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in: Ganßmann, Heiner (Hg.), Produktion Klassentheorie (Festschrift Sebastian Herkommer). Hamburg 1993

Die Unterschiede zwischen E- und U-Kultur sowie zwischen den Kunstgattungen durchgreifend thematisieren die Theorien zur “Ästhetisierung” eine sowohl von ihrer Existenz als auch von ihrem Begriff her allgemeinere Lebensweise. “Ästhetisierung” zu denken erscheint notwendig als Gegenzug zur weitverbreiteten Suggestion, die vom Prestige der ästhetischen Sphäre ausgeht. Für die Sozialwissenschaften wird die Ästhetisierung auch durch ihren Stellenwert in der Sozialintegration relevant.

[1]

Gegenüber R. Bubners Feststellung, die »Ästhetisierung der Lebenswelt« sei bisher nicht theoretisiert worden [2], ist an vielfältige Versuche zu erinnern. Carl Schmitt hat an der Politischen Romantik den okkasionalistischen und ironischen Zug des Ästhetisierens kritisiert. Benjamin weist auf die »Ästhetisierung des politischen Lebens » in der Verschiebung vom Recht der Massen auf deren Ausdruck hin und auf die im Faschismus inszenierte Existenz der Massen als Schauobjekt ihrer selbst. [3] Im Unterschied zu dieser kompakten Form der Ästhetisierung haben Guy Debord und W.F. Haug [4] in den sechziger Jahren auf ganz verschiedene Weise die eher molekulare Ästhetisierung der Ware thematisiert. Peter Furth hat daran angeknüpft mit der Formel, die Aufklärung versachliche äußere, die Romantik innere Natur [5] und nimmt damit auch C. Schmitts Gedanken auf, die Romantik sei Wegbereiterin der Ökonomisierung der Welt. [6] Ästhetisierung stellt auch eines der zentralen Themen von Henri Lefebvres bislang weitgehend nicht rezipiertem Werk dar. [7]

Gerhard Schulze weist auf den Zusammenhang der Ästhetisierung zur Ökonomie hin: »Der Prozeß der Ästhetisierung, der Herrichtung von Produkten für Erlebnisse, geht ständig weiter. … Der Markt für Investitionsgüter ist das letzte Reservat von Wirtschaftsbeziehungen, für deren Verständnis es genügt, außenorientierte Motivationen zu untersuchen. … Zunehmend richten sich die Motive nach innen: Es geht um ›gutes‹ Essen, ›stilvolles‹ Wohnen, Fortbewegung als Erlebnis, Bekleidung als Selbstinszenierung.« [8]

In der Ästhetisierung konvergieren eine Veränderung des Güterangebots, eine Erweiterung der Nichtarbeitssphäre und eine Wandlung der Identitätsstrukturen [9] sowie eine aufgrund von Stadt- und Landschaftsverödung gestiegenen Nachfrage [10] nach ästhetischen Produkten. Die Medien befördern die Ästhetisierung mit der Ausdehnung von Unterhaltung. In ihr tendieren die ›interessanten‹ oder ›spannenden‹ Inszenierungs- und Präsentationseffekte dazu, die Inhalte zu dominieren und die insgesamt unterhaltende Programmstruktur droht, jedes einzelne Moment in sich zu integrieren. Die Wahrnehmung der Tricks, Montagen und Szenarios, der Anspielungen, Verschlüsselungen und Zitate, kurz die Aufmerksamkeit für das Wie rückt vor das Was. [11]

Von der Ästhetisierung sind Fähigkeiten zu unterscheiden, die im Umgang mit E- und U-Kultur gefördert und im Alltag relevant werden. An Habermas’ Kennzeichnung der Alltagskommunikation als »in Gewohnheiten und Routinen erstarrtes Alltagshandeln« [12] wird die Aufmerksamkeit für den »welterschließenden Gehalt« und das »imaginativ-innovatorischen Moment« vermisst. [13] Die Inkongruenz der Vorverständnisse der Interagierenden ebenso wie die Dynamik der sozialen Veränderungsprozesse führe zu einer chronischen Mehrdeutigkeit und Unterbestimmtheit sprachlicher Kommunikation. Den Individuen werde Geistesgegenwart und sinnstiftende Selektion, Urteilskraft und Witz, Geschmack und Fingerspitzengefühl abverlangt. Ein Verständnis von Alltagshandeln als Rückgriff auf eingespielte Routinen und gespeichertes Erfahrungswissen erweise sich demgegenüber als zu statisch und als immer noch einem normativen im Unterschied zum interpretativen Paradigma verpflichtet. [14]

Gamm wendet sich gegen Habermas’ Einschließung des Ästhetischen in den Sonderbereich der Kunst und gegen die damit erfolgende Ausgrenzung von Urteils- und Einbildungskraft aus dem Alltag. In U- und E- Kultur sieht auch ein Pädagoge die »Erfahrung ästhetischer Virtualität als Verfremdung des restringierten Sinns für sog. ›Realität‹ « ebenso gefördert wie die »Erweiterung und Bestätigung spontaner Assoziationen«, die »Aufhebung der Barriere zwischen ›antrainiertem‹ funktionalem Sprachgebrauch und Expression des Ich« und die »Reformulierung gerade jener ästhetischen Erfahrungen, die durch den Zwangscharakter der veröffentlichtem Kommunikation ins Sprachlose abgesunken, aus der ›Kommunikation‹ verdrängt worden sind.« [15]

