Jul
28

 

Erinnerungen an 1944/45
(Thema: Dissidente Meinungsäußerungen und Handlungen)
Ein Brief an ihre Kinder aus dem Jahr 19851

Ihr wisst, wie sehr uns die Streitigkeiten um den 8. Mai 1985 befremden. Die Erörterungen, ob man diesen Tag überhaupt oder wie man ihn begehen soll, alle diese kontroversen Überlegungen in den Medien haben mich veranlasst, mir noch einmal in Erinnerung zu rufen: Wie hast Du diese apokalyptische Endzeit und das Kriegsende ‚erlebt’?

Kürzlich war in der ‚ZEIT’ (15. 3. 85) eine Publikation von Heinrich Böll unter dem Titel „Brief an meine Söhne – oder: vier Fahrräder“. Diese Form veranlasste mich zu versuchen, meine Gedanken in einem Brief an Euch zum Ausdruck zu bringen.

I.
SOMMERSEMESTER 1944

Das Sommersemester 1944 stand unter dem Vorzeichen meiner Examensvorbereitungen für mein Nebenfach Deutsch. Nachdem im Wintersemester 1943 die Hochschule für Kunsterziehung in Berlin nur noch Examenssemester ausbildete, hatte ich in Göttingen Philologie belegt: Kunstgeschichte, Deutsch und Geschichte.

Ich arbeitete jetzt sehr konzentriert, malte (womit ich mein Studium finanzierte) und erinnere mich, dass ich Bücher gelesen habe wie „Die Wahlverwandtschaften“, „Der grüne Heinrich“ und „Maler Nolten“. Das zeigt: Ich befand mich in einer Flucht nach innen oder lebte wie in einem Elfenbeinturm.

Sehr bewusst war mir, dass ich in dieser Zeit ein ausgesprochen privilegiertes Leben führen konnte. Der politische ‚Druck’ war groß, und die Worte meines Vaters, mit denen er mich jedes Mal verabschiedete, wenn ich an meinen Studienort zurückfuhr, waren: „Kind, es geht nur noch ums Überleben; sei vorsichtig!“ Die vorangegangenen Jahre waren schwer belastend gewesen – eine ständige Fortsetzung des Doppellebens, das ich von meinem 10. Lebensjahr an führen musste –: hier anti-nationalsozialistisches Elternhaus, da Nazi-Umwelt überall, und vor allem die kontroverse Haltung meiner Eltern und der Umwelt auf den Beginn und die Weiterführung dieses Krieges! Das ‚zu Tode Siegen’! Die Begegnung mit dem Tod – nicht aktiv, wie sie der Soldat an der Front erfuhr, sondern in ihrer Auswirkung im menschlichen Umkreis…

Mein Bemühen war, in keiner Hinsicht ‚aufzufallen’ und bloß nicht in einer Munitionsfabrik oder als Luftwaffenhelferin bei der Flak zu landen. Ich arbeitete im kunstgeschichtlichen Seminar, da es dort einen relativ kleinen Raum gab, der geheizt wurde. Jede der acht Studentinnen und ein armamputierter älterer Student (Tischner) hatten dort einen festen Arbeitsplatz.

Zu Beginn des Sommersemesters tauchte ein ‚Erstsemester’ auf, ein Beinverletzter, sehr drahtig, etwas unbeholfen und ratlos wie es Studienanfänger nun mal sind. Er wandte sich an mich; vermutlich schreckten ihn die restlichen intellektuellen Doktorandinnen ab. Er hatte Kunstgeschichte, Geschichte und Religion belegt, und ich half ihm, sich zurechtzufinden. Es ergab sich, dass wir einmal wöchentlich vom Audimax zum 82. Platz von einer Vorlesung zur andern gingen. Dabei konnte ich dann einige Verwirrungen entwirren, stellte zugleich aber fest, dass Karl-Heinz Weidemann von simpler geistiger Struktur war. Er entwickelte mir auch seine Lebensphilosophie, die mir abstrus erschien, fanatisch und idealistisch. Entweder habe ich bei diesen Monologen ‚abgeschaltet’ oder in meiner Naivität und im Desinteresse nicht erkannt, woher der Wind wehte.

Am 20. Juli wurde ich abends von meinen Wirtsleuten – Schlachtermeister Wegner, Grohner Heerstraße – hereingeholt und konnte mit ihnen am Radio die Vorgänge des Tages anhören. Es wurde weder von ihnen noch von mir ein Kommentar dazu gegeben. In meinem Zimmer allein, erfüllte mich eine ungemeine Wut, dass diese Befreiung von Hitler misslungen war.

Am nächsten Morgen ging ich zur Vorlesung von Prof. Karl Brandi, einem namhaften Historiker, die im Audimax stattfand, weil sie nicht nur von Philologen ‚gehört’ wurde. Brandi verstand es, Geschichte lebendig werden zu lassen. Gewiss war sein Geschichtsbild konservativ, aber ich habe nie eine Zeitbezogenheit festgestellt, wie ich sie bei den Germanisten unangenehm erleben musste.

Auf der Weender Straße wurde ich von einem Offizier in SS-Uniform angesprochen, in dem ich sofort Weidemann erkannte. Er begrüßte mich mit dem Hitlergruß und erhobenem Arm. Mich erfasste panischer Schrecken… ich konnte seinen Ausführungen über die wunderbare Rettung des Führers gar nicht folgen. Zum Glück stellte er einen Soldaten, der ihn nicht ‚richtig’ grüßte, zur Rede und ich konnte schnell weitergehen.

