Jul
01

Kritik am Bericht über die Gartenkonferenz
in: Rabe Ralf Nr. 92, 2000

Meinhard Creydt
Kritik am Bericht über die Gartenkonferenz

(erschien in: Rabe Ralf Nr. 92, 2000)

Gegen die Globalisierung, für Regionalisierung, für eine radikale Veränderung von Landwirtschaft und Ernährung einzutreten ist bitter notwendig. Der ausführliche Bericht über die Gartenkonferenz im ‘Raben Ralf’ Nr. 90, verfaßt von Initiatoren der Veranstaltung, leistet diesem begrüßenswerten Anliegen aber einen wahren Bärendienst. Unklar bleibt, was für gesellschaftliche Voraussetzungen struktureller Art für eine von den Autoren gewünschte Ausdehnung von “Garten und Kleinstlandwirtschaft” auf dem Kongreß besprochen wurden. Der nebenbei hingeworfene Hinweis auf Bodenrecht und Saatgut ist ja wohl weniger als wenig. Unklar bleibt, warum die Verfasser meinen, daß sich die Leute von Gärten und Kleinstlandwirtschaft ernähren können. Täuscht die im Text suggerierte Gleichsinnigkeit von Schönheit des Naturempfindens und Gartenarbeit nicht aufs harmloseste über deren Härte hinweg? Warum nehmen die Verfasser ihre eigene Position nicht ernst? Das hieße doch aus Gründen der von ihnen befürworteten “Reagrarisierung”, die wiederum einen anderen Umfang hat als “Garten und Kleinstlandwirtschaft”, einzutreten für die Auflösung großer Städte und von ökologisch, verkehrsmäßig und sozial ebenso untragbaren Streusiedlungen. Vgl. bspw. ein einschlägiges Modell, das sich von seinen Voraussetzungen und Folgen wenigstens jene Rechenschaft ablegt, vor der die Verfasser zurückschrecken: P.M., Für eine planetarische Alternative. In: Widerspruch H. 34, Zürich 1997.

Die Verfasser erheben Gärten zu einer Art Allheilmittel und sammeln die unterschiedlichsten Phänomene als vermeintliche Unterstützung zusammen. Sie zitieren Kommunitarismus positiv herbei ohne Kritik an der in vielen seiner Spielarten problematischen Gemeinschaftstümelei, Opfer- und Familienseligkeit. Longo Mai wird positiv angeführt, als ob sich alternative Landwirtschaft nicht von “Garten und Kleinstlandwirtschaft” unterscheidet. Typisch für den Bericht ist die Bemerkung über “Städte wie New York, in denen Erwerbslosigkeit und allgemeine Verelendung immer mehr Müll und Kriminalität erzeugen (wer spricht sonst so?! – Verf.), wogegen die Gründung von gemeinschaftlichen Nachbarschaftsgärten auf Brachgrundstücken zwischen den Häusern durch aktive Bewohnerinnen verblüffend deutliche Linderung brachte.” Warum fehlt jede Frage danach, in welchem Verhältnis die Kriminalität in New York und Nachbarschaftsgärten stehen? Ist die im Text enthaltene Auskunft – “erhebliche Linderung” von Kriminalität durch Nachbarschaftsgärten – ernst gemeint? In welchem Ausmaß besteht überhaupt ausgerechnet in New York die Möglichkeit, solche Gärten einzurichten? Deutlich wird der Widersinn, Garten zum weltanschaulichen Zentrum oder zur fixen Idee zu erheben, auf das sich nun alles in der Welt – wenigstens: irgendwie – beziehen läßt.