Ebenso wie ästhetische Phänomene nicht in ›Ästhetisierung‹ aufgehen müssen [16], ist umgekehrt über die Kenntnis sozialstruktureller Unterschiede im ästhetischen Feld die Brechung sozialer Inhalte im Medium der Distinktion und die Kennzeichnung der ästhetischen Form als »Verleugnung des wahren Charakters von Gesellschaft und sozialen Beziehungen« [17] nicht geringzuschätzen. Die Zuschreibung von allerhand ›Widerständigem‹ zu ästhetischen Stilgruppen müßte ins Verhältnis gesetzt werden zur für die soziale Koordination und Kooperation desaströsen Vielfalt von kulturellen Abgrenzungen und zur ästhetisch unterstützten Verschiebung der Selbstauffassung des Individuums. Soweit es ihm aufgrund seines Bewußtseins schwerfällt, sich auf sein soziales In-der-Welt-Sein zu beziehen, liegt neben der »mit einer unwirklichen Allgemeinheit erfüllten« politischen »eingebildeten Souveränität« (MEW l, 355) und neben der moralischen Läuterung ästhetisch die Selbstverortung in der Differenz zu anderen Stilgruppen nahe, der Distinktions›gewinn‹ im »Spiel sich gegenseitig ablehnender Ablehnungen«. [18] Zur Vergegenwärtigung und Selbstverortung bieten die verschiedenen Lebensstile ein »pseudokonkretes Orientierungssystem« an, um den Preis, »soziale Konflikte und gesellschaftliche Polarisierungen nur ausschnitthaft und mehrfach gebrochen« darzustellen. [19]

Rückt die erscheinende Unmittelbarkeit des Geschmacks zu einem ›Artmerkmal‹ auf, kann die aggressive Distanzierung von anderen dann als ›anders-‹ oder gar ›abartig‹ erscheinenden Geschmacksgruppen mit »Ekel« und »Abscheu« einhergehen (Bourdieu) und ihren eigenen (ästhetischen) Beitrag zu einem ›differentiellen Rassismus‹ leisten: »Die ästhetische Intoleranz kann durchaus gewalttätig werden.« [20]

Die genuine Leistung der Ästhetisierung besteht in ihrer Überschreitung des ihr gleichwohl vorausgesetzt bleibenden Ideologischen und in jener Gegenwart, die sie den Individuen ermöglicht: Mit dem Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse als sachlich, notwendig, nützlich usw. koexistiert ein Unbehagen an der Diskrepanz zwischen dem Selbstbezug des Individuums (›Einzelheit‹) und seinem Eingespanntsein in ihm äußerliche, wenn auch als nützlich vorgestellte Zusammenhänge.

Gegenüber einer dem Individuum trotz aller gedanklichen Aufbereitung dennoch disparat, undurchschaubar und kontingent anmutenden Wirklichkeit stiftet Kunstgenuß Christian Enzensbergers Ästhetik [21] zufolge eine erlebbare, sinnfällige oder doch zumindest einsichtige bedeutungshafte Bezogenheit aller Teile des Kunstwerks untereinander sowie auf ihr Ganzes. Alle Details stehen in einem quasiursächlichen und quasifinalen ideologischen Verhältnis einsichtiger Notwendigkeit zueinander. [22] Der sich an die ästhetische Form heftende Sinn überschreibt die inhaltlich annoncierte ›Problemdarstellung‹. Die Kunstwerke mögen sinnlos erscheinen, ihr Sinn besteht in ihrer Abgeschlossenheit und Stimmigkeit.

Ästhetische Produkte ermöglichen die Selbstwahrnehmung des Individuums als ›reiches Subjekt‹, kann es doch vorzugsweise an ihnen vieles unterscheiden und verbinden in seiner Kennerschaft und seinem Gespür für den die jeweilige ästhetische ›Einheit‹ arrangierenden Stil.

Das Subjekt genießt das Zusammenspiels seiner Vermögen Einbildungskraft und Verstand. Im Unterschied zu einer ideologisch oder kosmologisch abgestützten Kunst, die von einer Harmonie von Inhalt und Form ausgeht, genießt das Subjekt nun weniger die Gegenstände als die Funktion seiner durch die ästhetischen Objekte affizierten Vermögen. Im Genuß des ästhetischen Produkts konstellieren sich Sinne und Gedanken zu einem »Gewebe«, das mißverstanden wäre als Schleier, hinter dem sich die Wahrheit aufhält. [23] Genossen wird das ständige » Flechten« in und mit der Polyvalenz der Symbole. Die »Sprachmusik« läßt sich ihr Erklingen durch keine Instanz und keine inhaltliche Referenz mehr weder erlauben noch verbieten und stützt sich allein auf ihr eigenes Erklingen. Nicht das Fehlen inhaltlicher Referenzen wird damit behauptet. Ihr Vorkommen findet sein Maß im Gelingen der ästhetischen Gestalt. Sie muß nicht als harmonisch vorgestellt werden. Gerade die zunächst erscheinende Kompliziertheit fordert den ästhetischen Genuß heraus, durch alle Zerrissenheit hindurch doch noch so etwas wie eine Verdichtung zu (emp)finden – im »paradoxen Versuch«, »am Gebilde noch durch seinen Abbruch zu bauen.« [24]

