Jun
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In: Marxistische Blätter 6/2001, 39. Jg.

An eine sich von Ressentiments oder Schönrednereien (der “eigenen” Nation) unterscheidende Kritik der USA ist zu erinnern, wenn die Bereitschaft wieder zunimmt, jedwede Kritik an den USA mit dem Etikett ‘Antiamerikanismus’ in eine Schmuddelecke abzuschieben, aus der nur Unappetitliches zu erwarten sei.

(erschien in: Marxistische Blätter 6/2001, 39. Jg.)

An eine sich von Ressentiments oder Schönrednereien (der “eigenen” Nation)  unterscheidende Kritik der USA ist zu erinnern, wenn die Bereitschaft wieder zunimmt, jedwede Kritik an den USA mit dem Etikett ‘Antiamerikanismus’ in eine Schmuddelecke abzuschieben, aus der nur Unappetitliches zu erwarten sei. 

Ein erster, bereits ökologisch plausibler Vorbehalt gegen den American way of life liegt bereits in der Unmöglichkeit, ihn global zu verallgemeinern, handelt es sich bei ihm doch konstitutiv um ‘empire as a way of life’, so der US- amerikanische Historiker W. A. Williams, oder um “das Ergebnis der Unfähig- oder Unwilligkeit, im Rahmen seiner eigenen Mittel zu leben” (Prokla 1989/3). Die Rolle der USA nach außen - in Vietnam, in Chile, in Nicaragua, gegenüber Kuba usw. usf. - ist bekannt. Verurteilungen wie die vor dem Haager Internationalen Gerichtshof (wegen der Finanzierung und Ausbildung von Terroristen und der Unterstützung terroristischer Anschläge gegen Nicaragua) hat die USA souverän ignoriert. Die US-Außenpolitik und die Wucht, die sie durch die ökonomische und militärische Macht der USA erhält, stellen ein erstes Hindernis für jedes emanzipatorische Anliegen auf diesem Globus dar. In Stephen Kings neuem Roman ‘Duddits. Dreamcatcher’ wird die USA als ein riesiges Krebsgeschwulst aufgefaßt, das jedes andersartige Gewebe verdrängt (vgl. plastisch dazu auch Barber 1999). Solange sich an der Macht bzw. der Politik der USA nichts grundlegend geändert hat, wird sich in der Welt ökologisch, sozial und politisch nichts grundlegend zum Guten ändern können. Wir sprechen hier über eine notwendige, keine hinreichende Bedingung.Bereits an dieser Stelle ergibt sich der Einwand, die Bevölkerung der USA sei nicht mit der politischen Führung gleichzusetzen, es gäbe doch eine Minderheit für eine andere Politik in den USA. “Aber die Minderheit ist eben dies, die Minderheit. … Es ist Sache der Amerikaner, die durch die US-Außenpolitik gestiftete Wahrscheinlichkeit ihrer Fehlwahrnehmung von außen durch eine Korrektur dieser Politik zu vermindern” (ebd. 8 ). Die antietatistische Einstellung in den USA, die Ablehnung von Bürokratie und staatlicher Einmischung folgt dem Motto “der Staat hält sich aus unseren Angelegenheiten heraus, und wir halten uns aus seinen Angelegenheiten heraus … . In der demokratisch angereicherten Privatsphäre werden, so scheint es, die politischen Energien absorbiert. Das hat dann zur Folge, daß die sog. höheren Ebenen der Politik, insbesondere die Außenpolitik, den Politikern überlassen bleiben” (ebd. 4). Auch deshalb “bleibt die Anempfehlung des basisdemokratischen way of life für den Export ohne Überzeugungskraft”, solange “Basisdemokratie” zur “Beschäftigungstherapie” mißrät (ebd. 7).

Die USA ist “eine Gesellschaft, die aus Unsicherheit ein positives Prinzip der kollektiven Organisation macht. Sie ist, indem sie für den Individualismus und die ’self help’ schwärmt, die Verkörperung einer neodarwinistischen Vision … , welche in allen Belangen der solidarischen Vision entgegensteht, die die Geschichte der sozialen Bewegungen in die sozialen und kognitiven Strukturen der Männer und Frauen der europäischen Gesellschaften eingeschrieben hat”, wie dies Bourdieu (1999/28) die hiesigen Zustände idealisierend bemerkt. Bspw. gibt es in den USA keine gesetzliche Krankenversicherung (außer der für Menschen über 65 Jahre). “Eine lange, schwere Erkrankung mit Krankenhausaufenthalt kann immer noch den Ruin eines Haushalts zur Folge haben. … Die Furcht vor Krankheitskosten gehört zu den bedrückendsten Sorgen der Haushalte in mittleren Soziallagen” (Scheuch 1992/222f.). Auch die Verlierer in der Konkurrenz halten an ihr fest und sehen “Tatwillen, Risikobereitschaft, Leistungsfähigkeit und Mobilität (als) Grundbedingungen eines rechtverstandenen ‘Amerikanismus’” an (Wasser 2000/46).

