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Der Artikel erschien im März 2008 in der in Leipzig herausgegebenen Zeitschrift „Phase zwei“, Nr. 27.

Das Verhältnis zwischen der kapitalistischen Ökonomie und anderen gesellschaftlichen Sphären ist ein zentrales Thema für jedes Denken, das gesellschaftstheoretisch an die Marxsche Kapitalismuskritik anknüpft. Meine Skizze der gesellschaftlichen Aufbauordnung der Bereiche Recht, Politik, Moral, Subjektivität und Kunst kritisiert materialiter das Theorem ›funktionale Differenzierung‹, also die Vorstellung einer »Ansammlung von Teilsystemen, die einander gewissermaßen auf gleicher Ebene gegenüberstehen, ohne von sich aus viel voneinander wissen zu wollen«.[1]

›Ökonomieexterne‹[2] Sphären knüpfen an den Erfahrungen mit der herrschenden Ökonomie an. Zu verarbeiten sind die Probleme, die der abstrakte Reichtum den Rechtssubjekten und Staatsbürgern und den (ihre Moral, Subjektivität und Kultur entfaltenden) Individuen aufgibt. Die Grundlage dieser Verarbeitung bilden die mit den herrschenden Modi des Geschäfts- und Erwerbslebens verbundenen »objektiven Gedankenformen«[3]: Waren-, Lohn-, Kapitalfetisch, Mystifikationen des Zinses und der trinitarischen ›Oberfläche‹ der ›Produktionsfaktoren‹. »Sie werden als objektive Gedankenformen in praktischen Vollzügen gesellschaftlich-ökonomischen Handelns zwar ›gelebt‹, ohne deshalb dem jeweiligen Bewusstsein notwendig ›präsent‹ zu sein – dies wäre das Ergebnis einer gleichsam sekundären Rationa­lisie­rung die­ser Gedankenformen, wie sie etwa durch die Vulgärökonomie geleistet wird«[4] Die einzelnen ökonomieexternen Sphären fokussieren bestimmte Momente der objektiven Gedankenformen, verselbständigen diese und gewinnen aus deren Horizont eine jeweils eigene Perspektive gegenüber der Ökonomie und gegenüber den anderen Sphären.[5] Das Zivilrecht zentriert sich um das Eigentum und den Vertrag, die Politik um den Willen, und die Subjektivität und Kultur um die Gegenwart, die sich das Individuum als Individuum bereiten kann. Um diese jeweiligen Zentren bauen sich Felder praktischer Bearbeitung und mentaler Aufbereitung auf.

Das Privatrecht und das Strafrecht gründen in der Differenz zwischen der Garantie der Rechtsperson und dem im Recht nicht vorgesehenen Schutz einer bestimmten materiellen Existenz des Individuums. Beide fallen im Recht systematisch auseinander. Gerade weil das Privateigentum geschützt wird und der Vertrag als Normalform der Geschäftsbeziehungen die Interessen noch in ihrer Übereinkunft als einander entgegengesetzt voraussetzt und Nutzen des einen Nachteil des anderen bedeuten kann, liegt es nahe, dass die Individuen ihre Interessen ohne den Umweg über die allgemein dafür vorgesehene Form des Tausches durchzusetzen versuchen. Das Recht verhindert nicht das Verbrechen, sondern gehört zu einer Gesellschaft, die es gerade wahrscheinlich macht. Im Recht geht es um die sanktionierte Verpflichtung der Individuen auf die Verkehrsformen, die dem abstrakten Reichtum entsprechen. Erscheint er ideologischerweise als Mittel der Individuen, so können diese versuchen, der Unterordnung ihrer Bedürfnisse unter das vermeintliche Mittel und seine Zug- und Folgezwänge zu entgehen. Auch im Verstoß gegen das Recht wird davon abgesehen, »dass das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebenen Mitteln erreicht werden kann; also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse des Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung durch die von allen unabhängigen gesellschaftlichen Bedingungen gegeben.“[6] Die Mittel erscheinen dann nicht mehr als Momente einer eigenen Struktur, sondern als Mittel des Individuums, als der Besonderheit seiner Interessen und seiner Willkür unterworfen. Sind »das egoistische Subjekt, das Rechtssubjekt und die moralische Persönlichkeit die drei wichtigsten Charaktermasken, unter denen der Mensch in der warenproduzierenden Gesellschaft auftritt«[7] (Paschukanis 1929, 134), so können sich diese drei gegenseitig in die Quere kommen.