Mit den in der ideologischen Synthetisierungsarbeit anfallenden Lücken, Brüchen und Verschiebungen gewinnt die ästhetische Produktion und der ästhetische Genuß ihren Stoff. Als Konkurrentin der Ideologie bietet die Kunst als »Fiktionsweise mit Phantasie« [25] ein weicheres Medium und eine weniger verstörbare, elastischere und stärkere Einheit an als die Ideologie. Deren »Treue« zum wie verquer auch immer in den Bewußtseinsgestalten (Ware, Geld, Kapital, Technik usw. betreffend) noch enthaltenen Gegenstandsbezug »geht mehr und mehr in die Brüche« in der Verfolgung des ideologischen Zieles« eines in sich zusammenhängenden Ausdrucks, der sich nicht durch innere Widersprüche selbst ins Gesicht schlägt« (MEW 37, 491).

Vom ästhetischen Standpunkt erscheint diese Gewaltsamkeit der Ideologie als mutwilliger Irrwitz der Ratio, dem eine Verstandes-, Sinnes- und Einbildungskräfte integrierende Weise der Weltaneignung entgegenzutreten habe. Operiert die Ideologie schon mit dekontextualisierten Gedankenabstrakta, so findet sich dies in der ästhetischen Sphäre zugleich kritisiert und gesteigert. Die in der ideologischen Perspektive störenden Widersprüche und Lücken verwandeln sich zu ästhetischen Gelegenheiten einer »Verfremdung der Dinge und der Komplizierung der Form, um die Wahrnehmung zu erschweren und ihre Dauer zu verlängern. Denn in der Kunst ist der Wahrnehmungsprozeß ein Ziel in sich und muß verlängert werden.« [26]

Der Ästhetisierung vorausgesetzt ist die Wahrnehmung der verwirrenden Vielfalt der sich gegenseitig bestreitenden Theorien ebenso wie das sich beim gedanklichen Erfassen der sozialen Wirklichkeit einstellende Überfordertheitsgefühl des Individuums. Die in beiden erscheinende Grenze der Ratio und Aufklärung [27] wird nun mit der Grenze der Gestaltung der Gesellschaft identifiziert: Die ästhetische Sphäre lebt von der Überschätzung des Bewußtseins im Rationalismus, der die Verhältnisse als rationaler (und daran scheiternd dann auch irrationaler) denkt als sie sind, und teilt die Ignoranz (auch vieler Linker) gegenüber dem objektiven und praktischen Charakter der gesellschaftlichen Prozesse, die – wenn überhaupt – dazu führen, daß »die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen.« [28] Das Bewußtsein findet sich hier eingelagert in sozialpraktische Qualifikationen: Betätigungsvermögen, -interessen und Vergesellschaftungskompetenzen, die zu einer neuen Form gesellschaftlicher Koordination und Kooperation drängen und zu ihr dauerhaft imstande sind. Der Rationalismus läßt seine Adressaten mit einem Wissen allein, das mit der immanenten Zerstörung von Glauben und Ideologie immer auch Selbstverlust und Gegensatz zu den alltäglichen Lebensgewißheiten und -perspektiven des erfolgversprechenden Mittuns bedeutet. Dem Widerspruch, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, der Illusionen bedarf, wird durch eine die Wirklichkeit mit einer anderen Interpretation anerkennende Bewußtseinsveränderung ausgewichen und moralisch oder ästhetisch begegnet.

Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von der Erklärung der Verhältnisse zum Verhältnis des Subjekts zur Erklärung. Die erscheinende prinzipielle Nichtirritierbarkeit des Rationalismus angesichts der »Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins« (Nietzsche) wird als Selbstgenügsamkeit aufgefaßt und als Täuschung über den Schrecken, den ein alle Schönrednerei durchkreuzendes Wissen erfahren muß. Verstand und Vernunft erscheinen, soweit sie als Rationalismus sich ihrer Grenze und »gerechten Ansprüche« überheben, als »Anmaßung« [29] oder lebensdienliche Fiktion, als rationalistische Nachfolge von Mythos und Religion. Insofern sie sich über ihre eigenen fiktiven Momente nicht selbst gewiß sind, verfallen sie der Täuschung gerade durch ihre Meinung, über sie hinaus zu sein. »Alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Täuschung, Optik, Notwendigkeit des Perspektivischen und des Irrtums.« [30] Auf dieser Grundlage der Unentrinnbarkeit des Scheins, der vor den Abgründen des Wissens bewahrt, kann es nurmehr um die ästhetisch inszenierte souveräne Indienstnahme des Scheins gehen. »Sobald wir die absolute Wahrheit leugnen, müssen wir alles absolute Fordern aufgeben und uns auf ästhetische Urteile zurückziehen.« [31]

Ästhetisierend wird mit der Absage an die vermeintlich wahre Welt auch die Differenz zwischen Wahrheit und Schein eingezogen. Wer von der Wahrheit erwartet hatte, sie mache frei, macht sich nun von ihr frei: »Wir kommen über die Ästhetik nicht hinaus… die Lüge vor uns wird zur Lebensnotwendigkeit.« [32] Ästhetisierend wird nun ehrlich gelogen. Schein steht nicht der Realität gegenüber, bildet vielmehr das äußerste Stimulans menschlicher Existenz. Die Befreiung vom religiösen, metaphysischen und wissenschaftlichen Schein geschieht bei Nietzsche umwillen des ästhetischen Scheins, der sich als überlegen darin weiß, die Kräfte der Individuen zu steigern. »Oberflächlich – aus Tiefe.« [33]