Von Rußland wird berichtet, es sei die ‘informelle Wirtschaft’ unterhalb der staats- und marktdominierten Ebene, die “für das Überleben von 90% der Bevölkerung” sorge. Abgesehen vom fragwürdigen Tatsachengehalt: Die Autoren übergehen in ihrer Gartenfixierung den Unterschied zwischen Selbstversorgung und informeller Wirtschaft, die eben auch Tagelöhnerjobs, schlechteste Arbeitsbedingungen, Schwarzmarkt, Mafia und derlei Schönheiten mehr umfaßt. Und was das “Überleben” angeht, so ist die dramatisch gesunkene Lebenserwartung in Rußland ein Grund dafür, einen Unterschied zu machen: Zwischen notgedrungener Selbstversorgung und der “Wiederbelebung der Kleinstlandwirtschaft als praktikable Alternative zum Prozeß der Gobalisierung”. Was soll die Behauptung bedeuten, die weibliche Selbstversorgungshaltung “hält heute in Rußland den Betrieb am Laufen”, wenn sich der Gesundheitszustand dort dramatisch verschlechtert, Umweltkatastrophen und nationalistische Auseinandersetzungen blutigsten Ausmaßes stattfinden. Die Verfasser teilen anscheinend den falschen Trost eines ebenso unpolitischen wie über Politik erhabenen Standpunktes. Ihm zufolge sind es unter Abstraktion von den herrschenden ökonomischen und politischen Strukturen immer die Frauen, die, komme was wolle, doch auch auch unter den schlechtesten Verhältnissen schon für das Positive sorgen.

Leider scheint auf der Konferenz auch nicht diskutiert worden zu sein über die gewiss nicht zwingend mit Gärten verbundene, empirisch aber einschlägige idyllische Idealisierung des Gartens. Zu ihr gehören: Reduktion sozialer Erwartungen, Verniedlichung der Natur, soziale Regression – “Gartenlaube” eben. Solcherart verkitschte Natur ist Innenraum selbst dort, wo sie Außenraum sein will, und hat ihr Vorbild an den eigenen vier Wänden, die vor der bedrohlichen Welt schützen und ein Gefühl der Geborgenheit verschaffen sollen – nach nicht nur Muttis Motto: ‘Drinnen ist es warm, draußen kalt.’ “‘Weibliche Begeisterung’ kontra ‘männliche’ Bulldozer’” heißt es im Konferenzbericht – warum eigentlich Anführungsstriche?

Leserbrief von Jürgen Wrede

(erschien in: Rabe Ralf Febr./März 2001. Die Kürzungen stammen von der Redaktion)

Meinhard Creydt (…) glaubt aus dem Bericht über die Konferenz ‘Gärten und Kleinstlandwirtschaft’ herauslesen zu können, daß die Teilnehmenden sich in eine Gartenlaubenidylle zurückziehen wollen (…). Vielleicht will er demonstrieren, daß er die Patentlösung für die vielfältigen Probleme hat, die sich zwangsläufig aus unserer praktizierten Wirtschafts- und Geldordnung ergeben. Er bietet ja ein einschlägiges Modell an: PM: Für eine planetarische Alternative, erschienen 1997 in Zürich. * Da ich diese Publikation nicht kenne, kann ich nur hoffen, daß mit ihr nicht eine Weltrettungsideologie verbreitet wird. Der Leserbrief erweckt bei mir jedenfalls diesen Eindruck.

Auf der Konferenz haben Leute vorgetragen, die mit beiden Beinen mitten im Leben stehen. Und das bedeutet eben, Dopelbelastungen, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeiten, Vertreibung und vieles andere mehr ertragen zu müssen. Wer da behauptet, man wole sich in den eigenen vier Wänden gegen die übrige Welt abschotten, muß schon bösartig sein oder vernagelt.

Gerade weil die Menschen unter den miesen Verhältnissen leiden, suchen sie nach Auswegen. Ich weiß nicht, wie alt ein Leserbreifschreiber sein muß, um über die Verhältnisse in Deutschland um 1945 herum ncihts mehr mitbekommen zu haben. Wie überall in der Welt waren es auch hier die Frauen, die für das Überleben ihrer Kinder geschuftet haben, z.B. in Kleingärten, wenn sie das Glück hatten, ein Stück Land zu ergattern. (…)

Ich habe jdf. eine hochinteressante und lehrreiche Konferenz erlebt. Der Besuch unterschiedlicher Projekte hat deutlich gemacht, wie Menschen in Ostdeutschland unter schwierigen Bedingungen zukunftsweisende Arbeits- und Lebensentwürfe erproben. (…)

Nicht nur BSE und die steigende Armut auf der ganzen Welt zeigen, wie wichtig die Erprobung anderer Wege ist, anstatt auf den ausgetretenen Trampelpfaden zu latschen.