Dem OECD-Bericht über Beschäftigungsperspektiven von Juli 1997 zufolge liegen die durchschnittlichen Arbeitsstunden in den USA 1996 bei 1951 (1993: 1946), in Deutschland bei 1578 (bzw. 1607). Bereits der bezahlte Jahresurlaub dauert in den USA höchstens zwei Wochen, in Europa vier bis fünf Wochen. “Innerhalb der OECD gehören die USA zu den Ländern mit dem niedrigsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad … . (22% 1980, 16% 1990, 14,9% 1995, 14,5 % 1996 - Verf.). Auch deshalb ist der amerikanische Arbeitsmarkt einer der unter den ökonomisch fortgeschrittenen Nationen am wenigsten regulierten. … Die landesweite Regulierung von Lohnhöhe und Entlassungen ist minimal; es gibt nur wenige geregelte Hürden für Entlassungen, also des hire and fire. Nach OECD-Daten ist die landesweite Gültigkeit von kollektiven Tarifverträgen in den USA zwischen 1980 und 1990 von 26 auf 18% gesunken. Im Vergleich betrug sie 95% in Frankreich, 92% in Deutschland, 82% in Italien … . Eine stark steigende Anzahl von amerikanischen Arbeitern ist auf individualisierte, sog. frei-gestaltete Arbeitsbedingungen angewiesen” (Pallagrosi 1998/13f.).

Die in Europa immer weiter vorangetriebene Privatisierung öffentlicher Güter ist in den USA bereits erreicht. “Der Staat hat sich aus allen wirtschaftlichen Aufgaben zurückgezogen, öffentliche Unternehmen verkauft und öffentliche Güter wie Gesundheit, Wohnen, Sicherheit, Bildung und Kultur in Handelsgüter verwandelt und deren Nutzer in Kunden. Er hat die ‘öffentlichen Dienste’ an den privaten Sektor verpfändet und sich der Eingriffsmöglichkeiten in die nationale Ökonomie begeben; er hat sich seiner Macht, gesellschaftliche Chancen auszugleichen und Ungleichheit zurückzudrängen (die sich nun in schier unbeschreiblichem Ausmaß verschärft), beraubt und soziale Funktionen an untergeordnete öffentliche Stellen delegiert (Stadt, Region etc.). All das im Namen der alten liberalen Tradition der self help (einer Erbschaft des Calvinismus, daß Gott denjenigen helfe, die sich helfen) und der konservativen Begeisterung für die individuelle Verantwortung (die Arbeitslosigkeit oder wirtschaftliches Scheitern zuerst den Individuen anlastet und nicht der sozialen Ordnung). Die Demission des Staates ist nirgendwo so sichtbar wie auf dem Gebiet der Kultur, wo sich die Herrschaft des Kommerz ausbreitet, oder auch im Bereich der Innenpolitik, bei der Polizei und im Strafvollzug” (Bourdieu 1999/27). Bürger machen einander rechtlich per Schadensersatzforderung für ihr mangelndes Wohlergehen verantwortlich, wenn die Verursachung von wirklichen oder vermeintlichen Schäden sich Individuen zuschreiben läßt. “Zwei Drittel aller Anwälte der ganzen Welt sind Amerikaner” (Vidal 1998/1161).