Vor dem Eingang zum Großen Hörsaal herrschte ein ziemliches Gedränge. Der Kollege Cold, der auf eine Tellermine getreten hatte und jetzt Assistent bei Brandi war – auch in Offiziersuniform, während die zum Studium freigestellten Wehrmachtsangehörigen sonst in Privatklamotten erschienen –, rief mir zu, dass er mir einen Platz reserviert habe: dritte Reihe rechts, rotes Buch. Ich drängelte mich zu ihm durch und fragte: Cold, wussten Sie, dass Weidemann SS-Offizier ist?“ Er erschrak sichtlich: „Nein!“ Meine Antwort: „Ich auch nicht!“

Da betrat Prof. Brandi das Audimax, offenkundig bewegt, und wurde mit frenetischem Getrampel begrüßt. Seine Ausführungen – aus der Erinnerung zusammengefasst – betonten, wie sehr das deutsche Volk und vor allem wir, die junge geistige Elite, der Vorsehung danken müssten, dass unser Führer diesem infamen Mordkomplott nicht zum Opfer gefallen sei. Danach forderte er uns zu einer Schweigeminute auf. Er selbst erhob die Hand zum Hitlergruß, und auch viele Studentinnen und Studenten erhoben ihren rechten Arm. Ich wagte nicht, mich umzuschauen.

Nach der Vorlesung ging ich zu einem kunstgeschichtlichen Oberseminar, das von Prof. Graf von Vitzthum gehalten wurde. Er begrüßte uns mit den Worten: „Meine Damen und Herren, Sie haben vermutlich alle die Vorlesung meines Kollegen Prof. Brandi gehört. Wir Hochschullehrer sind angehalten, heute den Ereignissen des gestrigen Tages gebührend zu begegnen. – Das erste Bild, bitte!“

Die Gegenüberstellung der beiden diametralen Haltungen von Prof. Brandi und Prof. von Vitzthum erscheint Euch vielleicht konstruiert oder durch den Abstand von 40 Jahren von mir stilisiert worden zu sein. Sie waren mir aber damals ein derartiges Schlüsselerlebnis, dass ich davon überzeugt bin, dass meine Erinnerung der Wahrheit entspricht. Prof. von Vitzthum wagte ein Maximum an politischem Widerstand und gab sich damit ganz in die Hände seiner Studenten.

An diesem Abend entschloss ich mich, eine Woche vor Semesterschluss zu meinen Eltern zu fahren. SS-Obersturmbannführer Weidemann würde in Zukunft in Uniform im Seminar aufkreuzen … und ich war dort seine Bezugsperson! In was für eine zwielichtige Situation war ich geraten! Und: ich hatte vor Weidemann Angst. Hatte ich nicht doch irgendwelche Äußerungen getan, die ihm im nachhinein defätistisch erscheinen mussten?

II.
FISCHERHUDE

Meine Eltern hatten schon während meiner Schulzeit öfter in den Sommermonaten – von Pfingsten bis September – eine Altenteil-Wohnung in Fischerhude gemietet, auf einem Bauernhof. Meine Mutter fühlte sich dort sehr wohl. Sie hatte Freunde wie Bertzbachs und Fischers dort, bekam Kontakt mit den Fischerhuder Künstlern Hans Buch, Helmut Westhoff, Rohmeyers und vor allem mit Clara Rilke-Westhoff, die ein sehr offenes Haus führte, Menschen um sich brauchte und die spontane Art meiner Mutter schätzte. Mein Vater half der weltfremden Frau Rilke in ‚geschäftlichen’ Dingen.

1943 entschlossen sich meine Eltern, ganzjährig zwei möblierte Zimmer zu mieten. Die uns bekannten schönen Wohnungen waren inzwischen von ausgebombten Bremern bezogen worden. So mieteten wir uns bei den alten Wolfs ein, die ein kleines vierzimmeriges Haus zwischen Fischerhude und Quelkhorn bewohnten. Die Küche – schmierig, ‚Schwan kleb an’ – stand meiner Mutter ab 12 Uhr zur Verfügung. Ein Ziehbrunnen auf dem Hof und ein Plumpsklo daneben waren die hygienischen Einrichtungen.

Mein Vater blieb manchmal über Nacht in unserer schönen Bremer Wohnung, wo Frau Holz, die Frau eines inhaftierten Kommunisten, unsere langjährige Hilfe, Haus und Garten versorgte.

Meine Eltern waren für mich die einzigen Menschen, mit denen ich frei reden konnte. Natürlich waren die Informationen, die mein Vater über den 20. Juli aus Bremen mitbrachte, wesentlich aufschlussreicher als Presse und Rundfunk. Er kannte aus seiner politischen Vergangenheit2 – zumindest dem Namen nach – einige Leute aus dem Kreisauer Kreis. Eine Hiobsbotschaft jagte die andere, denn eine Verhaftungswelle setzte ein. Jeder, der in den Jahren ab 1933 observiert worden war, war jetzt wieder verdächtig, und oft genügte die Antipathie und Wichtigtuerei eines Parteibonzen völlig, harmlose Leute hinter Schloss und Riegel zu bringen. Wir bangten vor allem um Christian Paulmann3, der von 1928 – 1938 in unserem Haus mit uns zusammen gewohnt hatte.