In der Ästhetisierung sieht man sich versetzt in eine Zwischenwelt zwischen der normalen Alltäglichkeit und metaphysischer Transzendenz, die beide gegeneinander ausspielt und gegenseitig in die Schwebe bringt, das Aufgehobene weder ganz annulliert, noch durch es annulliert werden kann. [34] Ästhetisch entsteht ein »flexibles Medium, die Dinge in Suspens zu nehmen« [35] und eine Autarkie, der die Welt scheinbar nichts anhaben kann. [36]

Ästhetische Produktion und ästhetischer Genuß entlasten als Darstellung der Negativität vom Standpunkt des »Könnensbewußtseins« durch eine »Negation der Negation, welche auf dem Darstellenkönnen als einer befreienden Tätigkeit beruht«. [37] Selbst noch die schockierendsten Sachverhalte geraten so zu ästhetisch Goutierbarem. Die erscheinende Undurchschaubarkeit und Fragmentierung der sozialen Wirklichkeit wird ästhetisierend ›überwunden‹ allein durch die für die ästhetische Dimension konstitutive Isolierung des Inhalts aus seinen Zusammenhängen. Von ihnen sieht ab, wer es auf »interesseloses Wohlgefallen« abgesehen hat. Inhalte erscheinen dann als Vehikel oder occasio des ästhetischen Genusses. Der »Chauvinismus des imaginativen Ich« (Bohrer) mit seinem »Drang der ästhetischen Ausbeutung jeglichen Erlebens ohne Rücksicht auf seine Herkunft« [38] führt zu einer eigentümlichen Verantwortungslosigkeit« [39], zu »ethischer Inappellabilität« und »Lieblosigkeit« der ästhetischen Sphäre. [40] Eine selbst noch ästhetisierende Wahrnehmung des Ästhetischen liefe auf dessen Universalisierung hinaus, wie wir sie in manchen postmodernen Theorien vorfinden. [41] Ähnlich wie Politik, Moral oder Zwischenmenschlichkeit neigt auch das ebenfalls aus anderen Sphären ausgefilterte und in ihrer eigenen Domäne konzentrierte Ästhetische dazu, sich scheinhaft als wesentlich aufzuwerfen, versteht man unter ›Schein‹ die durch die Nichtgewißheit konstitutiver Zusammenhänge und Eingebundenheiten ermöglichten Effekte von Unmittelbarkeit und Selbständigkeit.

Daß Individuen nie rein ästhetisch, vielmehr immer auch moralisch, politisch usw. auf das reagieren, was sie für ihre Gesellschaft halten und von ihr denken, läßt den Genuß ästhetischer Produkte nie allein ästhetisch bleiben. Zugleich würde aber in der Würdigung politischer, moralischer u.a. ›Inhalte‹ der ästhetische Überschuß über sie geringgeschätzt und das ›Ästhetische‹ zum bloßen Transportmedium anderer Stoffe depotenziert.

Die Kultur teilt die auch in der Ökonomie, im Recht und im Privatleben übliche ›Freiheit‹ als privatisierte Realitäts›kontrolle‹ qua Geld, Recht, Macht und Nische. [42] Die Individuen begreifen sich auf der Grundlage sachlicher Abhängigkeit als persönlich Freie. Beide Seiten werden verschieden aufeinander bezogen. Die Ökonomie kann als Mittel der Individuen erscheinen, im Recht stellen sich alle Verhältnisse als Verhältnisse zwischen ›Personen‹ und ›Sachen‹ dar. Schließlich kann in der Moral das Verhältnis der Individuen zueinander und zur als Gemeinschaft vorgestellten Gesellschaft den Horizont abgeben, in dem die weniger menschenfreundlichen Wirkungen der nichtnormativen Struktur der Gesellschaft geistig bearbeitet werden.

Aber auch das Moment der Äußerlichkeit der gesellschaftlichen Allgemeinheit in Ökonomie, Politik, Recht und Moral gegenüber der individuellen Einzelheit wird zum Thema einer Sphäre: Die Kunst nimmt ihren Ausgang von der Selbstauffassung des Individuums als nicht wesentlich involviert in eine Gesellschaft, die als ein bloß äußerer gesellschaftlicher Zusammenhang und als ›ärgerliche Tatsache‹ (Dahrendorf) erscheint. In besonderem Maße verspürt das Individuum seine Freiheit in seinen geistigen Tätigkeiten (Reflektieren, Phantasieren …) und sieht hier die Möglichkeit, sich innerlich von der profanen Welt zu befreien.

An den anderen Sphären wird die Borniertheit ihrer jeweiligen Bearbeitung der Mängel der (von ihrem jeweiligen Sphären-Standpunkt aus nicht mehr selbst thematisierbaren) Gesellschaftsstruktur empfunden. Die »Zuspitzung« und der »Wille« als Zentralkategorien des Politischen stellen im Wunsch nach Gestaltung nur ebenso neue Unwirklichkeit(en) her, wie die Unendlichkeit der Anstrengung (das ›Sollen‹) und das Doppelspiel (inklusive Heuchelei) der Moral zwischen Besonderem (Individuum) und Allgemeinem (moralischem Subjekt) oder die Gleichgültigkeit der im Recht gesetzten Gleichheit.