Keinem Volk der Erde ist es so selbstverständlich wie den US-Amerikanern, “daß der Nutzen eines die Freiheit schützenden Gewaltmonopols in der Unterstützung der in der Konkurrenz Erfolgreichen besteht” (Marxistische Gruppe 1979/17). Zugrunde liegt die Gewißheit, daß Opfer für den “Erfolg der Erfolgreichsten” sich lohnen, weil allein ihr Erfolg letztendlich auch zum Erfolg Amerikas führe. Zwischen den Bürgern soll kein anderes Kriterium gelten als “die Tüchtigkeit in der Konkurrenz” (ebd. 18). Jeder Verfälschung der Konkurrenz durch Widerstand seitens der ‘Untüchtigen’ sei entgegenzutreten. “Übertriebener Gesetzesidealismus” verbietet sich “in den Fällen, da die Größe des Erfolgs der Rechtswidrigkeit Recht gegeben hat - es kann schließlich kein Zufall sein, daß die Mafia außer in Süditalien am genau entgegengesetzten Pol im Spektrum rechtsstaatlicher Lebensart, in New York, ebenso zu Hause ist” (ebd. 20). Wo im Bewußtsein der Bürger das Gemeinwohl derart unmittelbar und ohne schlechtes Gewissen mit dem Erfolg der Tüchtigen ineinsfällt, wird auch die geringe Wahlbeteiligung nicht als Problem empfunden. “Richtig politisiert ist vielmehr, wer im Konkurrieren aufgeht, seine Bemühungen um einigen Erfolg für sich als die beste Form staatsbürgerlicher Pflichterfüllung versteht” (ebd. 27). Wo die Förderung der Konkurrenz und der Geschäfte den Dreh- und Angelpunkt der Staatsaufgaben bildet, dort verbinden die US-Amerikaner “glühende Vaterlandsliebe mit weitreichendem Desinteresse an ihrem Staat”, und es ist “ihnen überhaupt kein Widerspruch, ihren Amerikawahn durch deutlichste Demonstration lokalpatriotischer Borniertheit und Eigenbrötlerei zu desavouieren”, weil sie “in einem Wort - Nationalisten, aber keine Parteigänger des Staates sind” (MSZ 1976/7). In aller Selbstverständlichkeit, mit der US-Amerikanern ihre gesellschaftlichen Verhältnisse als Natur vorkommen, wird Politik dann vorrangig dort wahrgenommen, wo die den US-Amerikanern natürlichen Ideale nach außen abgesichert und durchgesetzt werden können und müssen. “Wenn hohlköpfige Kritiker das zu unserem privatkapitalistischen System gehörige Motiv des Profits mies machen, so ignorieren sie die Tatsache, daß es die wirtschaftliche Grundlage all der Menschenrechte ist, die wir besitzen, und daß ohne es alle Rechte bald verschwinden würden” (Dwight D. Eisenhower, US-Präs. 1953-61).

Die USA steht, wenn man dies Ideal anlegen will, für eine “Verkümmerung der hegelianisch-durkheimischen Vision des Staates als eine kollektive Instanz, die damit betraut ist, kollektives Bewußtsein und kollektiven Willen zu wecken und durchzusetzen, zur Stärkung der sozialen Bande beizutragen” (ebd.). Ein in Deutschland immerhin (noch ?) erhaltenes Recht der Allgemeinheit, privates Land wie bspw. Wälder zu betreten, existiert in den USA nicht. Die negative Utopie einer naturwüchsigen Gesellschaft zeigt sich bis ins Detail auch in der für europäische Verhältnisse laxen Handhabung des staatlichen Monopols physischer Gewalt. In den USA verhindert eine starke Lobby, die National Rifle Association, jede Eindämmung privaten Schusswaffenbesitzes (70 Mio. Stück). Die Mordrate war in den 80er Jahren sieben- bis zehnmal so hoch wie in den meisten europäischen Ländern und Japan. In den USA ist es wahrscheinlicher, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden als einen Autounfall zu erleiden oder an Krebs zu sterben. “Mitte der 80er Jahre war die Wahrscheinlichkeit für eine Amerikanerin, vergewaltigt zu werden, etwa dreimal so hoch wie für eine Westdeutsche, war die Chance für einen Amerikaner, Opfer eines Raubüberfalls zu werden, sechsmal so groß wie für einen Westdeutschen” (Knöbl 1994/51). “Violence is as American as cherry pie” (Rap Brown).

Auch der den USA positiv zugeschriebene Multikulturalismus eignet sich nicht zu jenem positiven Vorzeigemodell, wofür ihn manche seiner hiesigen Propagandisten ausgeben. Eher zeigt sich in den USA ein Nebeneinander einander indifferenter bis feindlicher ethnischer Gemeinschaften. “Die Konzentration der Koreaner auf die Zentren New York (mit mehr als 100.000 Menschen), San Francisco (mit wenigstens 100.000), Los Angeles und Südkalifornien (400.000) erlaubt den Einwanderern eine fast autonome Existenz. In der Metropole am Pazifik weisen große Schilder von der Stadtautobahn nach ‚Koreatown’, … in dem sich so gut wie jeder Wunsch an das Leben ohne ein Wort der englischen Sprache erfüllen läßt - Koreanisch genügt” (FAZ-Magazin v. 7.2.1992). Frank Boeckelmann schreibt in einem von der Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD zum Sachbuch des Jahres erhobenen Band (1999/432): “Die an Amerika teilnehmenden Gruppen identifizieren sich als Rassen und Ethnien - nicht mehr durch das, was sie verbindet, sondern durch das, was sie trennt” (430, vgl. auch 430f.). “Die Nordstaaten werden wohl ihr angelsächsisch-protestantisches Gepräge behalten. Aber die Südweststaaten treiben auf eine ‘hispanische’ Vorherrschaft und die Südoststaaten auf eine Majorität der Schwarzen zu. Niemand weiß, ob die ethnische Dreigliederung der USA eine politische Aufspaltung in drei Nationen vorbereitet …” (ebd. 432).