Anfang August war Onkel Ernst4, der jüngere Bruder meiner Mutter, auf der Durchreise in Bremen. Wir trafen uns in der Georg-Gröning-Straße. Der promovierte Historiker war bis 1942 „u. k.“-gestellt (unabkömmlich), da er als Archivrat in Osnabrück an der Neuausgabe der Werke von Justus Möser mitarbeitete. Dann hatte er einen ruhigen Militärjob in Dänemark gehabt.

Als ich in der Georg-Gröning-Straße eintraf, hatte er bereits mit meinen Eltern ein entscheidendes Gespräch geführt. Meine Mutter saß in aufgeregtem Zustand am Tisch, mein Vater wirkte sehr ernst, Onkel Ernst ging im Zimmer auf und ab, begrüßte mich kurz, griff auf den Schrank und sagte zu mir: „Und Dir gebe ich meine Leica zur Aufbewahrung.“ Meine Mutter sagte eindringlich: „Ernst, Du darfst Dich nicht aufgeben!“ Er ging nicht darauf ein, erklärte mir aber knapp, dass er jetzt an den Westwall käme, und da er sich überhaupt nicht zum Soldaten eigne, sei er einer kriegerischen Offensive nicht gewachsen. Er bat meine Mutter, sie als nächste Angehörige angeben zu dürfen, da Großmutter Beins5 zu alt sei, um einen weiteren Verlust unvorbereitet ertragen zu können. 1939 war Großvater Beins6 gestorben und 1941 der ältere Sohn, Dr. Georg Beins , an einer Leukämie zugrundegegangen. Wir brachten Onkel Ernst zum Zug und fuhren bedrückt nach Fischerhude.

Ich ging Mitte August für ein paar Tage in unsere Bremer Wohnung, um mir in der Staatsbibliothek Bücher zu besorgen, da ich noch nicht nach Göttingen zurückkehren mochte. Wir besuchten auch Christian Paulmann, der einen sehr bedrückten Eindruck machte. Bei abendlichen Besuchen lief immer das Radio leise, und wenn Bomber-Anflüge in den Küstenbereich gemeldet wurden, verabschiedete man sich schnell, nahm die Beine in die Hand, um vor dem Vollalarm zuhause zu sein.

Am 18. August waren Vater und ich bei benachbarten Freunden. Milf Hanken bat meinen Vater, ihm in den nächsten Tagen bei nächtlichen Alarmen behilflich zu sein, seine bettlägerige Mutter in den Keller zu bringen. Als wir schon wieder in unserer Wohnung waren, kamen bedrohliche Nachrichten aus dem Radio und Voralarm. Mein Vater schickte mich sehr energisch in den Bunker an der Nordstraße.

Diese nächtlichen Wege zum Bunker hatten etwas Schauriges. Die Menschen kamen müde, aber eilig aus den Häusern: Kinderwagen und Bollerwagen, auf denen man schlafende Kinder transportierte, aufgeregte alte Leute. Der Bunker war schon voll besetzt, als ich anlangte, aber ich bekam noch ein Eckchen auf einer Bank in einem der unteren Räume. Immer mehr Menschen drängten herein. Die Tür zur Außenwelt wurde verriegelt.

Nach einiger Zeit setzte das Bombardement ein. Selbst durch die dicken Bunkerwände hörten wir die umliegenden Detonationen, der Boden hob sich, der Bunker wurde getroffen, schwankte, hielt aber. Die Beleuchtung fiel aus. Die Menschen verhielten sich sehr diszipliniert; zwar weinten Kinder, jammerten Frauen, aber Panik brach nicht aus. Da man die Uhrzeit nicht ausmachen konnte, verlor man das Zeitgefühl. Die Luft wurde zunehmend schlechter, das Wasser lief einem vom Körper, und der Durst wurde unerträglich. Da wurde bekannt gegeben, dass das Umfeld um den Bunker ein Feuermeer sei und wir uns zu gedulden hätten.

Später wurden junge, alleinstehende Personen aufgefordert, in den Flur zu kommen: sie sollten truppweise aus dem Gefahrenbereich herausgebracht werden. Ich wurde ausgemustert, da ich keine Gasmaske bei mir hatte. Da sah ich eine im Sanitätsraum liegen, klaute sie und konnte so dem nächsten Trupp zugeordnet werden.

Wir waren etwa 20 Personen. Zwei Männer übernahmen die Leitung, und wir wurden angewiesen, uns an ihre Befehle zu halten. Auf dem Flur, unter einer funzeligen Notbeleuchtung, stellte ich fest, dass es sechs Uhr war: wir hatten ca. acht Stunden im Bunker verbracht. Nun feuchteten wir – befehlsgemäß – irgendein Stück Stoff in einem Wassereimer an, wickelten ihn um Mund und Nase, schoben die Gasmaske drauf und drüber … und raus ging es. Es war stockdunkel, unwahrscheinlich heiß und ein gewaltiger Sturm empfing uns. Wir klammerten uns aneinander. Es ging nur langsam vorwärts, Phosphorfelder mussten umgangen werden, über Schutt geklettert werden. Dabei rutschte ich aus und fiel mit dem Knie auf eine weiche Masse. Ich sah schemenhaft verkohlte, ausgedörrte Schrumpfleichen. Ein Giebel stürzte auf die Straße vor uns, und wir mussten einen neuen Weg suchen. Zum Glück war der Bahntunnel an der Borkumstraße nicht zerstört: so kamen wir ins Findorffviertel, die Luft wurde erträglicher, und im Bürgerpark wurde unser Trupp aufgelöst. Wir bekamen noch einen Becher ‚Muckefuck’, und ich machte mich auf zur Loignystraße, zu Tante Carla Landwehr7.