Die Härten, die die ›Mittel‹ und ›Bedingungen‹ dem Individuum abverlangen, übersetzt es sich als prinzipielle Schranken seiner Freiheit und seiner Ziele. Die Gesellschaft erscheint als eine »ärgerliche Tatsache« einerseits, als lohnende Veranstaltung andererseits. Allerdings bleibt der Schmerz, als Individuum zum ›Mittel‹ der eigenen ›Mittel‹ geworden zu sein. Das Individuelle wird überhöht, da mit der Vorstellung von Freiheit und Leistung verbunden. Das Gesellschaftliche erscheint undeutlicher, stellt es doch das Abstrakte im Unterschied zur Konkretheit des Individuum dar und fällt als sachliche ›Bedingung‹ des Handelns nicht in seinen Gestaltungsbereich und positiven Aufmerksamkeitshorizont.

Das Individuum sucht einerseits jenseits der sachlich und weitgehend unabänderlich erscheinenden Strukturen der ›modernen Industriegesellschaft‹, andererseits auf ihrer Grundlage nach einem Bereich, in dem es nur sich gehorcht, und findet dieses Objekt seines Verlangens in den verschiedenen Bereichen der Kultur. Auf der Suche nach Möglichkeiten zur ideellen Selbstverwirklichung erfüllt sich das Bedürfnis nach einem zufriedenen Selbstbewußtsein desto eher, je weniger sich das Subjekt von der eventuellen Aufmerksamkeit für die sich dem Individuum entziehenden gesellschaftlichen Wirklichkeit davon abhalten läßt, das als Reich der Notwendigkeit verkannte Soziale zum Hintergrund der Kultivierung der Persönlichkeit werden zu lassen. Seine Freiheit findet das Subjekt nun im ›Umgang‹ mit seiner ›Umwelt‹ und in ihm entdeckt die Persönlichkeit den Ausweis ihrer Souveränität und die Substanz ihres ›Reichtums‹.

Eine postmoderne Subjekt- und Identitätskonstitution macht Anleihen bei den lockeren Gefügen, die ästhetische Gebilde darstellen. Sie versprechen Kohärenz ohne Zwang (vgl. Foucault zum ›multiplen Selbst‹). Vom ›Erkenne Dich selbst‹ geht auch in der populären Psychologie die Entwicklung zum ›Erfinde Dich selbst‹ bzw. ›Erfinde lebenssteigernde Fiktionen und Geschichten über Dich‹.

Im Zuge von ›Individualisierung‹ und ›Selbstverwirklichung‹ wird, im Unterschied zu einem defensiven Zurechtkommen mit den Verhältnissen, die scheinhafte Souveränität des Individuums qua ›Lebenskunst‹ imaginiert. In der Perspektive der Steigerung des Erlebens und der ästhetischen Schöpfung neuer ›Lebensmöglichkeiten‹ kommen die Individuen und ihre Probleme einzig als Versagen gegenüber der Selbststilisierung und -inszenierung vor. Auch so stärkt sich ein Diskurs der ›Vorzüglichkeit‹ und des ›Ranges‹. Vom ökonomischen zum ästhetischen Selfmademan.

Mit der Modernisierung des Bürgers, der lernt, von dem Geld, das er hat, auch als Individuum etwas haben zu wollen und zu können, gelangen auch Linke zu einer Würdigung von Kunst und Kultur. Dabei glänzen diese erst vor dem Hintergrund der zugleich eo ipso als schlecht unterstellten und nicht ernstgenommenen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Kultivierung des Individuums verkehrt die Weltlosigkeit des Bürgers zum Reichtum einer Existenz, der die Tatsache der weitgehend hinter dem Rücken der Menschen stattfindenden Gestaltung der Verbindungen und Gegenstände der Menschen in ihrer gesellschaftlichen Welt noch subjektiv affirmiert und überbietet. Reichtum und Genuß werden nicht im aus ihren Verkehrungen herauszuarbeitenden Bezug von Menschen zueinander über Tätigkeiten ihrer gesellschaftlichen Lebensgestaltung i.w.S. gefunden, sondern in der eigenen Sphäre von Kunst und Kultur. Von beiden gehen starke (in der Ästhetisierung totalisierte) Effekte aus zur Verstellung dieser Unterscheidung. Den Sinn für sie wachzuhalten, darauf ist jede Praxis angewiesen, die die Gestaltung von Gesellschaft zur Perspektive hat und die Selbststilisierung des Individuums zum Subjekt in scheinhafter Abhebung von seinem sozialen In-der-Welt-Sein als zugleich notwendig, aber auch seine Entwirklichung und Verelendung steigernd weiß. Die ästhetische Dimension trägt demgegenüber dazu bei, durch die »individualistische Organisationsform der Gesellschaft kollektive Verhaltensweisen (auszuschließen), die vielleicht subjektiv dem Stand der objektiv-technischen Produktivkräfte gewachsen wären.« [43]

Ästhetische Produkte steigern die Freiheit des Subjekts in seiner imaginären Emanzipation von den Gründen, Inhalten und Anliegen seines In-der-Welt-Seins. Die ästhetische Sphäre scheint der Autonomie des Subjekts im Vergleich zu Politik und Moral mehr Stoff und Bewegungsspielraum zu geben, äußere Bedingungen, die sich als Beschränkung erweisen, in vom Individuum Assimilierbares zu überführen. [44] Wo die Lust des Scheins den Schmerz des Seins brechen soll, entwirklicht sich das Individuum in der Steigerung der Erlebtheit von Geschehnissen über alles wirklich Erlebbare hinaus. Das Erdichtete gerät intensiver als das Reale [45] und die Realität zu einer lachhaften Kopie unserer großen Romane (Arno Schmidt).