Die kulturalisierende und ethnisierende Desaggregation ruht auf tief in der US-Lebensweise eingelagerten Strukturen auf. Vorherrschend ist die negative Utopie eines Rückzugs der Menschen in Familie, Gemeinschaft und ethnisch wie sozial homogener Nachbarschaft. Zwischen diesen “Inseln der Gleichheit und Happiness” (Wagner 1977) existiert die rauhe Natur, die man schon bei jeder Fahrt zwischen Wohnort und Arbeitsstelle zu durchqueren hat. Es gilt als völlig normal, daß man sozusagen nicht nur faktisch, sondern auch imaginär darauf achtet, in vielen Gegenden an der Ampel nicht zu lange zu halten bzw. wenigstens das Auto verriegelt zu halten. “Die Selbstghettoisierung in der bevorzugten neighborhood schirmt ab” (Armanski 1981/14). “Die Amerikaner erleben nie Gesellschaft als ein komplexes, arbeitsteiliges und differenziertes Gebilde aller Menschen um sich her, mit schwerwiegenden Problemen und dringend zu lösenden Aufgaben. Sie erleben nur ihre (jeweilige - Verf.) Insel” (Wagner 1977/108).

Die in den USA nicht nur objektiv notwendige, sondern auch subjektiv als attraktiv empfundene Mobilität (die Zahl der Umzüge beläuft sich auf ein Vielfaches im Vergleich zu europäischen Ländern) verstärkt die Ortlosigkeit, wenn es tendenziell für immer mehr Menschen nur zeitweilige Durchgangsstationen gibt, der beständige Ortswechsel die lokale Verankerung und Assoziation von Menschen untergräbt und die Gestaltung eines gesellschaftlichen Raums scheinbar unnötig macht. Exit als solution. “Das Symbol der amerikanischen Gesellschaft, sagte der Schriftsteller Louis Kronenberger, ist der Möbelwagen. Besserverdienende Erwerbstätige mittleren Alters wechseln alle zweieinhalb Jahre die Firma, und oft ist damit ein Ortswechsel verbunden. Enge Bindungen einzugehen rentiert sich unter diesen Umständen kaum, und Menschen, die mit ihren Familien häufig umziehen, lernen gewissermaßen, ihre Kontakte lose zu gestalten” (Raeithel 1989/435). Die in den USA dem Touristen zunächst attraktiv erscheinende Umgänglichkeit und Unkompliziertheit ihrer Bewohner, die Hilfsbereitschaft, der zwanglose und formlose Umgang sind nur die eine Seite der Medaille. “Die bei uns übliche Unterscheidung zwischen Fremden und Bekannten findet … in den USA kaum statt. Der soeben aufgegabelte Tourist kann dem Nachbarn ohne weiteres als ‘friend’ vorgestellt werden, denn man ‘macht’ schnell Freunde in Amerika. Der Begriff ‘making friends’ spricht da für sich” (Grundmann 1997). Keine kleine Rolle spielt hier der Opportunismus, es sich mit niemanden verderben zu wollen, man wisse ja nie, wofür er einem noch nütze sein könnte. Stets anschlußfähig sein zu müssen und dies auch zu wollen wird zur zweiten Natur. “Keine engen oder dauerhaften menschlichen Beziehungen einzugehen”, diese “Haltung wird in den USA als Voraussetzung zum sozialen Aufstieg kulturell toleriert. … Die Unverbindlichkeit in den sozialen Beziehungen verschärfte die Armutsproblematik. Die Mißachtung, die der älteren Generation traditionell entgegengebracht wurde, hat eine nur sehr lückenhafte Altersversorgung entstehen lassen” (Raeithel 1989/436f.).

Die USA sind “ein Land, das sich über Bewegung definiert, also mit der Zeit lebt. Wer stehenbleibt, lebt verkehrt, zum Leben gehört Unterwegssein, und Amerika ist der Schauplatz, auf dem die Menschen - auf ganz verschiedene Weise - unterwegs sind” (Thomä 2000/22). Subjektiv trägt dies zentrale Motiv des american way of life auch dazu bei, die Spitzenstellung der USA in der Müllproduktion (2 Kilogramm Müll pro Person und Tag) zu verstehen. Relevant ist nicht nur die Möglichkeit, Müllkippen in der Weite des Raums zu verstecken. “Müllvermeidung … paßt auch nicht zum Ideal der Bewegung. … Wer wegwirft, vollführt nicht etwa nur eine achtlose Geste, gibt nicht einfach etwas dem Verfall preis, was vielleicht noch der Reparatur und der weiteren Nutzung hätte zugeführt werden können. Wer wegwirft, reinigt sich vom Alten. … Etwas zu lange zu behalten beleidigt den Geist der Bewegung” (Thomä 2000/166f.).

