnamigen Buch von Richard Kroner. In: Dresdner Neueste Nachrichten. No. 171, 1928, S. 2. Wiederabdruck in: Paul Tillich: Gesammelte Werke, Bd. 12, S. 251-254. Stuttgart 1971).

Theodor Haering schreibt 1929: „Wenn schon des Verfassers monumentales und die historisch-systematischen Zusammenhänge weithin erhellendes Werk über den ‚deutschen Idealismus’ (gemeint ist Kroners 1921 bzw. 1923 in zwei Bänden erschienenes, bis heute als Standardwerk geltendes Buch „Von Kant bis Hegel“ – Verf.) keinen Zweifel darüber gelassen hatte, dass der Verfasser in Hegel nicht bloß den Gipfel dieser einmaligen historischen Barmekidenzeit unserer deutschen Philosophie, sondern auch für sich ein Höchstes zu sehen geneigt sei, so erweist ihn dies Buch ganz als einen aus seiner Schar. (Das Geschlecht der Barmekiden gehörte, zur Zeit des Kaliphats, zu den edelsten, mächtigsten und zahlreichsten – Verf.) Er hat sozusagen die ständige Arbeit, die Hegel bis zuletzt an dem Gesamtsystem des absoluten Geistes (in immer anderer und besserer Einordnung der verschiedenen Einzelsysteme der Kultur in dasselbe) vollzog, weiter und zu noch einheitlicherem Abschluss geführt … Je mehr wir in der Gegenwart wieder einsehen, dass Kulturwissenschaft ohne Kulturphilosophie und Kulturphilosophie ohne ein System aller Kultur (nicht nur tatsächlich, sondern wesensmäßig) unmöglich ist, um so mehr wird der immer neue Versuch eines immer vollständigeren und einheitlicheren Systems aller Kulturphänomene zur unabweisbaren Notwendigkeit“ (Rezension von Kroners ‚Die Selbstverwirklichung des Geistes’ in Blätter für deutsche Philosophie, Bd. 3, Berlin 1929/1930, S. 132).

Kroners Systematik der verschiedenen „Versöhnungswege des Geistes“ (Kroner 1928, 199) ordnet den verschiedenen Gebieten jeweils einen geistigen Auftrag zu und den verschiedenen Geistesgestalten ein Gefüge der Versöhnung des Geistes:
Wirtschaft und Technik – vital zwecksetzende Geist
Wissenschaft und Politik – rational unterwerfender Geist
Kunst und Religion – intuitiv verschmelzender Geist
Historie und Philosophie – reflexiv vermittelnder Geist (113).

Die „Gliederung des gesamten Kulturleibes“ lässt sich „nicht durch den Vergleich der Kulturgebiete entdecken, wenn nicht von vornherein das, was alle einzelnen Gebiet gemeinsam haben, was sie zu Gliedern eines und desselben Leibes macht, die Idee des Ganzen der Kultur berücksichtigt wird … Die Frage: was leistet jedes einzelne Gebiet, d.h. inwiefern versöhnt sich das Bewusstsein durch seine Selbstverwirklichung in Wirtschaft und Technik, Wissenschaft und Politik, Kunst und Religion, und inwiefern versöhnt es sich nicht, muss das gliedernde Prinzip abgeben“ (Ebd., 108).

Zum Status der obersten Stufe und damit zur Struktur der gesamten Aufbauordnung: Kroner unterscheidet die oberste Stufe dieser Aufbauordnung vom „zu sich zurückgekehrten, versöhnten Selbstbewusstsein“ (Ebd., 225). Vielmehr ist das Telos dieser obersten Praxis die Rückkehr zur Unmittelbarkeit und die Auseinandersetzung mit ihr. Weder dementiert hier eine Selbstresignation der obersten Stufe die Aufstufung noch wird eine nicht selbst durchgearbeitete Unmittelbarkeit zum Richter erhoben. Der Widerspruch „hebt sich auf, ohne je aufgehoben zu sein“ (so die Kroner-Schülerin Käte Nadler in ihrer Schrift „Der dialektische Widerspruch in Hegels Philosophie und das Paradoxon des Christentums“, Leipzig 1931, 135). Es handelt sich um Gegensätze, welche „sowohl aufgehoben als nicht aufgehoben sind, nämlich aufgehoben werden“ (Ebd., 134). Gegenüber einer pyramidialen Figur, die von ihrer Spitze – dem absoluten Geist – gestiftet, gehalten. regeneriert und reproduziert wird, profiliert Kroner die Figur des Kreises oder der Spirale. Die Spitze muss sich selbst aufheben und „in das Erleben zurückkehren. Das Ende des Weges wird nur erreicht, indem es sich selbst in den Anfang zurückbiegt: nur das zeitlos-aktuelle, daher in der Zeit sich immer erneuernde Durchlaufen des ganzen Kreises, nicht allein seine Reflexion in sich stellt das Totalbewusstsein her; nur indem es sich im Erleben und in der gesamten Kultur verwirklicht, verwirklicht es sich für sich selbst, nicht aber dadurch, dass es sich begreift“ (Ebd.). Das Selbstverhältnis „bejaht sich: nicht als Objektivation, die sich vom unmittelbaren Leben abgelöst hat und die Versöhnung des Geistes in sich enthält, sondern als Rückkehr der Objektivation ins unmittelbare Leben, als die sich selbst aufhebende Objektivation, die da in der Kultur verwirklichte Selbstbewusstsein zurücktaucht in den Strom, aus dem es sich ewig erhebt“ (Kroner 1928, 224).

Kroner schreibt in Kritik an Hegel bzw. in seiner Radikalisierung oder der Überwindung des Panlogismus als (Selbst-)Missverständnis Hegels (vgl. auch Nadler 1931, 110f.): „Der Geist ist für sich selbst seiner Totalität nach nicht reflexiv, wenn er auch nur durch Reflexion für sich selbst total wird; sein Wesen ist für ihn selbst nicht das Wesen des sich auf sich besinnenden Geistes, wenn er auch nur durch Selbstbesinnung für sich selbst Geist wird und sein Wesen begreift“ (Kroner 1928, 201). Für die Analyse der Aufbauordnung und der Reproduktions- und Reflexionslogik der weit verstandenen Kultur heißt das: „Daher ist das Begreifen nicht nur ein Fortschreiten von Gebiet zu Gebiet, sondern zugleich ein Fortschreiten des Ganzen zu sich selbst, ein Für-sich-werden des in jedem Gebiete sich verwirklichenden und unverwirklicht bleibenden, sich versöhnenden und nicht versöhnenden Selbstbewusstseins der Kultur“ (Kroner 1928, 112).

Anhang: Inhaltsverzeichnis als PDF Dokument