Diesen Treffpunkt hatten wir ausgemacht, falls etwas Unvorhergesehenes eintreffen würde. Mein Vater war noch nicht da. Ich konnte mich waschen und bekam von Tante Carla etwas zum anziehen. Und dann warteten wir.

Am frühen Nachmittag kam meine Mutter aus Fischerhude; sie hatte nachts und morgens das Feuermeer über dem Bremer Westen gesehen. Und kurz darauf kam auch Vater in völlig erschöpftem Zustand. Die Haare und Augenbrauen waren abgesengt, der Anzug hing in Streifen an ihm herunter, die Schuhsohlen waren vom Phosphor durchbrannt.

Er und Milf Hanken hatten den Feuersturm in der Kanalisation – die Gullydeckel waren durch die Bombeneinschläge hochgesprengt worden – überstanden, nach dem sie versucht hatten, die Mutter mit sich fort zu schleifen.

Meine Eltern blieben in Bremen. Mir lieh Tante Carla ihr Fahrrad. Ich kam bei Dunkelheit in Fischerhude an und holte Kristin8 von Bertzbachs ab.

Der Wehrmachtsbericht vom 19. August meldete lakonisch: „In der Nacht war Bremen das Ziel eines britischen Terrorangriffs. Es entstanden Gebäudeschäden und Personenverluste.“

Zunächst überwog das Gefühl des ‚noch einmal Davongekommenseins’ bei uns dreien. Auch die Hilfsbereitschaft der Freunde tat gut. So brachte z. B. Irmgard Bertzbach zwei Anzüge von Kurt, da mein Vater nur noch Fischerhuder ‚Freizeitkleidung’ besaß. Aber der Verlust unserer Wohnung und der Häuser am Michaeliskirchhof wirkte sich auf meine Eltern lähmend aus. Für meine Mutter war wohl ein kultiviertes und geschmackvolles Zuhause wichtiger, als ich es für mich heute in Anspruch nehmen würde; vielleicht, weil ich dieses Erlebnis mit 22 Jahren hatte. Mein Vater, so häuslich, dass er ungern „den Umkreis der Bremer Domtürme aus den Augen verlor“ – sein Schnack – und darum in Ferienurlauben in der Heide oder an der Ostsee gern den Vorwand benützte, er müsse in Bremen mal nach dem Rechten sehen und bereits nach einer Woche ausbüchste, litt gewiss auch sehr, aber er äußerte sich nicht so wie meine Mutter.

III.
WINTERSEMESTER 44/45

Recht ungern ging ich nach Göttingen zurück, aber die Abgeschlossenheit in dem kleinen Giebelzimmer (mit angrenzender Schlafbutze) des alten verwinkelten Hauses in der Grohner Heerstraße tat mir gut.

Im kunstgeschichtlichen Seminar hatte sich wenig verändert. Man arbeitete allenfalls verbissener an den Doktorarbeiten weiter. Bei den Historikern und Germanisten dagegen hatte sich die Situation wesentlich verändert. Der Kreis der ‚Bekannten’ war so zusammengeschmolzen, dass er sich an zwei Händen aufzählen ließ. Hinzugekommen waren Studentinnen aus Königsberg und Posen: Examenssemester, die ihren Professoren nachgereist waren und hofften, so noch zum Studienabschluss zu kommen. Das gelang ihnen aber nicht, denn ‚ihre’ Professoren wurden von der Göttinger Universität nicht übernommen. Es war begreiflicherweise sehr unruhig in den Seminaren, da diese Studentinnen ihr Fluchtschicksal und ihre beruflichen Sorgen in nicht enden wollenden Gesprächen darstellen mussten

In Erinnerung habe ich Professor Lutz Mackensen (Germanist aus Posen), der regen Kontakt mit seinen Studenten pflegte. Er wurde in Göttingen auch nach dem Krieg nicht als Professor anerkannt und beschäftigt und verdiente seinen Lebensunterhalt als Repetitor für die ‚alte’ Abteilung, bis er 1955 in Bremen im historischen Zeitungsarchiv eine adäquate Beschäftigung fand.

Im November 1944 schrieben Gertrud Schröder, die ich schon aus Berlin kannte, und ich unsere Klausuren, erfahrend, dass unsere mündlichen Prüfungen für Anfang-Mitte Dezember anberaumt wären.

In der ‚neuen’ Abteilung der Germanistik tönte Prof. Pongs in gewohnter Goebbels-Manier. In der ‚alten’ Abteilung erschien Prof. Neumann, der inzwischen zum verantwortlichen Leiter des Göttinger Volkssturms aufgestiegen war, in voller Uniform. Sichtlich desinteressiert hielt er seine Vorlesungen und Übungen, wenn er sie nicht der Assistentin überließ. Wir arbeiteten für uns weiter.