Auch in der USamerikanischen Ausprägung des Konsums ist eine negative Radikalisierung anzutreffen. An vielen für die USA typischen Konsumgütern (nicht zuletzt den Autos) läßt sich zeigen, wie sie Zeit und Mühe sparen sollen, diese Effekte aber zugleich die Entwicklung von menschlichen Fähigkeiten und Sinnen in Mitleidenschaft ziehen. Es kommt zu einer “mangelnden Übung der Amerikaner in den Konsumfähigkeiten” (Scitovsky 1977/195f.). In keinem anderen Land der Welt sind bspw. derart viele extrem übergewichtige Personen anzutreffen wie in den USA. “Die Amerikaner sind einerseits für ihr großes Interesse an einer richtigen Ernährung und andererseits für ihr Desinteresse an den Freuden des Essens bekannt. … Es ist erwiesen, daß die gute Küche und der Spaß am Essen keineswegs vom Einkommen oder von der Zugehörigkeit zu den oberen Schichten abhängt. Ganz im Gegenteil, die enorme Vielfalt der Zutaten in der europäischen und mexikanischen Küche beruht v. a. auf der Tatsache, daß die armen Leute alles überhaupt Essbare verwenden müssen und daß sie diese Zutaten mit möglichst viel Phantasie genießbar zu machen versuchen” (ebd. 155). Der US-Amerikaner ist bestrebt, “durch Gleichgültigkeit gegenüber dem Essen häufig Geld und oftmals sogar auch Zeit und Energie sparen. Und wenn er bereit ist, Obst und Gemüse in Dosen oder als Saft zu akzeptieren - obwohl auch frische Waren verfügbar sind - dann spart er sogar bei allen drei Faktoren. … Somit verdankt die Nahrungsmittelindustrie ihre Existenz dem Wunsch des Konsumenten, Arbeit zu sparen. … Die Mehrzahl unserer arbeitssparenden Speisen und vorgefertigten Lebensmittel bewirkt, daß ein ziemlich großer Teil des Interesses, der Vielfalt, der Feinheit und des Essensgenusses verlorengeht, wobei diese nachteiligen Effekte kumulativ wirken” (ebd. 159). Zwar hat sich beim Essen seit Scitovskys Buch einiges zum Positiven verändert, zugleich aber erreichten auch die Fastfoodketten neue Rekordverbreitung (vgl. dazu Ritzer 1997).

Die Kehrseite der in den USA selbst im Vergleich zu anderen kapitalistischen Gesellschaften geringer ausgeprägten institutionellen und subjektiven Präsenz von Ansätzen für eine gesellschaftliche Gestaltung der Gesellschaft ist die in den USA ungleich stärker vorzufindende Moralisierung des Lebens. Bspw. ist es beim Abschluß eines Mietvertrags nicht unüblich, zwei Social Reference Letters und zwei Business Reference Letters einzufordern. “Die Miete oder auch der Kauf einer Wohnung, die in Deutschland als bloße Rechtsgeschäfte abgewickelt werden, sind in Amerika Bestandteil der Gemeinschaftsbildung. Während sich der Vermieter in Deutschland nur formal schützt, indem er eine Kaution verlangt und eine Hausordnung festlegt, schützt sich das Coop Board in Amerika zusätzlich dadurch, daß es die Kandidaten einer charakterlichen Begutachtung unterzieht” (Thomä 2000/51). Bereits mit diesen Empfehlungsschreiben “hat das Geschäft mit Wohnungen noch heutzutage teil an jener Besserungsanstalt, als die sich Benjamin Franklin die amerikanische Gemeinschaft vorstellte” (ebd. 52).