Politik bezieht sich auf die kapitalistische Ökonomie auf der Grundlage von deren Erscheinung als sachlich unumgänglicher und materiell fruchtbarer Bedingung allen sonstigen Handelns. Der politische Wille versteht sich zum einen dazu, die Selbstregulation der kapitalistischen Ökonomie nicht nur nolens volens zu akzeptieren, sondern zu begrüßen, als sei sie gewollt, und den Vorzug der Marktwirtschaft und des Spiels freier Kräfte zu propagieren. Andererseits ist im Unterschied zur Ökonomie, welche die höchste Aktivität der Einzelhandlung erfordert, aber Passivität dem gesamtwirtschaftlichen Ablauf gegenüber, in der Politik die Regelung des Allgemeinen gefragt – auf der Grundlage der sachlichen Randbedingungen, v. a. der als Ökonomie überhaupt erscheinenden kapitalistischen Ökonomie. Der politische Wille geht von der Seite des Bewusstseins aus, die die Realität als von den Menschen für ihre Zwecke in Dienst nehmbar auffasst, bezieht sich also auf das Individuum als Subjekt, das nicht nur ein Bewusstsein der Unabänderlichkeit der Weltbegebenheiten hat, sondern dem es an seinem Willen gelegen ist. »Das Prinzip der Politik ist der Wille. Je einseitiger, d.h. also, je unvollendeter der politische Verstand ist, um so mehr glaubt er an die Allmacht des Willens, um so blinder ist er gegen die natürlichen und geistigen Schranken des Willens, um so unfähiger ist er also, die Quelle sozialer Gebrechen zu entdecken.«[8]

Staatliche Politik resultiert daraus, dass die Naturwüchsigkeit und Profitorientierung der kapitalistischen Ökonomie eine sekundäre politische Bearbeitung der in ihrer Substanz eigenständigen Ökonomie erfordern. Die rechtlichen Rahmenbedingungen und das staatliche Gewaltmonopol sind zu sichern. Der Staat sorgt als Ausfallbürge idealiter für jene Teilmenge des nicht (oder nicht in ausreichendem Ausmaß) kapitalistisch Bereitstellbaren (Infrastrukturen und Sozialleistungen i. w. S.), dessen Mangel die kapitalistischen Geschäfte selbst mittelbar negativ tangieren würde. In der staatlichen Politik geht es weiterhin um die Integration und Kursbestimmung des Gemeinwesens. Freiheitsgrade weist das politische Handeln insofern auf, als es verschiedene Einschätzungen geben kann, was ökonomisch-politisch förderlich ist und was nicht, nicht nur aufgrund der Prognoseprobleme, sondern weil auch „das“ einheitliche Verwertungsinteresse sozial nicht existiert, sondern nur als »in sich widersprüchliches Konglomerat von Einzelinteressen.«[9] Zudem sorgen die Widersprüche der kapitalistischen Akkumulation für Zielkonflikte. Der Dienst der Politik für die Funktionserfordernisse kapitalistischer Akkumulation ist nicht (›funktionalistisch‹) mit der Sicherheit verbunden, dass Politiker das Erforderliche treffsicher identifizieren und effizient in erfolgreiches Handeln umsetzen. Insofern stehen für das pragmatische Bewusstsein die Manöverkritik und eine Überbewertung der Unterschiede zwischen den verschiedenen systemimmanenten politischen Optionen und Varianten im Vordergrund – zulasten einer Vergegenwärtigung der übergreifenden und durch systemimmanentes politisches Handeln nicht erreichbaren Gesellschaftsstrukturen.

