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Im weit verbreiteten Theorem vom bis 1945 andauernden ‚deutschen Sonderweg’ wird eine vermeintlich in Deutschland besonders stark ausgeprägte obrigkeitsstaatlich-autoritäre Orientierung und ein schwaches Bürgertum behauptet und als Schlüsselmoment auch der Erklärung des Nationalsozialismus propagiert.

Im weit verbreiteten Theorem vom bis 1945 andauernden ‚deutschen Sonderweg’ wird eine vermeintlich in Deutschland besonders stark ausgeprägte obrigkeitsstaatlich-autoritäre Orientierung und ein schwaches Bürgertum behauptet und als Schlüsselmoment auch der Erklärung des Nationalsozialismus propagiert. Ich habe in meinem Artikel ‚Abweg und Sonderweg’ dieses Konstrukt kritisiert. Der Artikel erschien in ‚Utopie kreativ H. 128, 2001 und eine andere Fassung in ‚Die Aktion’ (Nautilus-Verlag) H. 202, 2001. Vorzustellen waren Argumentationen, die erstens den dem Konstrukt ‚deutscher Sonderweg’ zugrunde liegenden (negativ ausfallenden) Vergleich mit anderen kapitalistischen Nationen infragestellen und zweitens auch die Erklärung des NS gerade n i c h t auf einen ‚deutschen Sonderweg’ zurückführen.In einer ‚Linken’, in der es seit langem zur schlechten Gewohnheit geworden ist, Kritik als bloße isolierte Maximierung hegemonialer Ideale zu verstehen, konnte es nicht ausbleiben, dass ‚antideutsche’ Streber die Vergangenheitsbewältigung überbieten. Sie absurdifizieren das Konstrukt des deutschen Sonderwegs, indem sie es zum Zentrum und zum passepartout i h r e r Weltanschauung ausbauen.

Einen unerwarteten Blick auf die behauptete obrigkeitsstaatliche und autoritäre Orientierung deutscher Bürger im 19. Jahrhundert ermöglichte die Diskussion um die Ursachen der verheerenden Waldbrände in Griechenland im August 2007, die eine Fläche von der Größe des Saarlandes vernichteten. Diesbezüglich erklärte Hans-Peter Kröger, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands, die unterschiedliche “Feuerwehrdichte” zu einer zentralen Ursache. “In Deutschland gibt es mehr als eine Million Feuerwehrleute, die allermeisten von ihnen sind Freiwillige, in kommunaler Regie organisiert, gut ausgerüstet, schlagkräftig an Ort und Stelle. … Dass es eine solche Feuerwehrdichte nur in Deutschland und Österreich gibt, hat historische Gründe. … Der Deutsche Feuerwehrverband wurde 1853 gegründet, die ersten deutschen Wehren entstanden aus den gleichen obrigkeitskritischen demokratischen Vorstellungen wie die kommunale Selbstverwaltung, die Vereine und die Genossenschaften zur Selbsthilfe, Stichwort Raiffeisen. … Diese Tradition lässt sich nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen, aber ohne die Grundidee der Selbsthilfe ist eine funktionierende Feuerwehr nirgendwo aufzubauen. … Das Erfolgsgeheimnis ist die Zehn-Minuten-Frist am Boden. In zehn Minuten muss die Wehr am Brandort sein und löschen, damit gar nicht erst ein großer Waldbrand entsteht. … Wenn es nicht gelingt, bei der Bevölkerung (in Griechenland - Verf.) ein Mindestmaß an Selbsthilfefähigkeit zu wecken, dann wird es immer wieder solche Katastrophen geben. .. Das muss von unten kommen, aus den Dörfern, den Gemeinden. Da müssten sich Bürgermeister und Gemeinderäte zusammensetzen und sagen: Wir schaffen uns jetzt zuallererst einen Feuerwehrwagen an, mit einer Löschwasserkapazität von 1000 Litern, und wir bilden Leute aus, die ihn bedienen können” (FAZ 29.8.07, S. 7).

Auch in der modernen Geschichtsschreibung ist die Legende vom deutschen Sonderweg nicht unumstritten. Das 2007 auf deutsch erschienene Buch “Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600-1947″ (896 S., München) des 1960 in Australien geborenen, in Cambridge lehrenden Christopher Clark gehört zu jenen Argumentationen, die Preußens Geschichte als “heikel, aber nicht pathologisch” werten (Berliner Ztg., 24.2.2007, S. 27). Im 19. Jahrhundert sei das Urteil der englischen Öffentlichkeit über Preußen nicht unbedingt unfreundlich gewesen. Die Londoner ‚Times’ verbindet 1860 mit Preußen keine Kriegslüsternheit. “Anwesend auf Kongressen, aber abwesend in Schlachten” sei Preußen, verfüge über eine große Armee, die bekannt dafür sei, “nicht kampfbereit zu sein. Wie Preußen zu einer Großmacht aufstieg, sagt uns die Geschichte, warum es immer noch eine ist, kann niemand sagen” (zit. n. Berliner Ztg.). “Die Preußen in Polen nehmen sich nicht gut aus (v. a. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts), aber, verglichen mit den Engländern in Irland oder Indien, auch nicht exzeptionell schlecht. Die Kriegervereine sind uns unsympathisch, aber Vergleichbares gab es eben auch in Frankreich und England” (Berliner Ztg.). Die bäuerliche Bevölkerung mache im 18. und 19. Jahrhundert “einen selbstbewussteren, ja munteren Eindruck als in den schwarzen Legenden vom Untertanenstaat. Wo die Gutsherrschaft neue Dienste von ihnen fordert, legen sie sich quer wie auch sonst in Europa” (Ebd.). Für die Zeit nach der gescheiterten Revolution von 1848 lautet Clarks Urteil: “Mochte die preußische Verfassung auch der Zeit hinterherhinken, für die politische Kultur gilt das keineswegs.” Clark ist nicht überzeugt von der These vom zivilisatorischen Scheitern Deutschlands durch die lang aufgebaute Schuld Preußens. “Die Originalausgabe ist in England und Amerika sehr gut besprochen worden, der Observer titelte ‚From Prussia with love’” (Berl. Ztg.).