An einem Abend wurde ich in der Stadtbibliothek (Weender Straße) vom Alarm überrascht. Wir waren im Luftschutzkeller vier Frauen, ein beinamputierter älterer Student und ein sehr junger Mann. An diesem Abend fand der einzige Bombenangriff auf die Göttinger Altstadt statt. Die Universitätsbibliothek – keine hundert Meter von uns entfernt – wurde zerstört. Als die Tür unseres Schutzraums eingedrückt wurde und Staub und leichter Schutt auf uns fielen, gingen dem amputierten Studenten die Nerven durch. Er tobte und schrie hemmungslos defätistische Äußerungen in den Raum. Der junge Mann versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen, indem er ihn in eine Ecke boxte und ihm den Mund zuhielt. Als die Entwarnung erfolgte, stellte er sich mit ausgebreiteten Armen vor die offene Tür und sagte in großer Erregung: „Wenn ein Wort, von dem was hier eben gesagt worden ist, in die Öffentlichkeit kommt, werde ich nicht ruhen, bis ich den Denunzianten dingfest gemacht habe. Ich kenne sie alle!“ Als erste ging die Bibliothekarin auf ihn zu und gab ihm die Hand.

Meine Wahlgebiete erarbeitete ich mir vorwiegend ‚zu Haus’, in der Grohner Heerstraße. Zu dem Wiegnerschen Geschäftshaushalt gehörte auch eine russische Kriegsgefangene, knapp zwanzig Jahre alt. Zunächst war sie mir gegenüber sehr scheu und devot. Eines Tages – schon im Sommersemester – überraschte ich sie dabei, dass sie in meinen kunstgeschichtlichen Büchern blätterte. Da sie ganz gut deutsch sprach, erfuhr ich, dass sie aus Mittelrussland stammte, die erste in ihrer Familie sei, die lesen und schreiben gelernt habe – und gefangengenommen worden war, weil sie damals eine westlicher gelegene Schule besucht habe. Sie lernt gerade die lateinische Schrift, und ich sehe sie noch vor mir, wie sie auf ein Bild deutend, „Hagia Sophia“ buchstabierte. Sie war ein augesprochen freundliches Mädchen. Ihr Freund Pierre, ein französischer Kriegsgefangener, der auf dem Grohner Friedhof arbeitete, kam häufiger ins Wiegnersche Haus. Eines Abends kam Frau Wiegner zu mir herein und sagte: „Fräulein Schoor, Sie müssen mir helfen. Tatiana bekommt ihr Kind.“ In der Annahme, einer Hebamme und Frau Wiegner Handlangerdienste leisten zu können, ging ich mit. Eine Hebamme war jedoch nicht da, Frau Wiegner ‚machte die Sache’ souverän – mit meiner unzulänglichen Hilfe. Tatiana brachte das Kind schnell und komplikationsfrei zur Welt. Frau Wiegner gab mir das Kind und wies mich an, es mit dem Kopf nach unten zu halten, während sie sich weiter mit der Mutter beschäftigte. Da fing – in meinen Händen – das Kind an, kräftiger zu atmen und energische Laute auszustoßen. Das berührte mich stark. Als wir später aufräumten, fragte ich meine Hauswirtin, warum sie keine Hebamme hinzugezogen habe. Sie antwortete: „Das Würmchen soll doch am Leben bleiben!“ Da erst wurde mir klar, weshalb sie mich, die Fremde im Haus, zur Hilfe geholt hatte – und nicht ihre Tochter. Dies war für mich das erste Anzeichen bei Fremden, dass sie das nahe Kriegsende in ihr Verhalten einbezogen. (Im Sommer 45 erfuhr ich, dass Pierre Tatiana und das Kind nach Frankreich mitgenommen hat.)

Anfang Dezember wurde uns mitgeteilt, dass unsere mündlichen Prüfungen aus Terminschwierigkeiten’ auf die erste Januarwoche 1945 verschoben seien.

Dafür kamen wenigstens aus Fischerhude gute Nachrichten. Dort war wegen der bevorstehenden Flüchtlingsströme jeder Wohnraum erfasst worden. Anna Winkelmann, die dicht an der Fischerhuder Kirche ein Haus bewohnte, musste drei Zimmer im ersten Stock abgeben, zu denen – o Freude – ein Bad und ein Klo gehörten.

Sie bot meinen Eltern dies Quartier an, die diese Möglichkeit, sich räumlich zu verbessern, beglückt wahrnahmen. Dies wissend, fuhr ich beruhigt nach Fischerhude.

Dort empfing mich meine sehr bedrückt wirkende Mutter. Sie war sehr einsilbig. Erst am Abend, als Vater zu Haus war und Kristin im Bett, stellte sie ein Paket auf den Tisch: Ein Paket, in dem die persönlichen Wertsachen wie Armbanduhr, Brieftasche und Notizbücher von Onkel Ernst lagen – aus Daun/Eifel abgeschickt, ohne Brief oder irgendeine Benachrichtigung9.

Meine Eltern versuchten, mich zum Verbleiben in Fischerhude zu bringen. „Der Krieg ist im Januar zu Ende“, prophezeite mein Vater, „und wenn erst das sinnlose Morden vorbei ist, dann lässt sich alles besser ertragen.“ „Und die V-Waffen?“, warf meine Mutter – weniger überzeugt als provozierend – ein. Aber: ich fuhr doch nach Göttingen – noch einmal –, zwar mit dem windigen Versprechen, sobald es dort ‚brenzlig’ werden würde, zurückzukommen, egal ob mit oder ohne Examen. Allmählich schien mir die Fixierung auf dies Examen geradezu schizophren.