Moral wird als Korrektiv von Markt- und Staatsversagen bemüht.[10] Sie setzt am Mangel des Rechts an, die subjektiven Bedingungen seiner Existenz nicht aus sich selbst heraus sichern zu können, sieht doch das Recht von Absicht oder Überzeugung des Einzelnen weitgehend ab. Die Vertragspartner wünschen wohl die Leistung des jeweils anderen, sehen die eigene Gegenleistung aber als Opfer. Geben macht selig, Nehmen aber reich. Jeder will die Existenz des Rechts im allgemeinen, aber im besonderen Fall sein eigenes Interesse durchsetzen, soweit das fremde Interesse auf Kosten des eigenen geht. Divergieren das Interesse am Recht und das besondere Interesse, so ergibt sich die Notwendigkeit eines besonderen subjektiven Willens, der das Allgemeine will. Aus der Notwendigkeit des Erwünschten ergibt sich aber außer für einen naiven Funktionalismus noch nicht dessen Wirklichkeit. Der gesellschaftliche Bedarf nach einer Versöhnung von Sollen und Wollen findet das Bewusstsein des auf sich zurückgeworfenen vereinzelten Einzelnen vor.[11] Er bemängelt am Geschäfts- und Erwerbs›leben‹ und am Recht, in ihnen nicht als besonderer qualitativ bestimmter Wille und als subjektive Gestalt genügend Berücksichtigung zu finden, und macht den Unterschied geltend zwischen dem, was eine Sache kostet und was sie menschlich wert ist. Er interpretiert die Zumutungen, denen er ausgesetzt ist, als Resultat der Nichtbeachtung des guten. und d.h. hier: moralischen, Willens

Die Moral kämpft einen Sisyphuskampf gegen Vorteilsnahme zulasten anderer, gegen Abzockerei, Egoismus, Unzuverlässigkeit, Rücksichtslosigkeit, Stumpfheit usw. Die moralische Weltanschauung, die die Welt als Ansammlung menschlich-allzumenschlichen Tuns wahrnimmt, verleitet in dieser Individualisierung und in diesem Nominalismus[12] (vgl. Losurdo 1988) leicht zum Misanthropismus. Der gegenüber der rechtlichen Haftungsverantwortung weiter gefasste Bereich moralischer Verantwortung führt im konsequenten Moralismus zu moralischer Überzuständigkeit und Überverantwortlichkeit. Die Individuen für Strukturfolgen verantwortlich zu machen legt ein Bewusstsein nahe, das jede Veränderung zum Guten mit Moral identifiziert, Moral als »Impuisance en action« (Marx) wahrnimmt und umschlägt in eine zynische Unzuständigkeit und Häme gegen ›Gutmenschen‹. Vorausgesetzt ist in der zynischen Geringschätzung der Gesellschaft und der Individuen der auch für die moralische Weltanschauung charakteristische Kurzschluss zwischen dem Zustand der Gesellschaft und dem der Individuen. Die Gesellschaft erscheint dann als Summe der Entscheidungen der Einzelnen. Abgesehen werden muss dann von emergenten und nicht auf den Willen der Einzelnen zurückführbaren »in sich ruhenden Verhältnissen“[13]: »Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen.«[14]

Veränderungen betreffen im Rahmen des moralischen Paradigmas einer allgemeinen Läuterung der Individuen bspw. die Auswahl des Regierungspersonals, aber nicht gesellschaftliche Strukturen. So werden »die objektiven Fehler einer Institution den Individuen zur Last gelegt …, um ohne Verbesserung des Wesens den Schein einer Verbesserung zu erschleichen.«[15] »Bei der Untersuchung staatlicher Zustände ist man allzu leicht versucht, die sachliche Natur der Verhältnisse zu übersehen und alles aus dem Willen der handelnden Person zu erklären. Es gibt aber Verhältnisse, welche sowohl die Handlungen der Privatleute, als der (sic !) einzelnen Behörden bestimmen und so abhängig von ihnen sind als die Methode des Atemholens. Stellt man sich von vornherein auf diesen sachlichen Standpunkt, so wird man den guten oder den bösen Willen weder auf der einen noch auf der anderen Seite ausnahmsweise voraussetzen, sondern Verhältnisse wirken sehen, wo auf den ersten Anblick nur Personen zu wirken scheinen.«[16]