In den USA steht die gesellschaftliche Gestaltung der Gesellschaft niedrig im Kurs und umso mehr bedeutet die moralische Integrität des Regierungspersonals. “Das Gegenprogramm zum Mißbrauch formaler Regierung ist der Einfluß des persönlichen Charakters, das Wachstum des Individuellen” (Ralph Waldo Emerson, zit. n. Thomä 55). Dem entspricht bspw. ein öffentliches Geständnis wie das von Clinton (am 1.9.1998): “Ich brauche Gottes Hilfe, um die Person zu werden, die ich sein will. … Ich werde meinen Pfad der Reue weitergehen und geistlichen Beistand suchen. … Veränderung ist nicht einfach. Es bedarf eines Willensakts, um sich zu wandeln. Es bedeutet, mit alten Verhaltensweisen zu brechen. … Es bedeutet, das Gesicht zu verlieren. Es bedeutet, alles von neuem zu beginnen, und das ist immer schmerzlich. Es bedeutet zu sagen: ‘Es tut mir leid’. Es bedeutet anzuerkennen, daß wir die Fähigkeit haben, uns zu ändern” (zit. n. Thomä 200/57). Clinton ist mit dieser öffentlichen Selbstbezichtigung und dem Versprechen der eigenen tätigen Reue “nicht ein spätes Opfer des Puritanismus, sondern dessen vorerst letzter Held. … Wer sich selbst vervollkommnen will, gesteht seine Unvollkommenheit ein: diese Logik hat Clinton gerettet. Das Eingeständnis, Fehler gemacht zu haben, hätte ihm ohne das feste Bekenntnis, sich zu bessern, freilich nichts genützt” (Thomä 2000/58). Zur Moralisierung gehört die öffentliche Anprangerung von Vergehen durch die präzise Mitteilung des Delikts, des vollen Namen des Missetäters inklusive Wohnadresse in der lokalen Presse. *

Mit der Moralisierung verbindet sich ein Diskurs, in dem die Selbstverantwortung und das Selbstvertrauen zentrale Größen darstellen, die durch staatliche Hilfe untergraben würden. “Was in den Lebensgeschichten der Individuen ohne eigenes Zutun schon vorentschieden ist, wird einfach aus ihnen herausgekürzt. Es gehört schon eine ziemlich rücksichtslose Leugnung von Realitäten dazu, wenn man nicht wahrhaben will, daß durch Lebensumstände … Vorentscheidungen gefällt werden. … Zu jener Ideologie (der radikalen Verantwortung - Verf.) gehört auch die in den meisten Staaten der USA bestehende Möglichkeit, Kinder wie Erwachsene zu verurteilen” (Thomä 2000/63). Die Kehrseite der Moralisierung und der Attraktivität all dessen, “was sich individualisieren läßt” (Thomä 2000/110), ist die private Wohltätigkeit. 175 Mrd. Dollar Spenden im Jahr 1998 stehen ebenso dafür wie freiwillige gemeinnützige Arbeiten, die einer Arbeitsleistung von 200 Mrd. Dollar entsprechen (ebd. 107). Die Grenze dieser zum Recht komplementären moralischen Mildtätigkeit markiert schon Hegel (Rechtsphilosophie § 242). Sein Argument leitet nicht notwendig über zur Identifizierung von gesellschaftlicher Gestaltung von Gesellschaft mit Etatismus (vgl. dazu Creydt 1999, 2000). “Weil aber diese Hilfe für sich und in ihren Wirkungen von der Zufälligkeit abhängt, so geht das Streben der Gesellschaft dahin, in der Notdurft und ihrer Abhilfe das Allgemeine herauszufinden und zu veranstalten und jene Hilfe entbehrlich zu machen. … Es ist eine falsche Ansicht, wenn sie (die Mildtätigkeit - Verf.) der Besonderheit des Gemüts und der Zufälligkeit ihrer Gesinnung und Kenntnis diese Abhilfe der Not allein vorbehalten wissen will und sich durch die verpflichtenden allgemeinen Anordnungen und Gesetze verletzt und gekränkt fühlt.”

Im westlichen Land mit der höchsten religiösen Organisationszugehörigkeit fehlen Kirchensteuer und staatliche Zuschüsse für religiöse Projekte und es herrrscht ein Sich-Nichteinmischen des Staates in religiöse Angelegenheiten. “Die Auflösung ihres politischen Daseins, … durch die Aufhebung der Staatskirche, eben dieser Proklamation ihres staatsbürgerlichen Todes entspricht ihr gewaltigstes Leben, das nun ungestört seinen eignen Gesetzen gehorcht und die ganze Breite seiner Existenz auseinanderlegt” (MEW 2/124). Wie in der Ökonomie die hemmungslose Konkurrenz, so werden auch auf dem religiösen Markt die “Diversifizierung und die Innovation” gefördert, weil sie den Markt fördern. “Mit seiner zunehmend mobilen und heterogenen Gesellschaft ist das religiöse Amerika zu einem göttlichen Supermarkt geworden, wo sich für nahezu jeden erdenklichen Geschmack eine Kirche finden oder erschaffen läßt” (Ruthven 1991/315f.). Ohne die Fesseln der Großkirchen kann “in den Händen von selbsternannten, im Selbststudium ausgebildeten, halbgebildeten oder total ungebildeten Predigern ein so reichhaltiger, mannigfaltiger Text wie die Bibel praktisch jede erdenkliche politische oder soziale Einstellung rechtfertigen” (ebd. 316). Auch religiös ist in den USA die Tendenz hegemonial, “die persönliche Erlösung dem Gemeinwohl vorzuziehen” (ebd. 318). ” Regionale, soziale und ideologische Gegensätze, von denen die Nation zerrissen werden könnte …, finden in gewöhnlichen Zeiten ihr Ventil in der Religion, im Retten von Seelen” (ebd. 320). “Die kleinen Utopien, die hinter Kirchenmauern florieren mögen, neutralisieren einander nicht nur, sie entziehen auch der weltlichen Politik so manche Hitze, sie zähmen die Leidenschaften, begrenzen Konflikte, erhalten den Bürgerfrieden: Nur wenn die denominationalen (die Religionsgruppen betreffenden - Verf.) Grenzen aufbrechen und große moralische Kreuzzüge entfachen … wird der politische Status quo durch sie ernsthaft bedroht” (ebd. 315). Böse Zungen sagen den USA nach, sie seien “nur deshalb kein Kirchenstaat geworden, weil es zu viele Religionen gab, die ihren eigenen Kirchenstaat gründen wollten” (Haslinger 1992/84).