Anfang Januar 45 wurde uns mitgeteilt, dass die Prüfung auf einen unbekannten Termin verschoben werden müsse, da Professor Pongs erkrankt sei. Wir antichambrierten täglich im Seminar, doch der Dekan, Prof. Neumann, ließ sich nicht sprechen. Dann wieder hieß es, dass ein anderer Professor mit der Prüfung beauftragt werden würde – das brauche aber Zeit. Auf deutsch: ‚unser’ Professor Pongs war ‚abgehauen’ und in seiner rheinischen Heimat untergetaucht. So wechselten die Auskünfte ständig bis Mitte März.

Zwei persönliche Erlebnisse waren für mich in dieser Zeit besonders schmerzlich: Durch die Zerstörung Dresdens verlor ich einen guten Freund. Einige Tage nach der Zerstörung Würzburgs bekam ich von meinem Vater einen Brief, in dem er mir den Freitod von Professor Emil Waldmann10 mitteilte. Der – zusammengefasst – habe in seinem Dienstzimmer einen Brief hinterlassen mit dem Tenor: „In einer Welt, in der durch Frevlerhand die Werte zerschlagen werden, die meine Welt sind, kann ich nicht mehr leben.“
Ich kannte Prof. Waldmann sowohl in seiner beruflichen Funktion als auch privat11. Er hatte mir, als ich nach Göttingen ging, einen amüsanten Empfehlungsbrief an seinen „Ernesto, amico mei“ (Prof. Vitzthum) mitgegeben. Der Tod war mir in den Kriegsjahren mannigfach passiv begegnet und – gewiss – hatte ich von Selbstmördern bei der Truppe gehört. Dass nun aber ein Mann, den ich sehr bewunderte, seinem Leben ein Ende gemacht hatte, erschloss mir eine neue Dimension der Kriegsschrecken.

Am nächsten Morgen kam ich erst spät ins kunstgeschichtliche Seminar und wurde mit „Der Herr Professor hat schon nach Ihnen gefragt!“ empfangen. Professor Vitzthum kam mir mit ausgestreckten Händen in seinem Zimmer entgegen: „Was wissen Sie von meinem Freunde Emilio?“ Ich setzte mich, suchte den Brief aus meiner Tasche hervor und gab ihm den. Er ging zu seinem Schreibtisch, las, legte die Hände vors Gesicht und sagte schließlich leise: „Emilio, Du bist den richtigen Weg gegangen – ich kann es nicht. Ich bewundere Dich.“ Dann stand er auf und stellte sich ans Fenster. Da bin ich leise aus dem Zimmer gegangen.

Ende März hörten wir, nachts, dass Kassel beschossen wurde. Gertrud und ich beschlossen, nun unseren Rucksack zu packen. Ein Physikstudent, Walter Weiß, machte für uns eine ‚Mitfahrgelegenheit’ Richtung Hannover in der Weender Kaserne aus, veranlasste uns aber zugleich, Prof. Neumann zu einer Bescheinigung zu veranlassen, aus der hervorging, dass wir ‚aus kriegsbedingten Gründen’ unsere – mehrfach verschobene mündliche Prüfung nicht hätten ablegen können.

Morgens, kurz nach acht Uhr, standen wir bei Neumann vor der Wohnungstür. Er öffnete im Bademantel, wir brachten unseren Spruch vor, er erwiderte: „Das ist eine Unverschämtheit. Es geht jetzt um wesentlichere Dinge als um ein läppisches Examen“. Wir brachten ihn aber doch dazu, unsere Zettel zu unterschreiben. (Dieser Wisch veranlasste Prof. Schöffler sofort, mich im Wintersemester 45/46 weiterstudieren zu lassen.)

Begeleitet von Walter Weiß und Bollerwagen, marschierten wir sofort zur Weender Kaserne – und kamen auf einem offenen LKW tatsächlich weg. Schon vor Northeim aber beschossen uns Tiefflieger. Wir, in Einmannlöcher neben der Straße verkrochen ‚überstanden’, unser LKW war hin. Und doch kamen wir – in neuer Not – auf Militärfahrzeugen nach Hannover.

Wir hofften auf eine Zugverbindung nach Bremen. Es gingen aber keine Züge mehr nach Norden – erst ab Nienburg gäbe es wieder Zugverkehr, hieß es. Kurz: Nienburg erreichten wir bei einbrechender Dunkelheit. Hier: „Der nächste Zug nach Bremen geht morgen früh.“

Die Nacht sollten wir in der Unterführung, die die Gleisanlagen verbindet, verbringen. Dort ‚unten’ herrschten unbeschreibliche, widerliche Verhältnisse: Soldaten – volltrunken – randalierten, ‚machten’ die Frauen an etc. … Wir drängten uns an eine Rotkreuzschwester heran, deren Dienstzeit aber – leider – bald beendet war. „Kettenhunde“ (Militär- und Bahnpolizei) sorgten vorübergehend für Mäßigung, aber wir fanden es schließlich doch unerträglich, gingen nach draußen und entfernten uns vom Bahnhof.