Der sich moralisch Auffassende folgt den ökonomischen und staatlichen Verhaltensanforderungen nicht, um unangenehmen Konsequenzen der Nichtunterwerfung zu entgehen. Die Moral erwartet mehr als bloßes rollenkonformes Verhalten oder Anpassung. Vielmehr setzt sich das moralische Individuum »auch als Subjekt der Herrschaft. Diese Identifikation mit dem Gemeinwesen ist etwas anderes als das Ausrichten des Verhaltens an einem durch die Herrschaft eines nur formal ›generalisierten Anderen‹ (des Fürsten, des Vaters) geltenden Tabukatalog. Moralische Innerlichkeit setzt ein komplexes positives Bild des Gemeinwesens im Inneren des Individuums voraus.«[17] Politik bedient sich der Moral, geht aber nicht in Moral auf. Politik lebt auch von der moralfernen Selbstauffassung, eine Kunst zu sein, selbst für ein »Volk von Teufeln« die Verfassung so einzurichten, »dass, obgleich sie in ihren Privatgesinnungen einander entgegen streben, diese einander doch so aufhalten, dass in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe ist, als ob sie keine solche böse Gesinnungen hätten.«[18] »Die Politik sagt: ›Seid klug wie die Schlangen‹; die Moral setzt (als einschränkende Bedingung hinzu): ›und ohne Falsch wie die Tauben‹.«[19]

Eine zentrale Grenze der Moral besteht in ihrem Vorhaben, die Schranken des Privatinteresses – die Trennung von anderen und die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber – zu überwinden und dafür eine andere Gestalt der Individualisierung, das Selbst[20], zu bemühen und auf eine Herzensbildung zu setzen, die das Individuum als vereinzelter Einzelner entwickeln können soll. Die Erfüllung bspw. des Gebotes der Nächstenliebe ist dem Individuum aufgegeben und anheim gestellt. Das Gebot ist »an den Einzelnen in Verhältnissen zu dem Einzelnen gerichtet und behauptet es als ein Verhältnis des Einzelnen zum Einzelnen, oder als Verhältnis der Empfindung.«[21] Die moralischen Gebote bleiben »nur beim Sollen stehen, haben aber keine Wirklichkeit«; sie sind eben »nicht Gesetze, sondern nur Gebote«[22], und finden darin ihre Grenze. Die Verwirklichung des Gebots erfordert ein umfangreiches Wissen, das den Horizont der Unmittelbarkeit der Moral und der für sie charakteristischen imaginären Vereinigung des Besonderen und Allgemeinen in der moralischen Empfindung sprengt. Das moralische Bestreben, »Übel von einem Menschen abzusondern und ihm Gutes zuzufügen«, bedarf des Wissens über dasjenige, »was an ihm das Übel, was gegen dies Übel das zweckmäßige Gute und was überhaupt sein Wohl ist, d. h. ich muss ihn mit Verstand lieben; unverständige Liebe wird ihm schaden, vielleicht mehr als Hass«[23]

In eigene Verwicklungen und Selbstabsorptionen führt die Moral, wenn die Forderungen, die die Gesellschaft an das Individuum stellt, ihm erscheinen als Forderungen, die es gegenüber sich selbst formuliert. Ich verweise zur Analyse dieser Verkehrungen auf den Moralabschnitt in Hegels Rechtsphilosophie und besonders auf § 139f.. Verkehrungen erwachsen aus der Meinung des moralischen Individuums, in der Moral seine Freiheit zu finden, insofern die Moral mit den eigenen Handlungen des moralischen Individuums jene Elemente des In-der-Welt-Seins betrifft, die einer Person in einem Maße zu Eigen sind wie kein anderes Element. In der Suche des moralischen Individuums danach, sich sein Handeln als moralisch gelingend zurechtlegen zu können und zugleich die in dies Handeln eingeschlossenen moralfremden Momente des individuellen In-der-Welt-Seins als die eigene Moral nicht infragestellend aufzubereiten, muss das moralische Individuum mit seiner Gegenwart das Gegenwärtige selbst wollen können und entsprechende Vereinbarkeiten sich imaginieren. Neben den mit der Moral zustande kommenden Selbstentlastungen (nur ein schlechtes Gewissen gilt als ein gutes) kommt es zur moralischen Gedrücktheit bei »Menschen, welche von vornherein den Fehler bei sich selbst suchen. … Das in der Familie ausgebildete schlechte Gewissen fängt unendlich viel Energien auf, die sich sonst gegen die beim eigenen Versagen mitsprechenden gesellschaftlichen Zustände richten könnten. … In der Gegenwart vereitelt das zwangsmäßige Schuldgefühl als andauernde Opferbereitschaft die Kritik an der Wirklichkeit…«[24]

