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(in: Telepolis, 8.5. 2026)

Vom deutschen Nationalsozialismus ist heute vor allem die Vernichtung der europäischen Juden bekannt. Weit weniger Aufmerksamkeit gilt einem anderen Ziel des Nationalsozialismus, der Eroberung von „Lebensraum im Osten”. Von dieser Landnahme erhofften sich die Nationalsozialisten, die „Proletarisierung” der deutschen Bevölkerung massiv verringern sowie die Bedeutung des „Bauerntums” erheblich vergrößern zu können. Wer sich nach den Gründen für die damalige Attraktivität des Nationalsozialismus fragt, wird beide Ziele nicht unterschätzen.

Die Weltwirtschaftskrise bestätigte den Nationalsozialismus in seinem Streben nach einem vom Weltmarkt weitgehend abgeschotteten krisenfreien Großraum. Das zentrale nationalsozialistische Motiv für die Eroberung von „Lebensraum” im Osten bestand darin, „Industrie und Handel von ihrer ungesunden führenden Stellung” zu entfernen und „einzugliedern in den allgemeinen Rahmen einer nationalen Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft. Beide sind damit nicht mehr die Grundlage der Ernährung einer Nation, sondern ein Hilfsmittel derselben.” So schrieb es Hitler in „Mein Kampf”. Den Nationalsozialisten ging es bei der von ihnen propagierten Bedeutungsverringerung von Industrie und Handel um die Aufwertung des dem NS zufolge sträflich unterschätzten Bauerntums.

Hitler führt weiter aus, die „Erhaltung eines gesunden Bauernstandes als Fundament der gesamten Nation” könne „niemals hoch genug eingeschätzt werden. Viele unserer heutigen Leiden sind nur die Folge des ungesunden Verhältnisses zwischen Stadt- und Landvolk. Ein fester Stock kleiner und mittlerer Bauern war noch zu allen Zeiten der beste Schutz gegen soziale Erkrankungen, wie wir sie heute besitzen.“

Ein zentraler Schwerpunkt im nationalsozialistischen Plan für die Zukunft war die Neuansiedlung von Germanen im Osten und die Schaffen eines Lebensraums dort. Hitler machte bereits in „Mein Kampf” klar: „Wollte man in Europa Grund und Boden, so konnte dies im großen und ganzen nur auf Kosten Russlands geschehen.” Am 3.8.1944 sagte Heinrich Himmler: „Das ist unverrückbar, dass wir die Volkstumsgrenze um 500 km herausschieben, dass wir hier siedeln. [...] Es ist unverrückbar, dass zu den 90 Millionen die 30 Millionen übrigen Germanen dazukommen werden, so dass wir unsere Blutsbasis auf 120 Millionen Germanen vermehren. [...] Es ist unverrückbar, dass wir diesen Siedlungsraum erfüllen, dass wir hier den Pflanzgarten germanischen Bluts im Osten errichten.”

Die besondere Wertschätzung der Bauernschaft führte beim NS nicht zu einer pauschalen Technikfeindschaft. Es ging dem NS um keine Totalkritik an der Industrialisierung, sondern um eine Kritik an der Überindustrialisierung. Kein Zurück zu vorindustriellen Zuständen war das Ziel, sondern eine Neuproportionierung des Verhältnisses zwischen Industrie und den bäuerlichen Fundamenten der Nation.

Die „germanische Blutsbasis” sollte verbreitert werden durch die Freiwilligen aus Norwegen, Dänemark, den Niederlanden und dem flämischen Teil Belgiens, die bereits in den Waffen-SS-Divisionen teilnahmen. Ihnen wurden für die Zeit nach dem Krieg in den eroberten Ostgebieten das gleiche Siedlungsrecht zugesichert, wie es die Einwohner von Vorkriegs-Deutschland hatten.

Die Siedlungspolitik im europäischen Osten sollte die Fläche des von Deutschen bewirtschafteten Bodens vergrößern. Davon und von der Erhöhung der Zahl der Bauern versprach sich der Nationalsozialismus das angestrebte Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft und Industrie. Die Industrie sollte nicht absolut verringert werden, aber durch die Vergrößerung ihres agrarischen Gegengewichts relativ an Bedeutung verlieren. Man wollte weder zu einem Agrarstaat zurück noch einen reinen Industriestaat.

