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Eine zentrale Misere des Gesundheitswesens bleibt bislang unterbelichtet.
(In: Telepolis, 19.2. 2026)

Im Gesundheitswesen in der modernen bürgerlichen Gesellschaft stehen die Reparatur und Linderung von individuelle Gesundheitsproblemen im Zentrum. Weitgehend ausgeblendet werden solche Aktivitäten und Umstrukturierungen, die die gesellschaftlichen Ursachen für Krankheit verringern. Sie bleiben der Selbstsorge des vereinzelten Einzelnen entzogen.

Gesellschaftliche Ursachen gesundheitlicher Probleme
Krank machen gesundheitsschädliche Stoffe in der Nahrung und in der Umwelt. Der Gesundheit abträglich sind körperlich schwere Belastungen, die das Arbeiten unter Rauch, Staub, Gasen und Dämpfen oder unter Kälte, Hitze oder Nässe betreffen. Das Tragen schwerer Lasten, die Arbeit in ungünstiger Körperhaltung und das lange Stehen schaden dem Stütz- und Bewegungsapparat. Krank machen Verletzungen des Bio-Rhythmus bzw. des Tag-Nacht-Rhythmus der Menschen durch Nachtarbeit und wechselnde Schichtzeiten.

Schädlich für die Gesundheit ist negativer Stress infolge von Überforderung in Folge von zu hohen Leistungsanforderungen. Sie entstehen z. B. dadurch, dass Arbeitskräfte etwas erfüllen sollen, dass sich nur durch mehr Personal erreichen lässt. Bei Personen, die durch ihre Arbeit oder durch Sorgen vor Existenzunsicherheit ständig angespannt sind und unter Druck stehen, steigt die Wahrscheinlichkeit für Bluthochdruck und Arteriosklerose.

Krank machen widersprüchliche Handlungsanforderungen: Im kapitalistischen Erwerbs- und Geschäftsleben bewegen sich die Beteiligten in Gegensätzen zwi¬schen der Verausgabung von Arbeitskraft und deren Erhalt, Unterordnung und Selbständigkeit, Wahrnehmung von Interessen und Anpassung, Konkurrenz und Kooperation, Unabsehbarkeit der gesellschaftlichen Entwicklung und langfristiger individueller Planung.

Die Überforderung und Auslaugung von Menschen in der Arbeitswelt beschäftigt die politische Öffentlichkeit gegenwärtig weit weniger als die Belastung der ökologisch relevanten Natur bzw. die Veränderung des Klimas. Viele Arbeitende stehen unter ständigem Stress, die Arbeitsanforderungen zu schaffen. Ihre Fähigkeiten, Energien und Aufmerksamkeit werden ausgepresst wie eine Zitrone. An Personal gilt es allenthalben zu sparen, bei den Arbeitsanforderungen gibt es von Seiten der Unternehmens- und Organisationsleitungen tendenziell kein „genug“.

Ausmaß von Erschöpfung und negativem Stress
Das Resultat ist massiv: Die Pronova BKK gehört zu den größten Betriebskrankenkassen. Ihrer Umfrage „Arbeiten 2023” zufolge nehmen 49% ihren Arbeitsalltag als stressig wahr. Der 2025 veröffentlichten Studie „Leisure Sickness: Freizeit versus Arbeit” der Internationalen Hochschule in Erfurt zufolge „gibt mehr als ein Drittel der Befragten an, nach der Arbeit nicht gut abschalten zu können und Schwierigkeiten zu haben, sich auf die Freizeit zu konzentrieren (38,4 Prozent). Auffällig dabei: Bei den jungen Arbeitnehmer:innen bis 25 Jahre erleben das sogar 45,0 Prozent, also fast die Hälfte.” (https://www.iu.de/forschung/studien/leisure-sickness/freizeit-vs-arbeit/)

Eine Studie der Universitäten Gießen und Hildesheim zeigt: Wer negativen Stress bei der Arbeit hat, macht weniger Sport. Darüber berichtete der WDR am 13.3. 2025. (https://www1.wdr.de/nachrichten/studie-stress-arbeit-sport-100.html) Rund die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland (52,8%) fühlt sich erschöpft. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag des Beratungsunternehmens Auctority (Der Tagesspiegel 13.9. 2023).