In der Subjektivität und Kultur steigert sich die bereits in der Moral angelegte Verselbständigung der gegenüber der herrschenden Objektivität (von Ökonomie, Recht und Politik) komplementären Subjektivität. »Die Undurchsichtigkeit der entfremdeten Objektivität wirft die Subjekte auf ihr beschränktes Selbst zurück und spiegelt dessen abgespaltenes Für-sich-sein, das monadologische Subjekt und dessen Psychologie, als das Wesentliche vor.«[25] Aus der erscheinenden Unabhängigkeit und Selbständigkeit der objektiven Systeme entwickelt das Subjekt, »indem es als ein von der Gesellschaft Abgedichtetes, Abgespaltenes existiert, nochmals die Pathogenese einer gesellschaftlichen Totalität aus sich heraus.«[26] Subjektivität und Kultur verarbeiten die Erfahrungen mit Ökonomie, Recht, Staat, Politik und Moral, und dabei ereignen sich folgende Verkehrungsschritte[27]:

- der Schein, gesellschaftliche Produktion, Organisation, Zirkulation und Administration seien für menschliche Sinne und Fähigkeiten zwar eine Bedingung, aber ihrer Entfaltung notwendig heteronom-abweisend bis feindlich, bei allen sekundär möglichen subjektiven Besetzungen;

- die nicht erscheinende Konstitution menschlicher Sinne und Fähigkei­ten in diesen Sphären;

- Zwischenmenschlichkeit, Freizeit und Kultur als scheinbar selbstver­ständliche eigene Orte und Heimat zur ›vollen‹ Verwirklichung menschlicher Sinne und Fähigkeiten;

- deren erscheinende Selbständigkeit in diesen Bereichen, die mit ande­ren Sphären eben nur äußere Bedingungs-Verhältnisse unterhalten und ihnen gegenüber gleichursprünglich zu sein scheinen;

- die Profilierung dieser Autonomiesphären gegenüber der Heteronomie der modernen und kapitalistischen Strukturen, die Umwertung dieser Hete­ronomie zum günstigen Abhebungshintergrund für die eigene Selbst­steigerung;

- die Substantialisierung der so entstandenen Sinne und Fähigkeiten zur ›Subjektivität‹, zu einem eigenen Vermögen, das sich selbst zum Ursprung und zur Ursache wird und den Umgang mit den modernen und kapitalistischen Strukturen zum Attribut des eigenen Selbstbezuges und der eigenen Selbstverwirklichung umwendet;

- der Schein einer Souveränität dieser Autonomiesphäre über das, wovon sie nur äußerlich abzuhängen scheint;

- die interne Ausdifferenzierung verschiedener Gestalten, mit der sich Innen-Außen-Differenzen zu internen Differenzen verwandeln[28];

- die Verkehrung der Absenz in der Welt zur Präsenz einer die Welt transzendierenden Subjektivität und Kultur.

Die Kunst nimmt an Naturwissenschaft, Politik und Moral eine unauflösbare Entzweiung als Mangel wahr. Diese Bereiche beanspruchen eine unendliche Bewegung hin auf das Angestrebte (wissenschaftliche Wahrheit, politische Verwirklichung des Allgemeinen, individuelle Praktizierung des Guten), verbleiben aber faktisch fragmentarisch. Naturwissenschaften, Politik und Moral richten sich ein in der Spaltung zwischen allgemeinen Gesetzen und konkreten Phänomenen, zwischen Objektivität und Subjektivität, Form und Inhalt, Allgemeinheit und Individualität. Demgegenüber lebt die Kunst von ihrem Nimbus, diesen Dualismus zu überwinden. Sie möchte zugleich geistig und sinnlich-unmittelbar sein, Form und Inhalt verschmelzen lassen und verspricht eine in sich selbst ruhende Wirklichkeit, die nicht über sich selbst hinausweist. »Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst« (Mörike).

