Dez
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von Meinhard Creydt
(erschien in: Streifzüge, Nr. 62. Dezember 2014. Wien)
Die Pluralität der privaten Vorlieben und Meinungen gilt als hoher Wert. Einheit erscheint vielen Vertretern postmoderner und poststrukturalistischer Theorien als Monismus und Monopolismus. Und wird dann mit Uniformierung, Gleichschaltung und Gewalt gegen das Besondere oder zumindest mit Konformitätsdruck identifiziert. An dieser Position fällt auf, dass sie [...]

von Meinhard Creydt
(erschien in: Streifzüge, Nr. 62. Dezember 2014. Wien)

Die Pluralität der privaten Vorlieben und Meinungen gilt als hoher Wert. Einheit erscheint vielen Vertretern postmoderner und poststrukturalistischer Theorien als Monismus und Monopolismus. Und wird dann mit Uniformierung, Gleichschaltung und Gewalt gegen das Besondere oder zumindest mit Konformitätsdruck identifiziert. An dieser Position fällt auf, dass sie zwei verschiedene Pole eines Gegensatzes (Einheit und Vielfalt) und zwei verschiedene Prädikate (positiv und negativ) unterscheidet. Unter den damit entstehenden vier Feldern spielen aber nur zwei eine Rolle: Die negativ beurteilte Einheit und die positiv vorgestellte Vielfalt. Die Fragen, ob es nicht auch eine „positive“ Einheit, die sich gegenüber der Vielfalt nicht negativ verhält, und eine problematische Vielfalt geben kann, bleiben ungestellt. Das zunächst plausibel erscheinende Votum für Vielfalt gegen Gleichschaltung und gegen die Diskriminierung anderer Lebensformen („Ich will dass es alles gibt, was es gibt“ – Konstantin Wecker) blendet die problematischen Varianten der Vielfalt aus. An ihnen herrscht aber kein Mangel.

Eine erste problematische Variante von Vielfalt entsteht bereits schlicht subjektiv aus der Unvertrautheit des Beobachters mit der Materie. Der Wald erscheint nicht vor lauter Bäumen. Erst wer sich in einem Feld auskennt, gewinnt Übersicht. Und vermag, die verschiedenen Varianten des Selben als eben dessen Varianten zu erkennen und sie nicht mit Differenzen, von denen etwas abhängt, zu verwechseln. „Der Anfänger kennt viele Möglichkeiten, der Meister wenige“ (Suzuki).

Eine zweite problematische Variante von Vielfalt entsteht aus der entfalteten Warenwirtschaft. In ihr sind die Sinne und Fähigkeiten nicht auf ein Integrum des guten Lebens bezogen und es entsteht schon insofern eine Diversifizierung von Objekten. Anbieter übertreiben die positive Differenz ihres Angebots zu anderen Produkten. Auch Geistesarbeiter sehen sich infolge der Konkurrenz gezwungen, „jeden Gedanken nicht zu prägen, was sehr nützlich wäre, sondern ihn überscharf zu profilieren… , (so) dass der Gedanke von all seinen unendlich vielen Brüdern von vornherein sich mehr abhebt, als es von Haus aus in seinem Wesen steckt“ (Bry 1988, 37).

Eine dritte problematische Variante von Vielfalt resultiert aus der Arbeitsteilung und der Ausdifferenzierung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche in modernen Gesellschaften sowie aus den entsprechenden Tunnelblicken und déformations professionelles. Diese Problematik verschärft sich noch durch die bürgerliche Gesellschaft, in der die verschiedenen Sphären (Recht, Politik, Moral, Zwischenmenschlichkeit, Kultur) Erfahrungen mit der selbstbezüglichen und eigengesetzlichen Bewegung des abstrakten Reichtums in einer bestimmten Weise verarbeiten. Wahrgenommen wird die kapitalistische Ökonomie aus der Perspektive der jeweiligen ökonomieexternen Sphäre. Die kapitalistische Ökonomie wird aus der Perspektive der jeweiligen ökonomieexternen Sphäre wahrgenommen. Diese jeweils besondere Wahrnehmung setzt sich zugleich immer auch von den Stellungnahmen zur kapitalistischen Ökonomie aus den anderen gesellschaftlichen Sondersphären ab. Ein unendlich sich fortwälzender Kreislauf und eine auf der Stelle tretende Geschäftigkeit resultieren. Die Kritik an der Ökonomie führt zur Affirmation des Politischen. Die Beanstandungen der Politik formulieren sich moralisch und zahlen den Tribut der Affirmation der Moral. Vor dem Hintergrund von Ökonomie, Politik und Moral sonnen sich Kunst und Kultur. Der Überdruss am Subjektivismus und Ästhetizismus leitet über zum positivistischen Einverständnis mit den ökonomischen und politischen Sachzwängen. Mängel und Probleme einer Sphäre werden nicht selbst bearbeitet, solange sie für andere Sphären willkommener Anlass sind, ihre Angebote absetzen zu können. Der Pluralismus vermag die zueinander komplementären partikularen Erfahrungsverarbeitungen nicht in der Einheit ihrer Gegensätze wahrzunehmen. Unechte Alternativen verhalten sich wie die verschiedenen Seiten eines Berges, die allein von seinem Gipfel aus gleichzeitig sichtbar sind.

