Sep
03

Problematische Arbeitsinhalte und Gebrauchswertangebote im gegenwärtigen Kapitalismus
(erschien in: Telepolis 30.8.2014)
Der vollständige Artikel findet sich unter
http://www.heise.de/tp/artikel/42/42399/1.html
Wiedergegeben werden hier der erste Absatz, die Gliederung und der letzte Absatz.
Zur psychischen, alltagskulturellen1 und politischen Relevanz dieser Frage – nicht zuletzt angesichts der Fixierung vieler Linker auf die Verteilung – vgl. unten den letzten Absatz.
Kommen einander unbekannte Bürger [...]

Problematische Arbeitsinhalte und Gebrauchswertangebote im gegenwärtigen Kapitalismus

(erschien in: Telepolis 30.8.2014)

Der vollständige Artikel findet sich unter
http://www.heise.de/tp/artikel/42/42399/1.html
Wiedergegeben werden hier der erste Absatz, die Gliederung und der letzte Absatz.
Zur psychischen, alltagskulturellen1 und politischen Relevanz dieser Frage – nicht zuletzt angesichts der Fixierung vieler Linker auf die Verteilung – vgl. unten den letzten Absatz.

Kommen einander unbekannte Bürger ins Gespräch, dann taucht früher oder später die Frage „Was arbeiten Sie eigentlich?“ so sicher auf wie das Amen in der Kirche. Meist ist dabei die Vergewisserung mit im Spiel, ob das Gegenüber denn auch im Erwerbsleben seinen Mann oder seine Frau stehe und – wenn ja – wie weit sie oder er es dabei wohl gebracht habe. Die Frage könnte allerdings dem Gespräch auch eine ganz andere Wendung geben. Dann nämlich, wenn es um die Inhalte der Produkte oder Dienstleistungen ginge, für die gearbeitet wird. Wer unerschrocken und beharrlich dieser Frage nachgeht, dem werden Einblicke nicht verborgen bleiben, die weite Teile der Wirtschaft ebenso infrage stellen wie die Messung des nationalen Reichtums durch das Bruttosozialprodukt. Es steigt bekanntlich, wenn bspw. mehr Autos verunglücken und infolgedessen mehr Reparaturen bzw. Neukäufe getätigt werden.

(…)

Zu vergegenwärtigen ist der große Anteil der Arbeiten und Dienstleistungen in der modernen und kapitalistischen Wirtschaft, der unter folgende Rubriken fällt:

    - Produkte und Arbeiten, die schon immanent gesehen überflüssig sind;
    - Künstliche Verkürzung der Lebensdauer von Gebrauchsgütern durch eingebauten vorzeitigen Verschleiß;
    - Produkte und Dienstleistungen, die kostensenkende Einsparungen von Arbeit und Ressourcen zulasten der Tauglichkeit des „Produkts“ beinhalten;
    - Produktion von Gütern, deren Kauf infolge herrschender gesellschaftlicher Rahmenbedingungen nahe liegt, obwohl die gewünschte Leistung sich auch grundlegend anders und gesellschaftlich kostengünstiger erbringen lässt. Ein Beispiel: Mobilität erfordert weder die weite Verbreitung von privatem Eigentum an Autos noch die Dominanz des Autoverkehrs;
    - Waren und Dienstleistungen, die allein unter der gesellschaftlichen Voraussetzung von Privateigentum und Besitzindividualismus den Umfang aufweisen, den sie aktuell haben;
    - Produktion und Angebot von Gütern und Dienstleistungen, die gesellschaftliche Probleme voraussetzen und allein unter deren Fortbestand verkaufbar bleiben, deren Anbieter also an einer Überwindung dieser Mängel nicht interessiert sind;
    - Arbeiten, die allein der Konkurrenz geschuldet sind und dem in ihr notwendigen Bemühen, Käufer vom Angebot des Konkurrenten auf das eigene umzulenken (z.B. durch Werbung);
    - unbekümmerte Produktion bzw. Inkaufnahme von massiven Schädigungen der Gesundheit durch Produkte der Chemie- und Lebensmittelindustrie sowie der Landwirtschaft;
    - Arbeiten, die den finanziellen Interessen der Kunden oft abträglich sind („Beratung“ in Banken und Versicherungen);
    - Arbeiten, die aus sozialen Gegensätzen resultieren und dazu beitragen, sie aufrechtzuerhalten.