Die Individuen suchen nach einem sicheren Bereich »jenseits aller Schwankungen und der Unvollständigkeit der alltäglichen Existenz«, um der »Kompliziertheit des Lebens und der ständigen Unruhe« zu entrinnen. Für viele nimmt das Leben einen ästhetischen Charakter an. »Sie scheinen in der künstlerischen Wahrnehmung der Dinge eine Erlösung vom Fragmentarischen und Leidvollen des wirklichen Lebens zu finden. … Enttäuscht von einer bruchstückhaften Wissenschaft, die zu allem Endgültigen schweigt, und enttäuscht von sozial-altruistischen Aktivitäten, die die innere, selbstbezo­gene Vollendung der geistigen Entwicklung vernachlässigt, hat sich der transzendentale Impuls in der Ästhetik ein Ventil gesucht; aber er wird erfahren, dass auch dieses Feld zu begrenzt ist.«[29]

»Die ästhetische Betrachtung – die als bloße Funktion jeglichem Gegenstande gegenüber möglich und dem ›Schönen‹ gegenüber nur besonders leicht ist – beseitigt am gründlichsten die Schranke zwischen dem Ich und den Objekten; sie lässt die Vorstellung der letzteren so leicht, mühelos, harmonisch abrollen, als ob sie von den Wesensgesetzen des ersteren allein bestimmt wären. Daher das Gefühl der Befreiung, das die ästhe­tische Stimmung mit sich führt, die Erlösung von dem dumpfen Druck der Dinge, die Expansion des Ichs mit all seiner Freude und Freiheit in die Dinge hinein, von deren Realität es sonst vergewaltigt wurde.«[30] Moderne Kunst zeichnet sich durch die reflektiertere und umwegigere Befriedigung dieses Bedürfnis aus.[31]

Wie andere gesellschaftliche Sphären erweist sich auch die Kunst als Delegation einer Aufgabe, die unter nachkapitalistischen Verhältnissen Querschnittsaufgabe wäre, auf einen jeweils damit monofunktional-exklusiv befassten Bereich. »Es wird etwas herausgezogen, entnommen, woanders zusammengezogen, wie umgekehrt hier etwas konzentriert wird, was woanders herausgezogen wird. Es ist, als würden die einzelnen Räume als Akkumulatoren spezifischer Befugnisse wirken, welche die umliegenden Räume hinsichtlich dieser einen speziellen Zuständigkeit leerpumpen, ein Vakuum in ihrer Umwelt erzeugen.«[32]

Insofern die Kunst in ihrer Antwort auf defiziente Notwendungen und Beantwortungen der kapitalistischen Ökonomie durch andere Überbauten diese zwar beanstandet, aber inhaltlich voraussetzt, gerät sie mit ihrem Antwort- und Aufhebungsversuch in wiederum eigene Probleme. Sie lassen sich hier aus Platzgründen ebenso wenig darstellen wie die Religion als nächste und wiederum dilemmatische Stufe der verschobenen Bearbeitung von unauflösbaren Mängeln vorheriger Notwendungsversuche.[33] Kunst und Religion antworten auf das Leiden an den gesellschaftlichen Trennungen, Gegensätzen, Indifferenzen und Eigendynamiken vom Standpunkt der zu ihnen komplementären Seite, des auf sich zurückgeworfenen Individuums.[34] Es macht einen »Einheits- und Ganzheitstrieb, den das Individuum für sich allein hat«, geltend. »Es will in sich abgerundet sein und nicht nur die Gesellschaft abrunden helfen.«[35] Insofern helfen keine Optimierungen von Recht, Politik, Moral und Kunst. „Die Kunst wird in dem Maße verschwinden, als das Leben mehr Gleichgewicht haben wird« (Piet Mondrian). Für die anderen Überbauten gilt Entsprechendes.

