Dez
05

in: Kommune 12/1996

“Funktionale Differenzierung” als Konstrukt zum Verständnis moderner Gesellschaften findet zur Zeit weite Verbreitung. Das Scheitern der RGW-Staaten wird aus ihrem Fehlen, der Erfolg der westlichen Industriemetropolen aus ihren Leistungen erklärt. Auch in grünen Kreisen fällt der affirmative Bezug auf diese Interpretationsfolie auf [1], die zu den Standards des soziologischen Mainstreams gehört. In diesem Artikel wird unterschieden, was das Konzept “funktionale Differenzierung” thematisiert (I) und welche Leistungsgrenzen der “funktionalen Differenzierung” damit in den Blick geraten (II). Schließlich wird gefragt, wie weit sich dieses Konstrukt zu einer Beschreibung der gegenwärtigen OECD-Gesellschaften eignet oder welche Phänomene es begrifflich verstellt (III).

Funktionale Differenzierung gehört, auch wenn sie erst später so benannt wird, zu den klassischen Elementen soziologischen Denkens (vgl. als neuesten Überblickstext: Schimank 1996). Einen zentralen Stellenwert nimmt der mit der funktionalen Differenzierung ermöglichte Leistungsgewinn ein (vgl. Tyrell 1978). Er besteht in:

  • der Freisetzung von der Mitberücksichtigung funktionsexterner Gesichtspunkte, der Erhöhung von Sensibilität und Spezifität im Frequenzbereich des jeweiligen Systems;
  • der Sicherstellung einer das jeweilige Teilsystem betreffenden relativen Autonomie. Normativ gestützte und von einem Zentrum ausgehende Strukturen der Kontrolle und Intervention verlieren an Legitimation und müssen sich in die spezifischen Belange und in die Sprache des ausdifferenzierten Teilsystems übersetzen lassen;
  • der weitgehenden Konkurrenzlosigkeit, mit der sich Teilsysteme funktionsspezifisch etablieren können und der Emanzipation von konkurrierenden Zuständigkeitsansprüchen. Es kommt zu einer thematischen Reinigung der Teilsysteme, zu teilsystemspezifischen Verhaltensstilen und “Sprachen”.

“Fördernde Leistungen können intensiviert werden, ohne daß jedes Ereignis alle Teile anginge und alles mit allem abgestimmt werden müßte” (Luhmann 1970/123). Damit geht einher eine “erhebliche Beschleunigung systeminterner Anpassungsprozesse, ein überlebenskritischer Zeitgewinn” (ebenda). Es ist so von einer “legitimen Indifferenz” der Teilsysteme gegeneinander die Rede. Störende Umwelteinwirkungen können in Teilsystemen abgekapselt werden. Auch die Transformation von Problemen aus der Außenwelt ins Innere der jeweiligen Systeme vereinfacht Probleme und ermöglicht ihr sequentialisiertes Kleinarbeiten. Der Blick auf die “multizentrische” Gesellschaft existiert nicht anders als standortgebunden, aus der Perspektive eines jeweiligen Systems, ohne daß die verschiedenen Perspektiven sich zu einer Totale zusammensetzen ließen. Vom Standpunkt der Theorie funktionaler Differenzierung und aus dem sich mit ihr verbindenden Perspektivismus ergibt sich eine Kritik an der Vorstellung einer Gesellschaftsgestaltung, insofern sie die Repräsentation der Gesellschaft im “Zentrum” oder an der “Spitze” einer Hierarchie voraussetzt.

Wer im Rahmen des Konzepts “funktionale Differenzierung” verbleibt, legt sich nicht unbedingt auf eine allein an der Würdigung ihrer Leistungen orientierte Sicht fest. Allerdings sind sie es gerade, die eine Überwindung der mit ihnen verknüpften problematischen Effekte als “utopisch” erscheinen lassen. Problematische Effekte funktionaler Differenzierung werden jedoch auch von den Befürwortern dieses Konzepts beschrieben.

Nach der Theorie funktionaler Differenzierung besticht das für die Subsysteme wegweisende Differenzierungsschema binärer Codierung (Zahlen/ Nichtzahlen für die Ökonomie, schön/häßlich für die Kunst, Recht/Unrecht…) allein durch seine schlichte Eleganz und komplexitätsreduzierende Kraft. Michael Jäger [2] hat in einer Fülle von Analysen am Beispiel der Politik dargestellt, wie die politische Logik der Blockbildung zur Absorption von Gestaltungskräften und zum Erhalt der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse beiträgt qua Logik des kleineren Übels, unterkomplex-dichotomisierender Kontrastprofilierung, Unterordnung der Sachfragen unter Partei-, Bündnis- und Regierungsdisziplin, Einschränkung des Zeithorizonts sowie Spaltungen an interessiert zugespitzten Entscheidungsfragen.