Eine vierte Variante der problematischen Vielfalt resultiert aus jener Erfahrungsverarbeitung, die sich anschickt, Probleme des individuellen In-der-Welt-Seins mit einer ganz aparten Identität überkompensieren zu wollen. Frustrationen in der gesellschaftlichen Realität werden von den Individuen als „Nivellierungserfahrung“ bewertet und mit einem „exaggerierten Subjektivismus“ beantwortet (Simmel 8, 382). In ihm steigern die Betroffenen „das verbleibende Privateigentum des geistigen Ich zu um so eifersüchtigerer Ausschließlichkeit“ (Simmel 6, 653). Der Stoff für das unendliche Sich-Verlaufen in Partikularismen entsteht aus den genannten problematischen Varianten von Vielfalt. Es kommt dann dazu, „dass man dem, wodurch sich Menschen voneinander unterscheiden, ihrer Ich-Identität, einen höheren Wert beimisst als dem, was sie miteinander gemein haben, ihrer Wir-Identität“ (Elias 1987, 21).

Im Bewusstsein von Soziopathen und Kriminellen radikalisiert sich oft die Absage an eine die Individuen übergreifende Einheit einer gemeinsamen Welt. Stattdessen sei von Fressen und Gefressenwerden auszugehen. Ein über das bürgerliche Tierreich hinausgehender Inhalt existiere nicht. Nicht nur dieses Bild von der Natur, auch die nominalistische Absage an normative Allgemeinbegriffe (vgl. Losurdo 1988) immunisiert soziopathisch und kriminell Handelnde gegen ein schlechtes Gewissen.

„Recht auf Unterschied“

Wie sehr Pluralität Wertschätzung genießt, hängt auch von der Zeitdiagnose ab. Sie betrifft bspw. das Geschlechterverhältnis in der modernen kapitalistischen Gesellschaft der Metropolenländer in den letzten 20 Jahren. Dekonstruktivismus und Gender-Theorie bleiben auf die normative geschlechtliche Identitätsfestschreibung negativ fixiert. Sie verfehlen die Aktivierung und „Herausforderung“ der Individuen im Horizont von Freiheit und Offenheit. Die vereinzelten Einzelnen sehen sich dazu angeregt, nach ihrer jeweils individuellen „Wahrheit“ zu suchen. Die Bekämpfung von gesellschaftlich überaltert erscheinenden Mentalitäten und Institutionen trägt zur Modernisierung bei. „Glauben wir nicht, … dass man zur Macht Nein sagt, indem man zu queer Ja sagt: man folgt damit vielmehr dem Lauf des neoliberalen Flexibilisierungsparadigmas“ (Soiland 2005, 9). In ihm rücken die Normen der auf das Geschlechterverhältnis bezogenen disziplinierenden Vereindeutigungs und Vereigenschaftlichung in den Hintergrund. Im Vordergrund steht dann die Förderung und Anregung einer Subjektivität, die sich im Horizont einer Flexibilität auf Märkten und der Bastelexistenz bewegt. Letztere macht aus der Not, unvereinbare Aufgaben irgendwie subjektiv vereinbar machen zu müssen, eine Tugend. „Das Konzept von gender übersieht, dass wir längst mit massiven Deregulierungsanforderungen an unser Verhalten konfrontiert sind, denen die Forderung nach einer Flexibilisierung der gender-Norm, weit davon entfernt, deren Kritik zu sein, gerade zuarbeitet. Indem es uns glauben macht, wir müssten uns gegen Festschreibungen wehren, lässt uns das Konzept von gender genau jene Fähigkeiten erwerben, die es uns erlaubt, die unterschiedlichsten, ja sich vielleicht gegenseitig auch ausschließenden Anforderungen unter einen Hut zu bringen. Die These vom Geschlecht als sozialem Konstrukt und die damit verbundene Vorstellung von der Verhandelbarkeit des eigenen genders scheint damit selbst zu einer politischen Technologie der Individuen geworden zu sein“ (Soiland 2009, 416).