Die Aufbauordnung der verschiedenen Sphären ist nicht reduktiv, sondern rekonstruktiv zu denken. Die unterschiedlichen Stellungnahmen zur kapitalistischen Ökonomie nehmen letztere aus der Perspektive der jeweiligen ökonomieexternen Sphäre wahr und beziehen sich jeweils nie allein auf die kapitalistische Ökonomie, sondern immer auch auf die Stellungnahmen zu ihr aus den anderen Überbauten, antworten auf die Ökonomie also in Reaktion auf anderweitige Beantwortungen. Die Stellungnahmen der Überbauten bilden einen unendlich sich fortwälzenden Kreislauf und eine auf der Stelle tretende Geschäftigkeit: Die Kritik an der Ökonomie führt zur Affirmation des Politischen, die Beanstandungen der Politik formulieren sich moralisch und zahlen den Tribut der Affirmation der Moral, vor dem Hintergrund von Ökonomie, Politik und Moral sonnen sich Kunst und Kultur, der Überdruss am Subjektivismus und Ästhetizismus leitet über zum positivistischen Einverständnis mit den ökonomischen und politischen Sachzwängen. Mängel und Probleme einer Sphäre werden nicht selbst bearbeitet, solange sie für andere Sphären willkommener Anlass sind, ihre Angebote absetzen zu können.

Selbstverständlich konnte ich schon aus Platzgründen hier nur einige notwendige Zusammenhänge der gesellschaftlichen Aufbauordnung skizzieren und beanspruche keine hinreichende Darstellung. Sie kann zurückgreifen auf vorliegende vorzügliche Arbeiten, die die Selbständigkeit der ökonomieexternen Sphären der Ökonomie gegenüber und die Konstitution dieser Sphären aus den gesellschaftsformationsspezifisch herrschenden Strukturen und Formen analysieren und dabei sowohl methodisch mit großer Sorgfalt vorgehen als auch mit dem besonderen Stoff der einzelnen Sphären vertraut sind, es also vermögen, diese Sphären von innen zu ihrer gesellschaftlichen Konstitution aufzuschließen. Aus Platzgründen findet sich eine Liste dieser Arbeiten nicht in der Druck-, sondern in der Internetversion dieses Artikels auf meiner Internetseite www.meinhard-creydt.de. Der Anhang enthält auch eine Richtigstellung zur von Hanno Pahl im ersten Absatz seines Artikels in Nr. 25 von ›Phase 2‹ 2007 vorgenommenen, meine Position ins Gegenteil verkehrenden Darstellung. Pahl zufolge bin ich Anhänger der Differenzierungs- und Gegner der Formtheorie. Sowohl die Umfangsbegrenzung dieses Artikels auch der Nichtabdruck der Richtigstellung im Heft verdanken sich Maßgaben der Redaktion von ›phase 2‹.


* Die Redaktion hat dem Artikel den sinnlosen Untertitel hinzugefügt: „Die Selbständigkeit der ökonomieexternen Sphären der Ökonomie“. Dieser Untertitel stammt nicht von mir. Seine letzten beiden Worte sind völliger Unsinn. Aber auch „die Selbständigkeit der ökonomieexternen Sphären“ bildet nicht das Thema des Artikels, sondern ihr jeweiliger Ort im Gefüge der Gesellschaftsformation. Im vierten Absatz des Artikels hat die Redaktion ohne Rücksprache den zweiten Satz umformuliert. Statt „Der politische Wille versteht sich“ heißt es in der Druckausgabe: „Der politische Wille dient“.

[1]Uwe Schimank, Theorien gesellschaftlicher Differenzierung. Opladen 1996, 189.

[2] Thema sind hier die ökonomieexternen ›Anteile‹ dieser Sphären im Unterschied zu Überschneidungen dieser Sphären und der Ökonomie wie z. B. zwischen Staat und Ökonomie im Staatshaushalt oder zwischen Ökonomie und Kultur in der Kulturindustrie.