Eine Gesellschaft, die die Freisetzung der Konkurrenz und des individuellen Durchkommens radikalisiert, sie als Volkssport und als pursuit of happiness idealisiert und dafür nahezu alles zur Verfügungsmasse erklärt, muß sich über die Rekorde an Kriminalität, Drogensucht und Pornographie nicht wundern. Die vielen religiösen Gruppen in den USA helfen dabei, die Konsequenz sozialer Verhältnisse als individuelle Verirrung zu thematisieren und zu traktieren. Zudem stellen die Kirchen den wirksamsten Gegenpol zur extremen Mobilität dar und bilden “bis heute die wichtigsten Begegnungs- und Versammlungsorte der amerikanischen Gesellschaft” (Haslinger 1992/84). Auch die für den kapitalistischen Konsum unumgängliche Umwertung vieler Werte führt zu einer Verwirrung und Verunsicherung, die wiederum Nachfragemotive nach religiösem Halt schaffen. Es handelt sich weniger um (auch reichlich vorhandene) Doppelmoral als um die letzten, eben: religiös gefaßten imaginären Fundamente einer deterritorialisierten und durch und durch fragmentierten Gesellschaft. Verbindendes finden US-Amerikaner vorrangig in der Idee ihrer Nation. In ihr verkörpern sich jene Rahmenbedingungen, die die individuelle Interessenverfolgung der ’self made men’ und des ‘pursuit of happiness’ fördern. “Die zentralen Ideen dieser Doktrin abzulehnen, heißt ‘unamerikanisch’ sein. Es gibt kein britisches oder französisches, kein deutsches oder japanisches ‘Glaubensbekenntnis’; die Académie Francaise macht sich Sorgen um die Reinheit der französischen Sprache, nicht über die Reinheit der politischen Ideen Frankreichs. Was wäre denn auch eine ‘unfranzösische’ politische Idee? Aber die Beschäftigung mit ‘unamerikanischen’ politischen Ideen oder Verhaltensweisen ist ein stets wiederkehrendes Thema im amerikanischen Leben geblieben. ‘Es ist unser Schicksal als Nation gewesen’, hat Richard Hofstadter bündig bemerkt, ‘keine Ideologie zu haben, sondern eine zu sein’. Diese Identifikation der Nationalität mit dem politischen Glaubensbekenntnis oder Werten verleiht den USA im Grunde ihren einzigartigen Charakter” (Huntington 1982/25). Dementsprechend massiv ist dann auch die Verbreitung des Fahneneids, der USamerikanischen Flagge selbst, patriotischer T-Shirts (bspw. während des Golfkriegs, vgl. zu dieser Zeit in den USA Haslingers beklemmenden Erfahrungsbericht 1992/99ff.). In keinem anderen modernen Land ist die Vorstellung, beispielgebendes Vorbild für die Welt zu sein, der Glaube an die eigene Auserwähltheit und ein Sendungsbewußtsein so ausgeprägt und seit Jahrhunderten immer wieder manifestiert worden wie in den USA (vgl. für vielfältige Beispiele Williams 1984, Winter 1989/42ff.). Auch der Terroranschlag vom 11.9.2001 gibt dann nur Anlaß zum “Kampf des Guten gegen das Böse” (George W. Bush). Zugleich zeigt er, wie eine Nation sich in kollektiven Gefühlsäußerungen zu einer Gemeinschaft zusammenfindet, die sich allein negativ, durch äußere Bedrohung gestiftet versteht. Kollektiv präsent ist die Gesellschaft sich selbst vorrangig als “Erregungs-Gemeinschaft. … Hochgradig aufgeheizte, hysteroide und paniknahe Kommunikationsverhältnisse” machen derart aus einem “vielfältig differenzierten Volkskörper ein in gemeinsamen Themen und Sorgen vibrierendes Schein-Ganzes” (Sloterdijk 1998/29). Wie bei der Siegesparade der ‘Golfhelden’ am 8.6.1991 in Washington, wird es auch demnächst wieder heißen: “Die Feinde des Friedens, diese brutalen Aggressoren, konnten den gemeinsamen Gebeten von 250 Millionen Amerikanern nicht standhalten” (George Bush, zit. n. Haslinger 1992/87). Von den USA ist also noch viel zu erwarten.