Sei ein Subjekt, zeige Dich für Dich selbst verantwortlich
Kann ein Individuum einer unattraktiven und belastenden Erwerbsarbeit nicht ausweichen, kommt es in ein Dilemma. Seine Distanz zur Arbeit stellt auch die eigene Person infrage. (Der Erwerbstätige kann ja nicht meinen, er sei nur in seiner „Rolle” als Arbeitskraft in der Arbeit präsent und diese wirke sich auf seine sonstige Subjektivität nicht aus.) Einerseits wird von den Arbeitenden erwartet, dass sie ihre Fähigkeiten, ihr Bewusstsein und ihre Sinne betätigen. Zugleich steht diese Betätigung im Gegensatz zum wohlverstandenen Interesse des Arbeitenden an der Entwicklung seiner menschlichen Vermögen (Sinne, Fähigkeiten, Bewusstsein). Der Arbeitende gerät in eine Feindschaft zu sich selbst. Um seine Arbeitsstelle und sein Arbeitseinkommen zu behalten, muss er sich häufig auf ein Detailgeschick vereinseitigen und übermäßig verausgaben.

Der Gesundheit abträglich ist auch die bürgerliche Einheit der Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstbeschuldigung. „Identität“ stellt die Anforderung an den vereinzelten Einzelnen dar, die stattfindende individuelle Existenz als „eigenes“ Leben aufzufassen, wenn nicht sogar zum eigenen „Entwurf“ umzudeuten. Wenigstens aber gilt es, subjektiv Ordnung zu bewerkstelligen – bei objektiv-gesellschaftlicher Unordnung und untereinander nur schwer oder nicht zu vereinbarenden Handlungsanforderungen sowie undurchsichtigen Voraussetzungen und unabsehbaren Konsequenzen der Handlungen.

Gesundheitsbezogene Auflagen unterbinden in der modernen bürgerlichen Gesellschaft mit kapitalistischer Ökonomie günstigenfalls das Schlimmste, aber nicht das Schlimme. Der Umfang der Schädigung menschlicher Gesundheit sowie der inneren Vermüllung menschlicher Körper mit gesundheitsabträglichen Fremdstoffen durch die Chemieindustrie ist in Deutschland groß. Dies vergegenwärtigt ein Artikel: https://www.telepolis.de/article/Fremdstoffe-im-Koerper-Warum-Experten-von-innerer-Vermuellung-sprechen-11079712.html.

Auch das Beispiel Glyphosat zeigt: Unternehmen müssen nicht nachweisen, dass ihre Produkte gesundheitlich unbedenklich sind. Vielmehr können sie – wie im Fall dieses meistverkauften Pestizids – solange verkaufen, wie nicht wasserdicht nachgewiesen ist, dass das Produkt krebserzeugend ist. Der Schutz der „Handlungsfreiheit” von Unternehmen hat im Verfassungsrecht einen sehr hohen Stellenwert.

Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK (Betriebskrankenkassen) Dachverbandes, sagt: „Prävention wird oft belächelt und fristet nach wie vor ein Nischendasein im deutschen Gesundheitswesen. Dabei wird gerne übersehen, dass der Fokus derzeit weniger auf der Gesunderhaltung als vielmehr auf der Heilung von Krankheiten liegt“ (Pressemitteilung des BKK-Dachverbands vom 5.12. 2024).