[3] MEW 23, 90. »Es ist also nicht der Mensch, der sich selbst über die Realität täuscht, es ist die Realität, die ihn dadurch täuscht, dass sie unvermeidlich in einer Form erscheint, die sich dem spontanen Bewusstsein der in der Geschäftswelt lebenden Menschen auf verdrehte Weise zeigt und verbirgt« (Maurice Godelier, Perspectives in Marxist Anthropology. New York 1977, 170.

[4] Hermann Koczyba, Widerspruch und Theoriestruktur. Frankf. M.1979, 188.

[5] Vgl. a. MEW-Erg.bd. 1, 550f.

[6] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie. Berlin DDR 1974, 74

[7]Eugen B. Paschukanis, Allgemeine Rechtslehre und Marxismus. Wien, Berlin 1929, 134.

[8] MEW 1, 402.

[9] Margaret Wirth, Zur Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus. In: Prokla Bd. 8/9, 38. Ich zitiere Wirth, um zu zeigen, dass der gegenüber der deutschen ›Staatsableitungsdiskussion‹ der 70er Jahre beliebte und inzwischen wohlfeil gewordene Funktionalismusvorwurf das damalige Problembewusstsein nicht trifft. Zu ihm gehört auch die Unterscheidung zwischen Formanalyse und der historisch konkreten Analyse sowie die Verortung der ›Staatsableitung‹ auf dem Abstraktionsniveau des Formwissens.

[10] Z. B. von Peter Koslowski, Prinzipien der Ethischen Ökonomie. Tübingen 1988.

[11] Vgl. dazu Meinhard Creydt, Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit: Frankf. M. 2000, 263ff.

[12] Vgl. Domenico Losurdo, Realismus und Nominalismus als politische Kategorien. In: Ders., Hans Jörg Sandkühler (Hg.), Philosophie als Verteidigung des Ganzen der Vernunft. Köln 1988

[13] Marx 1974, 81.

[14]Ebd., 176. S. a. MEW 25, 826f.

[15]MEW 1, 54.

[16] MEW 1,177.

[17] Edmund Jacoby, Wissen und Reichtum. Frankf. M. 1982, 199f.

[18] Immanuel Kant, Theorie-Werkausgabe. Frankf. M.1968, XI, 224.

[19] Ebd. 229.

[20] Vgl. Hartwig Schmidt, Das unterwürfige Selbst. Zur Kritik des Ipsismus. Mainz 1995. Vgl. a. Creydt 2000, 304-27.

[21] Georg Wilhelm Friedrich:Hegel, Werke. Hg. v. Moldenhauer/Michel 20 Bde. Frankf.M. 1971, Bd 3, 314.

[22] Ebd. 315.

[23] Ebd., 314.

[24] Max Horkheimer, Autorität und Familie. In: Ders.: Traditionelle und kritische Theorie. Frankf. M. 1970, 215.

[25] Theodor W. Adorno, Soziologische Schriften.Bd.1 Frankf.M .1979, 54.

[26] Ebd., 55f..

[27] Vgl. dazu Creydt 2000, 263-382.

[28] .Vgl. Hegel 3, 425.

[29] Georg Simmel, Tendencies in German Life and Thought since 1870. In: International Monthly (New York) 5, 1902, 176f.

[30] Georg Simmel, Gesamtausgabe. Hg. von Otthein Rammstedt. Frankf. M., Bd. 6, 441f. »Die Musik bewirkt, dass ich mich selbst, meine wirkliche Lage vergesse; sie versetzt mich in eine andere, mir fremde Lage. Unter ihrer Einwirkung glaube ich etwas zu empfinden, was ich in Wirklichkeit nicht empfinde, etwas zu verstehen, was ich nicht verstehe, etwas vollbringen zu können, was ich nicht vollbringen kann“ (Leo Tolstoi, Kreuzersonate, Kap.23).

[31] Vgl. Creydt 2000. 330f.

[32] Wolfgang Fritz Haug, Elemente einer Theorie des Ideologischen. Hamburg 1993, 143.

[33] Ich verweise zu diesen beiden Themen auf Richard Kroner, Die Selbstverwirklichung des Geistes. Tübingen 1928, 162ff.

[34] Vgl. dazu Creydt 2000, Teil III.

[35] Vgl. Simmel; Gesamtausgabe Bd. 10, 87.