Die Vorstellung einer Verbindung von modernen und nichtmodernen Momenten stand scheinbar quer zum Gegensatz zwischen prokapitalistischen und sozialistischen Kräften. Diese Vorstellung versprach eine fundamentalere Veränderung als die, die im Rahmen einer kapitalistischen und einer sozialistischen Richtung möglich sei. Beide seien, so die nationalsozialistische Auffassung, sich in der Bejahung einer ungezügelten Modernisierung einig.

Diese Orientierung des Nationalsozialismus war besonders attraktiv für Bauern und kleine Handelstreibende. Sie fürchteten sich davor, ihre „Selbständigkeit” zu verlieren. 1925 waren 31% der Erwerbsbevölkerung in der Land- und Forstwirtschaft tätig, 41% im produzierenden Gewerbe. Das unterscheidet die damalige Sozialstruktur grundlegend von der der Bundesrepublik Deutschland, in der die Bauernschaft kontinuierlich abnahm und große Einkaufsgeschäfte kleine Läden verdrängten.

Hitler erließ im Juli 1942 eine Direktive zur Kolonisierung der Sowjetunion und Osteuropas. Erhalten ist sie in den Worten von Martin Bormann: „Die Slawen sollen für uns arbeiten. Soweit wir sie nicht brauchen, mögen sie sterben. Bildung ist gefährlich. Es genügt, wenn sie bis 100 zählen können. Höchstens die Bildung, die uns brauchbare Handlanger schafft, ist zulässig. Jeder Gebildete ist ein zukünftiger Feind. Die Religion lassen wir ihnen als Ablenkungsmittel. An Verpflegung bekommen sie nur das Notwendige. Wir sind die Herren, wir kommen zuerst.”

Das Programm der Kolonisierung und Germanisierung der eroberten Gebiete, wie es seit Anfang der 1940er Jahre im „Generalplan Ost” konkretisiert wurde, lasse sich nicht realisieren, wenn nicht „Arbeitssklaven ohne Rücksicht auf irgendeinen Verlust unsere Städte, unsere Dörfer, unsere Bauernhöfe bauen”, so Heinrich Himmler.
Hitler hatte im Frühjahr 1941 die 200 leitenden Kommandeuren der Wehrmacht bei einer Zusammenkunft in Berlin eingeschworen auf die Parole „Im Osten ist Härte mild für die Zukunft”.

Bei der deutschen Blockade Leningrads sind dort 900.000 Menschen verhungert. In Belorussland wurden 628 Dörfer und ihre Einwohner ausgelöscht. Zehn der siebenundzwanzig Millionen Toten auf sowjetischer Seite starben im zweiten Weltkrieg nicht infolge von Kampfhandlungen, sondern aufgrund der gezielten Zerstörung der Lebensgrundlagen. 100.000 landwirtschaftliche Betriebe wurden zerstört, viele andere wurden des Viehs, des Saatguts und der Gerätschaften beraubt. Die deutschen Truppen verwüsteten 125 Großstädte, 1710 Kleinstädte und 70.000 Dörfer ganz oder teilweise. Infolgedessen verloren 25 Millionen Menschen ihr Obdach. John F. Kennedy verglich die Situation im von deutschen Truppen besetzten Russland in einer Rede vom 10. Juni 1963 mit „einer Zerstörung Amerikas östlich von Chicago”.

In den deutschen Lager für sowjetische Kriegsgefangene lag die durchschnittliche Sterbequote bei 60% – im ersten Kriegswinter lag bei 70 bis 80%. Polen und Russen galten Nationalsozialisten als minderwertige Rasse. Nicht nur deshalb gingen die deutschen Truppen in Polen und der Sowjetunion anders vor als in Frankreich oder den Benelux-Ländern. Der Vernichtungskrieg diente dazu, die Bevölkerung zu reduzieren, um Raum frei zu bekommen zur Ansiedlung germanischer Bauern. Himmler ließ keine Zweifel aufkommen, als er 1942 betonte, „dass man die soziale Frage nur dadurch lösen kann, dass man die anderen totschlägt, damit man ihre Äcker bekommt.” Wenn Hitler, Himmler und andere Nationalsozialisten von „Härte” sprechen, weiß jeder, was gemeint ist. Die „Milde”, von der sie reden, bezogen sie ausschließlich auf diejenigen, die ihrer rassischen Norm entsprechen und sich konform zum Nationalsozialismus verhalten.

In der Erinnerungskultur der Bundesrepublik waren die sowjetischen Opfer des Nationalsozialismus nie sonderlich präsent. Seit 2022 gibt es nun gute Ausreden, diese Ignoranz noch zu steigern.