Anmerkung:

* So heißt es bspw. im Burlington Courier vom 14.2. 1998: “1:54 a.m. Friday, Howard Stacy Wells, 34, 525 1/2 Church Str., was charged with public intoxication. 12:08 a.m. Friday, Travis John Courtney, 21, 11650 Rabbit Run, No. 152, was charged with providing alcohol to a minor. 6:04 p.m., Friday, Wendy Bonnett, 20, of 612 D. Ave. W., was charged with driving with a suspended livence.” So geht es dann spaltenlang weiter.
Literatur:

Armanski, Gerhard 1981: Mankind’s Second Chance. Vorrede zu einer Analyse der US-Kultur. In: Dollars und Träume H. 3. Hamburg
Barber, Benjamin R. 1999: Demokratie im Würgegriff. Kapitalismus und Fundamentalismus - eine unheilige Allianz. Frankf. M.
Boeckelmann, Frank 1999: Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen. Frankf. M. Bourdieu, Pierre 1999: Die Durchsetzung des amerikanischen Modells und seine Effekte. In: Sozialismus H. 12, Hamburg
Creydt, Meinhard 1999: Anhang zu: Probleme nichtsubalterner Basispolitik. In: Grün-Links-Alternatives Netzwerk Ruhrgebiet (Hg.):’Grün-links-alternative Perspektiven für NRW ?!’ Dortmund
Creydt, Meinhard 2000: Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit. Frankf. M.
Grundmann, Hans R. 1997: USA Canada. Das Handbuch für individuelles Reisen. 9. Aufl. Hohenthann
Haslinger, Josef 1992: Das Elend Amerikas. Frankf. M.
Huntington, Samuel P. 1982: American Politics. The Promise of Disharmony. Cambridge. Mass., London
Knöbl, Wolfgang 1994: Sind die USA eine besonders gewalttätige Gesellschaft ? In: Joas, Hans; Knöbl, Wolfgang (Hg.): Gewalt in den USA. Frankf. M.
Marxistische Gruppe 1979: USA - Die Weltmacht Nr. 1. In: Dies.: Resultate H. 5. München
MEW: Marx-Engels-Werke. Berlin-DDR
MSZ: Marxistische Studentenzeitung. München
Pallagrosi, Luciano 1998: Die vielen Gesichter des US-amerikanischen Arbeitsmarktes. In: Supplement der Zeitschrift ‘Sozialismus’ H. 9/98
Prokla 1989: Aufgeklärte Blindheit. Plädoyer für einen linken Antiamerikanismus. Redaktionelles Editorial zu Heft 74, Berlin
Raeithel, Gert 1989: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Bd. 3. Weinheim
Ritzer, George 1997: Die McDonaldisierung der Gesellschaft. Frankf. M.
Ruthven, Malise 1991: Der göttliche Supermarkt. Auf der Suche nach der Seele Amerikas. Frankf. M.
Scheuch, Erwin K. und Ute 1992: USA - ein maroder Gigant? Freiburg
Scitovsky, Tibor 1977: Psychologie des Wohlstandes. Frankf. M.
Sloterdijk, Peter 1998: Der starke Grund zusammen zu sein. Erinnerung an die Erfindung des Volks. Frankf. M.
Thomä, Dieter 2000: Unter Amerikanern - Eine Lebensart wird besichtigt. München
Vidal, Gore 1998: Warum Clinton gejagt wird. In: Blätter f. dt. u. int. Politik. H. 10, Jg. 43
Wagner, Wolf 1977: USA - ein Land aus Inseln der Gleichheit und Happiness. In: Leviathan H. 1, Berlin
Wasser, Hartmut 2000: Die Rolle der Ideologie in den Vereinigten Staaten. In: Ders.: USA. Opladen
Williams, William Appleman 1984: Der Welt Gesetz und Freiheit geben. Amerikas Sendungsglaube und imperiale Politik. Hamburg
Winter, Rolf 1989: Ami go home. Hamburg

Online auch unter:
http://www.sopos.org/aufsaetze/3e7f2cf886a5d/1.phtml
http://www.netzwerk-regenbogen.de/creydtusa020112.html
http://www.glasnost.de/autoren/creydt/usa1.html

englische Übersetzung bei Indymedia