Aus dem „Recht auf Unterschied“ folgt oft die Fixierung auf die besondere Lebensart. Ihr entspricht die Weigerung, in der spezifischen Erfahrungsverarbeitung, die durch die gesellschaftlich herrschenden Strukturen und Formen sowie durch deren interne Differenzierung vorstrukturiert ist, den konstitutiven Kontext für das Zustandekommen der partikularen individuellen Orientierung zu sehen. Die Abdichtung gegen diese Frage und das Verschwinden der Konstitution im als unmittelbar imponierenden Resultat bilden eine notwendige Bedingung des Lebensstils (Bourdieu 1982, 317).

Die Subjektivität, die sich in partikularen Auffassungen und in der Kultivierung der eigenen Partikularität festrennt, geht mit einem Narzissmus der kleinsten Differenz einher. „Eine kritische und psychoaffektive Verarmung liegt in der Luft, nachdem das Recht auf Unterschied hochgejubelt worden ist und Hunderte von sektoriellen und exklusiven Apartheiten geschaffen hat“ (Errata-Redaktion 1979, 7). Kollektive entstehen, die „miniaturisierte, hyperspezialisierte Interessen (und Ansichten – Verf.) verfolgen: etwa die Vereine von Witwern, von Eltern homosexueller Kinder, von Alkoholikern, Stotterern, lesbischen Müttern, Bulimikern“ (Lipovetsky 1995, 19). Im Vergleich mit dem „politischen Militantismus von einst“ kommt es zur „Schrumpfung der universellen Zielsetzungen“ und wir haben es zu tun „mit dem Wunsch, sich unter Seinesgleichen wiederzufinden … sich mit ‚identischen’ Wesen zusammenzuschließen“ (Ebd., 19f.). Zur Logik dieser „Zersplitterung in Partikularismen“ gehört, dass das „Recht auf Differenz“ sich in einer „endlosen Miniaturisierung“ leerläuft. Die Gruppen werden aus ihren weiter gefassten Bezugsrahmen gelöst, Mikrosolidaritäten bekräftigt und „immer wieder neue Singularitäten“ emanzipiert (Ebd., 234).

Die Sezession in special-interest-Medien und partikulare Affinitätsgruppen erhöht die Schwierigkeiten einer gesellschaftlichen Assoziation und fördert die gesellschaftliche Synthesis qua Geld und Recht. Die Tendenzen zur „Universalisierung und Homogenisierung des gesellschaftlichen Lebens“ und „zur Zergliederung und Individualisierung desselben“ (Marmora 1983, 78) koexistieren. Sie steigern sich gegenseitig. Die Vergesellschaftung durch Markt und ökonomischen Wert bringt Partikularisierungen hervor und das Partikulare legt eine abstrakte Synthesis nahe. Zur Internationalisierung und Verallgemeinerung des Kapitalverhältnisses ist eine Tendenz der Segmentierung komplementär. Universalismus und Differenz, Globalisierung und Kultivierung der nationalen und regionalen „Eigenarten“ bilden zwei Seiten einer Medaille.

Die Entropie und Vergleichgültigung des Differenten

Bevormundung, Wertepaternalismus, Gesinnungspädagogik und -kontrolle abzulehnen ist legitim. Ein Plädoyer für eine partikularistische Selbstdefinition folgt daraus nicht. Sie nimmt das Besondere gerade nicht als Besonderes wahr. Das Besondere ist von anderem Besonderen unterschieden. Dieser Bezug des einen Besonderen A auf das andere Besondere B beinhaltet aber nicht, dass A sich nur negativ auf B bezieht, die Außensicht auf B pflegt und sich von ihm abstößt, B nur als negativen Kontrasthintergrund stilisiert, um sich in Absetzung von ihm zu profilieren. Im Unterschied zu dieser partikularistischen Selbstverortung von A nimmt sein Selbstverständnis als Besonderes den positiven Gehalt von B so mit in sich hinein, dass es sich auf ihn bezieht und sich von ihm unterscheidet, also sagt: Ich bin etwas anderes als das Andere, das ich in seinem eigenen Gehalt für wahr nehme. Dann verortet sich das Besondere immer schon in einem Gefüge oder System von Unterscheidungen und kann als Besonderes (im Unterschied zum Partikularen) nur existieren, indem es die anderen Inhalte präsent hat, obwohl es als Besonderes sie nicht selbst enthält. Die Defizienz des Partikularen zeigt sich immanent an ihm selbst in der mit der Vervielfältigung von Differenzen verbundenen Vergleichgültigung des Differenten. Nicht allein die Unterdrückung von Pluralität, auch die antithetische Fixierung auf diese Unterdrückung bildet dann ein Problem, wenn man es pauschal auf die Freigabe von Differenzen absieht und davon absieht, wie daraus bedeutungslose Differenzen resultieren, also: Indifferenz.