In diesem Artikel werden aus Platzgründen nicht zum Thema2 :

    - der verschwenderische Umgang mit Gesundheit in der Arbeit sowie Verschwendung an Arbeitsfreude und intrinsischer Motivation durch negative Arbeitsbedingungen und Konkurrenz;
    - Produkte, bei denen vor lauter Geschmacksverstärkern der Nährwert gegen Null geht. Dies betrifft nicht nur die Ernährung, sondern auch mediale Angebote („Kitsch“);
    - Bauten, mit denen „depressive Elemente in permanenter Weise in den Alltag“ gesetzt (Mitscherlich) und „menschenverdrängende Anblicke“ geschaffen werden (Handke);
    - Produkte, die einen schlechten Zustand von Fähigkeiten, Sinnen, Sozialbeziehungen und Reflexionsvermögen voraussetzen, bestätigen und befördern (vgl. z.B. die Bildzeitung, die Yellow Press, ein großer Anteil der Computerspiele, Pornographie u. a. .

(…)

Wer sich die hier nicht mit Anspruch auf Vollständigkeit3 genannten Varianten problematischer Arbeitsinhalte und ihren Umfang vergegenwärtigt, wird für den Rückbau bzw. die Einsparung von Arbeiten und Arbeitsplätzen eintreten, die ökologisch, sozial bzw. für die Entwicklung der Individuen schädlich sind. „Gute Arbeit“ beinhaltet nicht nur gute Arbeitsbedingungen, sondern auch gute Arbeitsinhalte. Not-wendig wird der (auch: Kultur-)Kampf um die Ausrichtung der Arbeit. Die gesellschaftliche Berechtigung vieler Arbeiten ist zu bestreiten. Die Arbeitenden müssen ihr Einkommen durch Vermietung der zeitweiligen Nutzungsrechte an ihrer Arbeitskraft erzielen. Sie machen sich die problematischen Arbeitsinhalte und Angebote dann auch oft subjektiv zueigen – nicht zuletzt deshalb, weil es schwer fällt, den ganzen Tag eine Arbeit zu tun, zu der man im Widerspruch steht. Die entsprechenden Mentalitäten verstärken die Existenz problematischer Arbeitsinhalte, ihre gesellschaftliche Ursache bilden sie nicht. Der herrschende Reichtumsbegriff steht infrage. Notwendig wird eine Kapitalismuskritik, die sich nicht auf die Verteilung konzentriert, sondern stärker die Inhalte der Arbeiten und Dienstleistungen in den Blick nimmt. Und damit sinnvollere Betätigungsweisen, die Einsparung ökologisch problematischer Produktionen und Müllberge, die Reduktion des Arbeitsvolumens und der Arbeitszeit sowie die Aufhebung der skizzierten Verschwendungen. Und nicht zuletzt die Emanzipation der Gesellschaft von den Gleichgültigkeiten und Zynismen gegenüber den Gebrauchswertangeboten und Arbeitsinhalten.

1 Zur Kritik an der „Autokultur“ vgl. http://www.meinhard-creydt.de/archives/142 und http://www.meinhard-creydt.de/archives/191.
2 Dieser Absatz ist nicht im in Telepolis-Artikel enthalten.
3 Zur Kritik am Gesundheitswesen im modernen Kapitalismus vgl. Creydt 2006, zur Kritik am Schulwesen vgl. Creydt 2011.