Irgendwo fanden wir in der kalten Nacht ein Haus, vor dem eine Bank stand, auf der wir ‚absitzen’ konnten. Es gab aber bald Alarm. Ein Luftschutzwart nahm uns mit in ein Privathaus, in dessen Keller wir den den Nienburger Bahnhof zerstörenden Luftangriff ‚überlebten’.

Wir durften über Nacht in dem privaten Luftschutzkeller bleiben – und erreichten am Nachmittag des nächsten Tages Bremen-Hastedt. Ich ergatterte noch einen Zug nach Sagehorn – und lief die acht Kilometer bis Fischerhude, erleichtert, diese Hürde auch überwunden zu haben.

IV.
KRIEGSENDE

Das kleine, abgelegene Dorf hat sich sehr verändert. Zunächst waren die ausgewiesenen Balten, clanähnliche Familien, gekommen. Gewohnt, sich anzupassen, fanden sie sich gut in die Verhältnisse ein und wurden von den Bauern anerkannt.

Dann kamen weitere Flüchtlings-Schübe, und zunehmend wurde die Situation prekärer, denn sie meldeten rechtliche und moralische Ansprüche an, die den von den Bremer Städtern verwöhnten Bauern zu weit gingen. Wir mussten das dritte Zimmer abgeben und nun im Wohnzimmer auf einer Brennhexe kochen. Und schließlich kamen noch viele Bremer, die in Fischerhude ein Wochenendhaus besaßen und nun das Kriegsende hier abwarten wollten.

Soldateneinheiten zogen durchs Dorf, biwakierten oder nisteten sich ein; ins Pfarrhaus waren 30 Fallschirmjäger eingezogen, die das Dorf verteidigen sollten.

Die Stimmung war wie in einem Bienenstock. Wir versuchten, uns davon frei zu machen, erwarteten mit Ungeduld die Engländer und verstanden die Stagnation der russischen Truppen an der Elbe nicht. Nachdem die Brücken zwischen Fischerhude und Sagehorn gesprengt worden waren, konnte Vater nicht mehr nach Bremen fahren. Er war sehr nervös, tigerte durch das kleine Zimmer, und es war schwierig, ihn zum Sprechen zu bekommen. Ich erinnere mich aber, dass er mir auf meine Frage „Wie wird die Zukunft?“ seine Vorstellungen des Pan-Europa-Gedankens, für die er sich vor 1933 eingesetzt hatte, erklärte und hoffte, in ihrer Verwirklichung eine neue politische Zukunft sehen zu dürfen. Doch dachte er auch an eine Aufteilung Deutschlands in Kolonialgebiete der Siegermächte. Die Vorstellung, dass Deutschland keine Berechtigung mehr habe zu existieren, erschien mir nach dem ‚Tausendjährigen Reich’ durchaus konsequent.

Es war aber noch nicht so weit. Wir warteten… Bei Frau Rilke hatte ich die 30jährige Tatiana Ahlers-Hestermann kennen gelernt. Wir verstanden uns auf Anhieb, und ich konnte zum ersten Mal mit einem gleichaltrigen Menschen vorbehaltlos meine Gedanken austauschen. Das bedeutete für mich der Beginn der ‚Freiheit’ und die Aufhebung der Isolation.

Bei Frau Rilke fanden sich Menschen zusammen, die diese geistige Freiheit zu praktizieren anfingen. Der Schriftsteller Frank Thiess, von der Reichsschrifttumskammer abgelehnt, las aus unveröffentlichten Werken. Professor Ahlers-Westermann12 und seine russische Frau13 sprachen über die moderne Kunst, die ich nur als „entartete Kunst“ kennen gelernt hatte.

Es wurde nicht über politische Tagesthemen gesprochen. Die Frage, die in dieser Unsicherheit nahelag: „Was passiert morgen? Wie geht es morgen weiter?“ wurde nie ausgesprochen. Die Tatsache, sich wieder frei denkend äußern zu können, war für alle von größerer Wichtigkeit.
Alle Themen ergriffen neue zukunftsweisende Bezirke.

Diese Grundstimmung muss als euphorisch bezeichnet werden, die in eine starke nervliche Anspannung eingebettet war. Frau Rilke-Westhoff schenkte mir zum 10. April 1945 „Das Marienleben“ von Rainer Maria Rilke und schrieb als Widmung hinein:
.
„Doch dieses war. Nun soll ein Neues sein,
von dem der Erdkreis ringender sich weitet.“ (S. 14)

Hier möchte ich ein Gespräch mit Theodor Eschenburg einschalten, das erst im Sommer 1945 stattfand. Ich fragte den Historiker: „Meine Generation kennt nur den Naziterror. Wie können wir eine Demokratie verwirklichen?“
Er antwortete: „Eben gerade darum. – Ihr habt erlebt, was es heißt, in einem verbrecherischen politischen System leben zu müssen. Gerade ihr seid prädestiniert für die Verwirklichung der Demokratie.“

Das Kriegsende verlief in Fischerhude relativ ‚reibungslos’. Die englischen Soldaten verhielten sich zurückhaltend. Es gab Hausdurchsuchungen und Filzungen. Die Spannung in uns löste sich. Die Kapitulation erfolgte. Wir waren erleichtert: Das Morden hatte ein Ende; die eigene Unfreiheit und die Angst fielen ab. Ich konnte so sein, wie ich sein wollte – ein offener und freier Mensch.