Im Unterschied zur postmodernen Begrüßung der Vermehrung von Differenzen und der Maxime „Zersplitterung ist gut“ lässt sich feststellen, dass das Besondere auch durch eine bloße Vermehrung verschiedener Einzelzustände bedroht ist. „Wenn nämlich gilt, dass jedes einzelne Ding nur dann allgemeinen Wert hat, wenn und insofern es einzeln ist und bleibt, dann gelten alle Einzelheiten gleich viel. Es ist gleichgültig, wie man ist, Hauptsache, man ist einzeln. Wenn es aber gleichgültig ist, wie man ist, dann gilt das Besondere nichts“ (Eisel 2003, 410). Die „Vervielfältigung der konkurrierenden Besonderheiten (erhöht) die eigene Bedeutungslosigkeit“ (ebd.), insofern es zu einer verwirrenden und chaotisierenden Beliebigkeit kommt. Die entstehende Gleichgültigkeit resultiert dann nicht aus der vom Verschiedenen abstrahierenden formellen Einheit, sondern aus einer schlecht-unendlichen Verschiedenartigkeit. Sie treibt aus sich heraus Gleichgültigkeit hervor. „Die Ungleichheit hat kein System, der Zusammenhang der Vielen ergibt kein einheitliches Bild mehr. … Wenn man also auf der Wichtigkeit der Besonderheit besteht, muss man auf einem System von Ungleichheiten bestehen, statt auf einer Vielzahl von Andersartigkeiten. Nur dann kann man ein Individuum in seiner Stellung in einem Ganzen beurteilen, d.h. seine Besonderheit würdigen“ (Ebd.). Besonderheit verträgt sich mit Vielfalt, nicht aber mit „Vielzahl“ (Ebd., 411). „Vielfalt hat immer den Bezug auf eine Einheit, Vielzahl nicht“ (Ebd.). Die Position der in sich differenzierten und gegliederten Totalität setzt sich gegen formelle Einheit und gegen chaotisierende Vielzahl oder Vielheit.
Die reiche Vielfalt ist nicht mit der letztendlich beziehungslosen Vielheit und Pluralität zu verwechseln. Das legitime Votum gegen das redundante Monopol, die endlose Wiederholung und die Reduktion auf Einunddasselbe führt nicht notwendig zur Akzeptanz des dogmatischen Pluralismus. Erst wer beide Seiten des Gegensatzes zusammen vergegenwärtigt, sieht ihre Komplementarität. Beziehungslose Heterogenität und gewaltsam homogenisierende Identität sind nur zwei Seiten einer Medaille und bilden Wunschgegner, die die Orientierung darauf festlegen, endlos zwischen diesen beiden Polen zu wechseln und bei einem Pol Erholung vom anderen zu suchen. Die Perspektive besteht nicht darin, auf der Ebene der Begriffe von Einheit und Vielfalt weiterzudenken (in Richtung einer wie auch immer gearteten Einheit von Einheit und Vielfalt). Vielmehr geht es um die gesellschaftliche Arbeit zur Einhegung oder Überwindung der Ursachen, die Besonderes und Allgemeines, Vielfalt und Einheit zum Problem werden lassen.

Die Emphase für die Pluralität der Geschmacksfinessen und Lebensstile enthebt die Bürger davon, sich von gesellschaftlich herrschenden Formen und Strukturen Rechenschaft abzulegen, innerhalb derer sie sich im Kapitalismus und in der bürgerlichen Gesellschaft nolens volens bewegen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den scheinbar unendlichen Reichtum der Stoffe, die Bürgern dafür zur Verfügung stehen, ihren Vorlieben dort frönen zu können, wo es zwar gesellschaftlich nicht darauf ankommt, subjektiv aber umso mehr – also in ihrer Freizeit und in ihrer Selbststilisierung. Das bürgerliche Bewusstsein, als Individuum frei und nur äußerlich beschränkt zu sein, radikalisiert sich. Die postmoderne Beliebigkeit des Verfügens über Stile aller Orte und Zeiten zur Ausgestaltung des subjektiven Selbstverständnisses und zur Beschäftigung der eigenen Aufmerksamkeit ergeht sich ebenso stoffselig wie lustvoll in den dafür mobilisierbaren Materien. Sie suggerieren einen Reichtum, der dazu beiträgt, der mit den herrschenden gesellschaftlichen Formen verbundenen Armut des In-der-Welt-Seins nicht gewahr werden zu müssen.