Mit der Ästhetisierung geht eine sei’s kontemplative, sei’s erlebnisorientierte Konzeption des Lebens einher sowie eine Abwertung des Handelns in der Welt: Hamlet und der ästhetische Mensch haben beide »einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge getan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern, sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, daß ihnen zugemutet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten. Hier, in dieser höchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende, heilkundige Zauberin die Kunst; sie allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben läßt« [46]

Der in der ›Masse‹ vorherrschende ›Mangel‹ an distanzierter ästhetischer Einstellung zur sozialen Welt, die ›Verderbtheit‹ und ›Anspruchslosigkeit‹ ihres Geschmacks, der vom in der ästhetischen Dimension erahnbaren Eigentlichem nichts wissen will, läßt die Gesellschaft so sein, wie es ihre Mitglieder ›verdienen‹. Das ästhetische Ideal koexistiert also zugleich aufs feindlichste und aufs friedlichste mit einer Gesellschaft, in der es eine Utopie vertritt, die weder erreichbar noch enttäuschbar ist.

Enttäuschungsvermeidung wird normal, erscheint Glück eo ipso allein als ebenso flüchtig und außergewöhnlich wie der Alltag als öde, soweit in ihm sich nicht Spuren des ästhetischen »Goldstaubes« (R. Barthes) finden lassen. In diesem der Kunst im 20. Jahrhundert zuzuschreibenden »ontologischen Mißtrauensvotum« [47] geht die Abwendung von der sozialen Wirklichkeit einher mit der religiösen Ahnung einer in der ästhetischen Sphäre anwesenden »Spur« oder der Vorstellung von einem »Wink«, die Welt »enthalte in sich irgend einen Grund, eine … Übereinstimmung ihrer Produkte zu unserem von allem Interesse unabhängigen Wohlgefallen… anzunehmen.« [48]

Immerhin damit, daß sie die ästhetische Sphäre als »höchste Aufgabe und eigentliche metaphysische Tätigkeit« [49] ermögliche, leiste die soziale Wirklichkeit den Menschen ihren Dienst und befreie sie von dem ihr eigenen Druck: »Alles ist nur so lange schön, als es uns nichts angeht. … Das Leben ist nie schön, sondern nur die Bilder des Lebens.« [50]

Anmerkungen:

[1] Die Rede von der »Kulturgesellschaft« ist hier ebenso ein Hinweis wie das Interesse von Politikern für Kultur als »Sozialkitt in der technischen Zivilisation« (Studie »Zukunftsperspektiven« der baden-württembergischen Landesregierung unter Späth) oder als Primärintervention« (der SPD-Kulturpolitiker Hermann Glaser in der FR vom 3.9. 1988).

[2] R. Bubner: Ästhetische Erfahrung. Frankfurt a. M. 1989, S. 147

[3] W. Benjamin: Werke Bd. 1.2, S. 467, 469

[4] G. Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Paris 1967, Düsseldorf 1971, Hamburg 1978; W.F. Haug, Kritik der Warenästhetik, Frankfurt a.M. 1971

[5] P. Furth: Phänomenologie der Enttäuschungen, Frankfurt a.M. 1991, S. 89

[6] C. Schmitt: Der Begriff des Politischen. München, Leipzig 1932, S. 83

[7] Vgl. bspw. seine »Einführung in die Modernität«. Frankfurt 1978, S. 246 ff.

[8] G. Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Frankfurt a.M. 1992, S. 428

[9] Vgl. M. Featherstone: Auf dem Weg zu einer Soziologie der postmodernen Kultur. In: H.Haferkamp (Hg.): Sozialstruktur und Kultur. Frankfurt a.M. 1990. Vgl. J. Gerhards: Soziologie der Emotionen. Weinheim und München, 1988, S. 227 ff.

[10] Vgl. dazu: U. Schminank: Neoromantischer Protest im Spätkapitalismus. Bielefeld 1983; W. Maier: Produktion nach den Gesetzen der Schönheit, in: Kommune H.2, 1985 S. 43 ff.

[11] G. Schulze macht nicht deutlich, warum er diese Verkehrung ausschließlich einem Lebensstilmilieu (›Niveaumilieu‹) zuordnet (a.a.O., S. 149, 288, 546).