Im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft und der kapitalistische Ökonomie bleibt die Medizin dadurch begrenzt, dass sie sich an dem orientiert, was sich individuell erreichen lässt, wenn sich an den gesellschaftlichen Ursachen für die Schädigung von Gesundheit wenig ändert. Mittlerweile heißt es aber selbst auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (20.8.23, Nr. 33): „Eine schlechte Ernährung – und Übergewicht – ist kein Versagen des Einzelnen, sondern Folge der Omnipräsenz ungesunder Lebensmittel.“

Stress und „blaming the victime”
Der alltägliche Gebrauch des Begriff „Stress” unterscheidet häufig nicht, woher der Stress kommt. Beliebt ist in der öffentlichen Rede über gesundheitliche Belastungen eine Verschiebung. Gern wird suggeriert, das Individuum mache „sich” zum großen Teil den Stress „selbst”. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann darauf, wie das Individuum mit objektiven Belastungen „umgeht”. Unterstellt wird als Positivmaßstab gern eine Art Übermensch mit kolossal robuster Widerstandskraft. Solche Helden vermögen alle Belastungen wegzustecken, alles zu kompensieren und jede Zumutung als positive Herausforderung anzusehen, an der sie nur wachsen können.

Gemessen an diesem Ideal gelten die wirklich existierenden Individuen als Mängelwesen. Ihr subjektives Verhältnis zur Außenwelt und nicht diese selbst steht nun im Zentrum. Geredet wird dann über objektive Zumutungen gegen die eigene Gesundheit tendenziell so wie über das Wetter: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung.” Sei das Individuum mit dem richtigen Nervenkostüm und robusten Abwehrkräften ausgestattet, könne kommen, was wolle, es bleibe äußeren Zumutungen überlegen.

Gewiss können z. B. psychologische Berater nicht die Arbeitsverhältnisse verändern. Aber es macht einen Unterschied ums Ganze, ob die Betroffenen die objektive Überlastung wahrnehmen oder sich einreden (lassen), es hänge alles vom individuellen subjektiven Umgang mit ihr ab. Viel zu leicht heißt es dann: „Ich überfordere mich“ statt „Ich werde überfordert“. Beliebt ist z. B. der Ratschlag „‚Man muss sich einfach nur besser abgrenzen?’ Dadurch werden andere, externe Stressoren übersehen und vor allem, dass man sich eben nicht einfach ohne Konsequenzen abgrenzen kann, wenn permanent Grenzen überschritten werden“ (Flick 2021, 74). Sabine Flick beschreibt und analysiert prägnant und instruktiv, wie viele Berater, Psychologen und Therapeuten die Berichte von Klienten über Arbeitsleid psychologisierend uminterpretieren (Flick 2020,10-20).

Das gesundheitliche unvernünftige individuelle Verhalten und die Schuldzuschreibung
Zwar kann das einzelne Individuum sein „Risikoverhalten” verringern oder einstellen. Die öffentliche Aufforderung dazu bleibt aber solange wohlfeil, wie nicht gefragt wird, warum in der bestehenden Gesellschaft ein so großes Bedürfnis nach Entspannung und Stimmungsaufhellung existiert. Es motiviert dazu, Entspannung im Essen zu suchen oder im Übermaß Alkohol zu trinken. Ebenso wenig kommt in den Blick, warum das Rauchen mit seinem Effekt der gleichzeitigen Steigerung der Leistungsfähigkeit und Entspannung so beliebt ist. Gerade weil Gesundheit auch vom Verhalten des Einzelnen abhängt, liegt es nahe, diesen eigenen „Anteil” zu übertreiben und zu verabsolutieren, insofern das Individuum ja auch auf anderes wenig Einfluss hat.

Weit verbreitet und beliebt ist die Klage über die Uneinsichtigkeiten, Inkonsequenzen und Unmäßigkeiten im individuellen gesundheitsbezogenen Verhalten. In der Diskussion um die Ausstattung des Gesundheitswesen mit knappen finanziellen Mitteln spielt die Klage über die unvernünftigen Patienten eine große Rolle. Insofern die Kranken für ihre Krankheit verantwortlich gemacht werden, erscheinen die Leistungen des Gesundheitswesens als eine Gunst, die einer Klientel zuteil werde, die ungesund lebe. Dies setzt sich fort bis in die einzelne Arzt-Patient-Interaktion. Insofern die Ärzte meinen, die Patienten ließen es in einem fort an Sorge um ihre Gesundheit fehlen und würden die guten Ratschläge der Ärzte häufig nicht oder nur inkonsequent beherzigen, stumpfen Mediziner ab. Sorgfalt, Engagement und Empathie gegenüber dem Patienten sinken.