Die Vielheit wird mit Offenheit assoziiert. Bei anderen Erlebnissen, Situationen und an anderen Orten werde vieles anders. Das Andere eröffne neue Möglichkeiten. Abgeschlossen oder gar verarbeitet wird die Vergangenheit oft nicht. Sie soll sich im Veralten vielmehr von selbst erledigen „in der Art, wie man etwas verlegt und aus den Augen verliert,wenn man selbst von etwas Neuem angezogen wird“ (Musil). H. M. Enzensberger schreibt in „Tumult“ (2014) über seine Umzüge, er habe sich „angewöhnt, meine Probleme mit Hilfe der Geographie zu lösen.“ Man möchte sich immer neu erfahren, verändern und erfinden können. Was man ist und tut, erscheint dann als kleiner Vorgeschmack des Reichtums, der einem eigentlich möglich sei. Die jeweilige Gegenwart in ihrer Begrenztheit sei nicht ernst zu nehmen – im Unterschied zur unendlichen Freiheit des (an keiner Vorstellung von Vollendung orientierten) Werdens. Niemand muss dann mehr Farbe bekennen oder vergegenwärtigen, was (man) ist. Anhänger der episodischen Lebensform sind jeweils über jedes bestimmte Endliche hinaus. „Als sei keine Stelle des Lebens so gut, dass sie nicht jederzeit verlassen werden könnte. Die Lust am Anders¬sein entführt, oft betrügt sie. Doch aus dem Gewohnten treibt sie allemal hinaus. Ein Neues soll kommen, das mit sich nimmt. Die meisten reizt schon der leere Unterschied zum Bisher, die Frische, gleichviel zunächst, was ihr Inhalt ist“ (Bloch). Als wünschenswert gilt, das Leben als Schnupperstudium nach dem Motto ‚Warum nicht’ oder ‚Mal sehen, was kommt’ leben zu können. Auf den „Charakterpanzer“ folgt der Mangel an Eigengewicht, der den immer neuen Offerten, Meinungen und Moden gegenüber geltend gemacht werden könnte. „Der lässige Mensch ist ein entwaffneter Mensch“ (Lipovetsky 1995, 66). In dieser aus „Neugier und Toleranz gemischten Gleichgültigkeit“ (ebd., 56) sind Ausschließlichkeitsansprüche verpönt, der individuelle Synkretismus und das Temporäre stehen hoch im Kurs – eine allgemeine Verbeliebigung entsteht. Die Aktualität enthebt der Gegenwart. Die Vorstellung einer grundlegenden Transformation verblasst vor der Perspektive der Abwechselung, des Driftens und Floatens. Die Suggestion des vermeintlich Anderen und Neuen verdrängt die Vergegenwärtigung der Wirklichkeit, die in ihr die Wiederkehr des Gleichen in anderer Variante wahrzunehmen vermag. Das Schwelgen in Möglichkeiten entwertet den Sinn für die Wirklichkeit. Alles erscheint möglich, kein Fehlen wird bemerkt.

Literatur
Bloch, Ernst 1976: Das Prinzip Hoffnung. Frankf. M.
Bourdieu, Pierre 1982: Die feinen Unterschiede. Frankfurt M.
Bry, Carl Christian 1988: Verkappte Religionen. Nördlingen (Erstausgabe 1924)
Eisel, Ulrich 2003: Tabu Leitkultur. In: Natur und Landschaft. 78. Jg., H. 9/10
Elias, Norbert 1987: Die Gesellschaft der Individuen. Frankfurt M.
Errata-Redaktion 1979: Stunden der Wahrheit. In: Errata. Halbjahreszeitschrift für kritische Sozialität. Nr. 5
Lipovetsky, Gilles 1995: Narziß oder Die Leere. Hamburg
Losurdo, Domenico 1988: Realismus und Nominalismus als politische Kategorien. In: Ders., Hans Jörg Sandkühler (Hg.): Philosophie als Verteidigung des Ganzen der Vernunft. Köln
Marmora, Leopoldo 1983: Nation und Internationalismus. Bremen
Simmel, Georg: Gesamtausgabe. Herausgegeben von Otthein Rammstedt. Frankfurt M. 1989ff.
Soiland, Tove 2005: Kritische Anmerkungen zum Machtbegriff in der Gender-Theorie auf dem Hintergrund von M. Foucaults Gouvernementalitätsanalyse. In: Widersprüche, 25.Jg., Nr. 95
Soiland, Tove 2009: Gender oder Von der Passförmigkeit der Subversion. In: Das Argument, Nr. 281