[12] J. Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt a.M. 1985, S. 245

[13] G. Gamm: Eindimensionale Kommunikation. Würzburg 1987, S. 15

[14] Vgl. die soziologischen Literaturhinweise zum Stellenwert der Aisthesis im Bereich interaktiver Sozialität bei M. Maffesoli: Das ästhetische Paradigma. In: Soziale Welt 4/ 87. Simmel ist R.A. Nisbet (La tradition sociologique, Paris 1984, S. 35) zufolge »derjenige der großen Soziologen, bei dem die Vorstellungskraft und die Intuition die größte Rolle spielt.«

[15] Norbert Hopster: Vorüberlegungen zum Umgang mit literarischen Texten im Deutschunterricht. In: Ders. (Hg.): Handbuch ›Deutsch‹ für Schule und Hochschule, Sekundarstufe I. Paderbom 1984, S. 89 und 91. Vgl. auch H. Hartwig: Jugendkultur, Ästhetische Praxis in der Pubertät. Reinbek 1980

[16] Die Analysen der ›Ästhetisierung‹ beanspruchen nicht, Aussagen über Kunst i.e.S. treffen zu wollen und kommen ohne einen normativen Kunstbegriff aus. Umgekehrt bliebe die Rede über Kunst naiv, begriffe sie nicht ›Ästhetisierung‹ als auch sie tangierend und als (von ihr her gesehen) ›Nebenwirkung‹, die aber (sozial betrachtet) zur Hauptsache werden kann – wie dies auch bei anderen sogenannten Nebenwirkungen der Fall zu sein scheint.

[17] P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Frankfurt a. M. 1982, S. 317. ›Wahr‹ ist hier nicht normativ zu verstehen.

[18] Ebd., S. 107

[19] Karl Homuth: Identität und soziale Ordnung. In: Prokla 68, 1987, S. 104 ff.

[20] Bourdieu, a.a.O., S. 105

[21] Christian Enzensberger: Literatur und Interesse. Frankfurt a.M. 1981 (zweite, erweiterte und veränderte Auflage)

[22] »Am Ende, wenn wir noch einmal alles überblicken, sehen wir, wie jedes Wort dem Zwecke welchen der Dichter bei seiner Arbeit gehabt, der von uns selbst schon geahnten, von ihm aber zuletzt ausdrücklich angegebenen Lehre entspreche. Daß wir das eine zu ahnen, das andere noch hinterher einzusehen vermögen, und mit solcher Leichtigkeit und so schnell, daß wir die einzelnen Gedanken, worauf alle diese Schlüsse beruhen, uns gar nicht zum deutlichen Bewußtsein zu bringen brauchen, ergötzt uns als Beweis unserer Denkfertigkeit, und darin liegt der Grund, daß wir die Dichtung schön finden.« (Bernhard Bolzano: Über den Begriff des Schönen. In: Ders.: Untersuchungen zur Grundlegung der Ästhetik. Frankfurt a.M. 1972, S. 30)

[23] R. Barthes: Die Lust am Text. Frankfurt a.M. 1974, S. 94

[24] W. Benjamin: Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik, Werke Bd. 1.1, S. 87

[25] S. Herkommer (Einführung Ideologie. Hamburg 1985, S. 73 ff.) spielt hier an auf Marx’ Bezeichnung der Vorstellung dreier unabhängiger und selbständiger Produktionsfaktoren als »Fiktion ohne Phantasie« (MEW 26.3, S. 445).

[26] V. Slovskij: Theorie der Prosa. Frankfurt a.M. 1966, S. 14

[27] Es geht hier nicht um ein das Denken depotenzierendes Skepsisgebot, das voraussetzt, die Grenzen des Denkens immerhin denken zu wollen, sondern um den zu schnellen Schluß von theoretischen Urteilen über den Gegenstand (Beobachterperspektive) auf die Möglichkeit eines vom Wissen und der ›Einsicht‹ angeleiteten Handelns in der Welt (Akteursperspektive), weiterhin um eine naive Selbstzurechnung von Urteilskompetenz einerseits, eines direkten Bezugs des Subjekts auf des Objekt andererseits, als ob nicht der Bezug beider aufeinander durch vielfältige gesellschaftliche Formen des Bewußtseins und Wissens gebrochen ist. Schließlich verlagert der Rationalismus notorisch das bei der Erklärung Mitzubringende (Verstand und Vernunft) an den Ort des zu Erklärenden.

[28] MEW 23, S. 94, vgl. auch S. 88 und MEW 3, S. 20 und 40

[29] Kant: Kritik der reinen Vernunft. Frankfurt a.M. 1974, S. 13

[30] F. Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe (KSA) 1. München 1980, 125 ff.

[31] F. Nietzsche: KSA 9, S. 471

[32] F. Nietzsche: KSA 9, S. 581

[33] F. Nietzsche: KSA 3, S. 352

[34] »An einem langen Gespräch über Türschwellen (in P. Handkes ›Der Chinese des Schmerzes‹ Frankfurt a.M. 1983 – Verf.), über die Lust, auf der Schwelle zu sitzen, nicht drinnen, nicht draußen, wird deutlich gemacht, daß es nicht um die Bewegung des Subjekts von drinnen nach draußen oder umgekehrt geht, sondern um die innere Ruhe, die derjenige hat, der in der Zwischenzone zwischen innen und außen ist. Einerseits also wird die Schwelle zur Verwandlungskategorie, dann aber würde sich etwas bewegen, andererseits wird sie zu einer eigenständigen Sphäre, die von keiner der beiden Welten berührt wird. Wäre sie nicht diese eigenständige Sphäre, dann würde der Schwellensitzer zerrissen zwischen den einander widerstreitenden Ansprüchen von Drinnen und Draußen.« (S. Anselm: Vom Ende der Melancholie zur Selbstinszenierung des Subjekts. Pfaffenweiler 1990, S. 221 ff.) Vgl. zu dieser ›Wirklichkeitsmodulation‹ auch H.G. Prodoehl, Theorie des Alltags. Berlin 1983, S. 187 ff.