Für die Ärzte gilt: „Erst die Tatsache, dass wir nicht für kranke Menschen verantwortlich, sondern für Erledigungen innerhalb eines Berufsfeldes zuständig sind, gibt uns die Möglichkeit, selbst bei zunehmendem Leiden unserer Patienten mit dem Gefühl erfolgreicher Berufstätigkeit nach Hause zu gehen. […] Wir müssen das Spiel mitma¬chen, uns auf eine Rolle als Experten für Symptombeseitigung beschrän¬ken. […] Sie lässt uns in kurzfristigen Abläufen von Ursache und Wirkung denken, nicht vernetzt in langfristigen Kreisläufen zusammenhängender Beziehungen. […] Vor allem Symptome zu beseitigen, ist sicher auch die bequemste Art, ein Problem zu lösen: Der Leidensdruck ist erst einmal weg. So kommt diese Medizin auch der Neigung aller Menschen zur Homöostase entgegen, der unbewussten Neigung, sich mit den gerade existierenden Lebensbedingugen zu arrangieren und lieber Leid als Veränderung zu ertragen, solange das Leid nur langsam genug zunimmt, dass man sich daran gewöhnen kann” (Becker 1992, 28-31).

Was sich nicht nur am Gesundheitswesen ändern muss
Gewiss sind im Gesundheitswesen mehr Stellen für Krankenpflegepersonal und Ärzte notwendig. Private Kliniken sind zu rekommunalisieren bzw. in öffentliches Eigentum umzuwandeln. Eine bedarfsgerechte kostendeckende Finanzierung von Kliniken ist erforderlich. Es bedarf gesetzlicher Regelungen, wie viel Personal mit welcher Ausbildung für wie viele Patienten vorgesehen ist. Dass niedergelassene Ärzte in ihren Praxen in Konflikte zwischen den Interessen an Einkommensmaximierung und dem Patientenwohl geraten, lässt sich nur strukturell überwinden. In einem anstrebenswerten Gesundheitswesen werden Ärzte, die außerhalb von Kliniken arbeiten, in öffentlich finanzierten und beaufsichtigten Ärztehäusern bzw. Ambulanzen angestellt. Der gegenwärtige Kleinunternehmerstatus von Ärzten in freien Arztpraxen tut ihrer Tätigkeit nicht gut. Das Profitinteresse muss auch in der Pharmaindustrie überwunden werden. Es erhöht die Kosten für das Gesundheitswesen massiv. Ebenso verhält es sich mit der Konkurrenz der verschiedenen Krankenkassen. Die Zwei-Klassen-Medizin ist zu verabschieden.

All diese Veränderungen sind not-wendig. Der öffentliche Druck in diese Richtung bleibt bislang zu gering. Dazu trägt auch die Individualisierung und Versubjektivierung gesundheitlicher Probleme bei. Die Alternative dazu besteht darin, die sozialen Ursachen für die Schädigung der Gesundheit angemessen in den Blick zu bekommen und ihre Überwindung zu einer Querschnittsaufgabe aller gesellschaftlichen Bereiche zu machen.

Literatur:
Becker, Jo 1992: Biologische Psychiatrie, Sozialpsychiatrie – Kriegen wir jetzt die Ökopsychiatrie? In: Burghard Andresen, Fritz-Michael Stark, Jan Gross (Hg.): Mensch, Psychiatrie, Umwelt – Ökologische Perspektiven für die soziale Praxis. Bonn

Flick, Sabine 2020: Biografisierung als Doktrin. Der biografische Blick in der Psychotherapie. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung. Heft 2/ 2020

Flick, Sabine 2021: Der blinde Fleck der Psychologie. In: Psychologie Heute, H. 4