Diesen Brief hätte ich so nicht schreiben könne, wenn ich nicht durch mein Elternhaus14, einige Verwandte, Freunde und Bekannte meiner Eltern privat in einer antinationalsozialistischen Luft aufgewachsen wäre.

Als ich aus diesem Kreis herauskam, suchte ich mir Freunde, von denen ich annahm, dass sie ablehnend zur NS-Zeit standen. Behutsame Versuche ermutigten mich, diese Freundschaften fortzusetzen oder aber vorsichtig abzubrechen. Offen habe ich mit keinem dieser Freunde über politische Dinge sprechen können. Christian Paulmann, der mich außer meinen Eltern am besten kannte, sprach wiederholt von meiner „traumwandlerischen Sicherheit“, mit der ich durch diese Zeit gegangen sei.

Nun könnt Ihr mir sagen:
Die Flucht nach innen und die Dissidenz im Kleinen sind ja schön und gut, aber damit konnte man dem Nationalsozialismus nicht beikommen.

Da habt Ihr absolut Recht. Ich möchte deshalb meinen Brief an Euch mit dem sehr hoffungsvollen Wort von Brecht beenden:

„Ihr aber, wenn es soweit sein wird,
dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist,
gedenkt unser
mit Nachsicht.“


1 Überschrift und Anmerkungen von Meinhard Creydt.
2 SPD-Mitgliedschaft seit 1921 und Mitarbeit an der Bremer Bürger-Zeitung. Dort verfassten Julian Schoor (1895-1968), der Vater von Arne Creydt, geb. Schoor, und Alfred Faust unter den Decknamen Faust und Mephisto eine jeweils am Sonnabend unter der Überschrift ‚Der Fangturm’ erscheinende, oft polemisch-satirische Reihe.
3 Abgeordneter in der Bremer Bürgerschaft 1930-33 (SPD), erster Bildungssenator nach dem 2. Weltkrieg, Verfasser von: Die Sozialdemokratie in Bremen 1864-1964. Bremen 1964.
4 Ernst Beins (1903-1944), Staatsarchivrat. Dissertation. über die Wirtschaftsethik der calvinistischen Kirche der Niederlande. Ernst Beins war lt. Arne Creydt in einer Schulklasse mit Friedo Lampe (Schriftsteller) und Johannes Pfeiffer (Germanist und Philosoph – 1902-1970) und auch später befreundet mit letzterem.
5 Marie und Adolf Beins waren die Eltern von Dora Schoor, geb. Beins (1895-1953), der Mutter von Arne Creydt, geb. Schoor.
6 Georg Beins (1898-1942), Sprachenlehrer, Verf. von: Das Verhältnis der kritisch-idealistischen Philosophie zum Problem des Bösen im Vergleich mit der Einstellung Luthers. Diss. Göttingen 1927.
7 Schwester von Julian Schoor, des Vaters von Arne Creydt, geb. Schoor.
8 Kristin Schoor, die jüngere Schwester von Arne.
9 17.12.44: Tod von Ernst Beins in der Nähe von Gerolstein/Eifel nach Verwundung im Militäreinsatz am 16.12. Die letzten erhaltenen Briefe stammen vom 15.12.
10 Emil Waldmann (1880-45) war Kunsthistoriker und u. a. Direktor der Bremer Kunsthalle.
11 Ihr Vater hatte Arne zu Vorträgen in der Kunsthalle mitgenommen. Waldmann habe sich später an sie erinnert, auch deshalb, weil Arne „verdonnert“ gewesen sei von ihrer Mutter, einen Jungen nachmittags zu besuchen und mit ihm Schularbeiten zu machen (Sohn von Dr. Schecker), der aufgrund seiner herzkranken Mutter nachmittags nicht rausgekommen sei. Dort habe Waldmann sie gesehen, der mit Scheckers bekannt gewesen sei, und habe sie fortan „das kluge Kind“ genannt.
Der Sohn von Dr. Schecker war sehr musikalisch und spielte auf dem Dachgarten des elterlichen Hauses Saxophon. Er wurde ob des Spiels auf einem „undeutschen“ Instrument angezeigt, konnte dann aber glaubhaft vertreten, er habe doch nur Mozart auf dem Saxophon gespielt. Er wurde an der Ostfront eingesetzt und tödlich verwundet. Dr. Schecker erlitt nach diesem Trauma und dem Verlust seiner Wohnung einen Nervenzusammenbruch und kam in die Nervenklinik Osterholz. Arne besuchte ihn dort auf Geheiß ihrer Mutter und brachte ihm Bücher. Beim zweiten Besuch hieß es, er sei mit anderen Patienten aus Schutz vor den Bombenangriffen auf Bremen weiter ostwärts (Meseritz) verlegt worden. Nach kurzer Zeit bekam seine Frau die Nachricht, ihr (bislang kerngesunder) Mann sei plötzlich verstorben.
12 Friedrich Ahlers-Hestermann (1883 – 1973) war Maler und Kunstschriftsteller. Mitglied des Hamburgischen Künstlerclubs von 1897 und Schüler der Académie Matisse in Paris. Nach dem 1. Weltkrieg war er Mitbegründer der Hamburgischen Sezession. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er zum Gründungsdirektor der Hamburger Landeskunstschule berufen.
13 Alexandra Povòrina (1885-1963) – russisch-deutsche Künstlerin.
14 Die Mutter engagierte sich in der Deutschen Liga für Menschenrechte.