[35] R. Bubner, a.a.O., S. 102

[36] Tom Wolfe beschreibt ein U-Bahnabteil während des Berufsverkehrs. In dieser »Fleischbüchse auf Rädern« befindet sich auch ein in sein Buch vertiefter Leser. Wolfe formuliert als Bewußtsein, das die diesem Leser eigene »Aura von Unverletzlichkeit um sich herum entstehen läßt: ›Man kann mich zwar in diese Rattenmühle zwängen, in diesen ekligen menschlichen Brei, aber ich muß noch längst nicht ein Teil davon werden. Ich lebe mein eigenes Universum, das besser ist. Ich kann das alles ignorieren.‹« (Die Anbetung der Kunst – Bemerkungen zum neuen Gott. In: Pflasterstrand, Frankfurt a. M. , H. 208, 20.4.1985, S. 30)

[37] Walter Schulz: Metaphysik des Schwebens – Untersuchungen zur Geschichte der Ästhetik. Pfullingen 1985, S. 393 und 396

[38] P. Furth: Phänomenologie der Enttäuschungen. Frankfurt a.M.1991, S. 106

[39] K. Jaspers: Psychologier der Weltanschauungen, München 1985, S. 69

[40] M. Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. l, Tübingen 1920, S. 555

[41] Antithetisch auf einen autoritären Idealismus fixiert schwärmt der libertäre Empirismus vom »Zeitalter der Partialobjekte, der Bausteine und Reste« (G. Deleuze, F. Guattari: Antiödipus, Frankfurt a.M. 1977, S. 54) von einer offenen, unendlichen Sprache, frei von jeder referentiellen Illusion«, von der »Zerstäubung« und »Ausstreuung«, dem »Goldstaub der Signifikanten«, vom »ausschweifenden Delirieren, das nicht schließt, sondern permutiert« (R. Barthes: Sade, Fourier, Loyola. Frankfurt a.M. 1974, S. 127) Vgl. auch W. Welschs Veröffentlichungen zur Postmoderne und zum ästhetischen Denken.

[42] Vgl. zu letzterem H.G. Prodoehl, a.a.O., S. 142 ff.

[43] T.W. Adorno: Philosophie der neuen Musik. Frankfurt a.M. 1985, S. 14

[44] »Die ästhetische Betrachtung – die als bloße Funktion jeglichem Gegenstande gegenüber möglich und dem ›Schönen‹ gegenüber nur besonders leicht ist – beseitigt am gründlichsten die Schranke zwischen dem Ich und den Objekten; sie läßt die Vorstellung der letzteren so leicht, mühelos, harmonisch abrollen, als ob sie von den Wesensgesetzen des ersteren allein bestimmt wären. Daher das Gefühl der Befreiung, das die ästhetische Stimmung mit sich führt, die Erlösung von dem dumpfen Druck der Dinge, die Expansion des Ichs mit all seiner Freude und Freiheit in die Dinge hinein, von deren Realität es sonst vergewaltigt wurde.« (G. Simmel: Philosophie des Geldes. Leipzig 1922, S. 539)

[45] »Die Literatur verwandelt ihre Abbilder in existentiell überzeichnete (hypermimetische) Überabbilder« (C. Enzensberger, 1. Aufl. S. 83). Die Erfahrungen in der Literatur »stimmen nicht, weil darin alles stimmt« (Enzensberger, 2. Aufl., S. 139). Dieses »Überbewußtsein« (K. Stockhausen, Texte zur Musik, Bd. 3, Köln 1971, S. 292) ist der Effekt von Kunst als »eigentlicher metaphysischer Tätigkeit«.

[46] F. Nietzsche: KSA, Bd. l, S. 56 ff.

[47] A. Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter. Reinbek 1957, S. 109

[48] I. Kant: Kritik der reinen Vernunft. Frankfurt a.M. 1977, S. 234

[49] F. Nietzsche: Die Geburt der Tragödie, Vorwort. Ein eigenes Thema wäre, wie die verschiedenen gesellschaftlichen Bewußtseinsmomente und Ideologien in Kunstproduktion eingehen, etwa die Vorstellung des Subjekts, der Selbstverwirklichung, der Gesellschaft als äußere Bedingung dazu, Vorstellungen von ›Rationalität‹ und ›Sinnlichkeit‹, Annahmen über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft usw. Die Wirkung von Ideologien reicht so weit, daß Kunstwerke sich ohne ihre Kenntnis nicht erschließen. Vgl. bspw. den Bezugs Kandinskys ›Komposition IV‹ auf R. Steiners Abstraktionsstufen zur Erkenntnis ›höherer Welten‹. Vgl. auch U. Pothasts Analyse zur eminenten Wirkung der Schopenhauerschen Kunstideologie im 20. Jahrhundert. (Die eigentliche metaphysische Tätigkeit. Über Schopenhauers Ästhetik und ihre Anwendung durch S. Beckett. Frankfurt a.M. 1989) Die ästhetisierende Ausweitung des in den Raum der Kunst Fallenden fordert anscheinend einen Gegenzug der Kunst i. e. S. heraus, sich durch immer komplexere Kommentare als ›eigentliche‹ Kunst zu erhalten.

[50] A. Schopenhauer: Sämtliche Werke II (Hg. v. A. Hübscher), Leipzig 1937, S. 428.