Jürgen Wrede
Umweltreferent im Stadtradt von Germering (bei München)

* s. dazu auch S. 22/23
** Rezension des Kongreßberichts: S. 25

Leserbrief von D. Richter
Stellungnahme zur Rezension des Gartenkonferenz-Buches und zu Wredes Leserbrief im letzten ‘Raben Ralf’ (Nr. 94)

Creydt arbeitet (Rabe Ralf 92, 2000) den Unterschied zwischen einer radikalen ökologischen Politik und einem Subsistenzfundamentalismus sowie einem verkitschten Feminismus (”Männliche Bulldozer vs. weibliche Begeisterung”) anhand einer genauen Kritik am Bericht über die Gartenkonferenz heraus. Wredes Antwort (Nr. 94) enttäuscht [nicht nur wegen plumpen Verdrehungen. *** Einerseits diffamiert Umweltreferent Wrede das Denken über bitter notwendige und den Problemen überhaupt allein angemessene gesamtgesellschaftliche Alternativen als “Patentlösung” oder gar als “Weltrettungsideologie.” Andererseits soll es das Klein-Klein von Gärtlein allein auch nicht gewesen sein. Vielmehr wird dies aufgeladen mit “zukunftsweisenden Arbeits- und Lebensentwürfen”, ohne daß Wrede oder der Gartenkonferenzbericht zeigen (können), wie diese mit “Garten und Kleinstlandwirtschaft” möglich sein sollen. Auch die Rezension über den Konferenzreader propagiert die faktisch falsche und politisch desorientierende Idee, “in Krisenzeiten bieten Gärten eine Einnahmequelle, die, abgekoppelt vom übrigen Wirtschaftssystem, das Überleben sichert” (Rabe Ralf 94, S. 25). Wrede präsentiert ein selbstimmunisierendes Doppelspiel: Der Garten gerät einerseits zum Inbegriff der gesellschaftlichen Utopie. Andererseits wird gegen jede Utopismuskritik die regressive Harmlosigkeit angeboten, jeder könne schon heute in einem Garten bereits praktisch Gutes tun.

Die Überhöhung und Idealisierung weit verbreiteter Laupenpieper-Praxis, als sei sie der Vorschein der Utopie, hat etwas von einer Übersprungshandlung vor dem Hintergrund der Kompliziertheit einer anderen gesellschaftlichen Praxis und Politik. Wrede meint allen Ernstes, Leute, “die mit beiden Beinen mitten im Leben stehen”, seien davor gefeit, sich mit Illusionen ein sonntägliches Wohlgefühl, eine höhere Bedeutsamkeit ihres Hobbies und entsprechende Entlastung verschaffen. So maßlos gerät diese Gartenideologie, daß sie sich nicht selbst mehr als bestimmten Inhalt auffaßt, über den dann auch bestimmt zu streiten wäre, sondern sich als selbstverständliches Herzensanliegen aller Gutmenschen zu wissen meint. Kritik muß Wrede dann als “bösartig oder vernagelt” gelten. Die spontane Sympathie für Gärten wird mit einem Subsistenzfundamentalismus verknüpft und treuherzig die (nicht vorhandene) Selbstverständlichkeit dieser Vermischung behauptet. So können mann und frau abwechselnd harmlos-volksnaher Gartenfreund spielen oder mit einer ebenso alles kon-fusionierenden wie scheinradikalen Subsistenzpose ansprücheln und Gärten eine tiefere Bedeutung verleihen, die ihnen auch beim besten Willen nicht zukommt.

D. Richter (Berlin-Kreuzberg)

*** Creydt schreibt, wenn (!) man wie (!) die Gartenkonferenzleute für “Reagrarisierung” eintrete, dann (!) könne man es nicht bei “Garten und Kleinstlandschaft” belassen, sondern müsse über Modelle des Rückbaus von Städten und Streusiedlungen nachdenken. Creydt nennt als ein Beispiel solchen Denkens einen bestimmten (!) Aufsatz aus dem zig Veröffentlichungen umfassenden Werk von PM. (Dieser Aufsatz unterscheidet sich zentral von dessen Band ‘bolo bolo’ - insofern ist der redaktionell an Wredes Leserbrief angefügte Hinweis darauf ziemlich irreführend). Wrede meint nun, dies sei Creydts Position. Will oder kann er nicht genau lesen, was er zu kritisieren vorgibt?

Online auch unter:
http://www.grueneliga-berlin.de/rabe_ralf/rabe_archiv_2001/12_2000_01_2001/weibliche_oekonomie.html