Zur Autonomie und Selbstreferenz herausgebildete Subsysteme tendieren zu “Defizienzen in der Umweltwahrnehmung”, zur “Tendenz zur Kurzschließung der Selbstreferenz” (Luhmann 1981/37) und zum “Leerlauf bloßer Selbstreferenz” (ebenda, 68). “Die Gefahr ist: daß das System… zu selektiv operiert und zu sehr auf eigene Funktionsnotwendigkeiten ausgerichtet bleibt” (ebenda, 68). Die Unabhängigkeit der einzelnen Subsysteme ist Bedingung ihrer Effizienz und der Steigerung ihrer Handlungsfähigkeit und Wahlchancen. Zugleich steht der Perfektionierung der Subsysteme dabei, sich immer neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, “ihr Unvermögen gegenüber, die fatalen Zusammenhänge, die sie damit auf der Makro-Ebene laufend stiften, unter Kontrolle zu nehmen oder verantwortlich abzuändern… Je mehr Optionen wir uns erschließen, desto weniger steht das institutionelle Gefüge, mit dessen Hilfe wir sie uns erschließen, selbst zur Option” (Offe 1986/104). Den sektoralen Optionssteigerungen “entsprechen nicht Prozesse, mit denen die Gesellschaft als Gesellschaft über Optionen , wie über dieses Ensemble von Teilmodernitäten und ihren Zusammenhang” disponieren könnte (Offe 1986/ 106). So gehe die “Modernisierung der Teile” auf Kosten “der Modernität des Ganzen” (ebenda). “Gerade wegen der Zukunftsoffenheit der Teilsysteme und ihrer innovationsbeschleunigenden sektoralen Rationalitäten scheint die Gesellschaft selbst unfähig geworden zu sein, ihre eigene Zukunft als Projekt zu konzipieren” (Offe 1986/106). Auch Luhmann bemerkt hier übereinstimmend: “Die hohe Elastizität (im Rahmen der Teilsysteme, Verf.) wird mit einer eigentümlichen Starrheit ihrer Rahmenbedingungen bezahlt” (Luhmann 1986/207). Offe mahnt, im Überlegenheitsgefühl gegenüber nicht gemeisterten Modernisierungsproblemen in der sogenannten Dritten Welt (”bei der Suche nach trinkbarem Leitungswasser oder einem funktionierenden Telefon” - ebenda, 111) nicht die Dringlichkeit der bislang nicht bewältigten “Modernisierungsprobleme zweiter Ordnung” zu vergessen. Unter ihnen versteht er die Abstimmungs-, Koordinations- und Steuerungsprobleme, also die “Rationalisierung des Zusammenspiels zwischen schon rationalisierten Teilsystemen” (ebenda, 111).

Die verschiedenen Systeme sind für einander “black boxes”: undurchschaubar in ihren Eigenstrukturen vom Standpunkt eines anderen Systems. Es werden “Erwartungslagen, die sich plausibel handhaben lassen, als solche festgehalten” (Luhmann 1981/55). Untereinander operieren Subsysteme auf der Basis, daß sie “sich wechselseitig nicht durchschauen” (Luhmann 1981/50). Ihrem Verkehr unter Bedingungen “wechselseitiger Intransparenz” (ebenda, 51) liegen Beobachtungen zugrunde, die “die beobachteten Regelmäßigkeiten im Verhalten der beobachteten Systems auf undurchschaubare interne Kausalstrukturen” zurückführen (ebenda), die aber die jeweiligen “Partner” des Subsystems nichts “angehen” und sie auch nicht interessieren. Im Kontakt des jeweiligen Bereichs zu anderen Bereichen interessieren diese allein in ihren In- und Outputgrößen. An ihnen lassen sich dann Krisen des jeweiligen Subsystems oder von ihm ausgehende Prozesse festmachen, die in anderen Subsystemen Krisen induzieren. “Ihr Erkennen erfordert, obwohl es sich dabei um die höchste Kontrollfunktion handelt, keine langfristige Voraussicht und keinen Überblick über weit auslaufende, komplex verzweigte Kausalzusammenhänge” im Inneren des jeweiligen Subsystems (Luhmann 1968/328).

Auch die Ausdifferenzierung selbst ist so unumstritten leistungsfördernd nicht, wie es manchen Theoretikern der funktionalen Differenzierung erscheinen will. Nicht hinter Leistungen zurückfallen zu wollen, die durch eine Spezialisierung erreicht werden, legitimiert noch nicht das uneingeschränkte Lob der Spezialisierung. Die exklusive Konzentration, ja Monopolisierung von Kompetenzen in auf sie spezifizierten Teilbereichen führt zur Kompetenzausdünnung im Alltag. Der Zuständigkeit der Experten und Professionellen korrespondiert die Unzuständigkeit der Laien, Klienten und Konsumenten. Kompetenz und Inkompetenz steigern sich gegenseitig.

Die Verbesserung des Gesundheitszustandes und die Verlängerung der Lebensdauer in den letzten 150 Jahren verdankt sich vor allem der Verallgemeinerung der Hygiene. Die Lebensbedingungen standen im Vordergrund der Verbesserung der Gesundheit. Das soll für heute und die Zukunft nicht mehr gelten. Denn die Arbeitsbedingungen, die Umwelt und die Lebensweise der Individuen werden nicht ausreichend zum Gegenstand einer öffentlichen Arbeit (im Unterschied zu einem individuellen diätetischen Verhältnis zu ihnen), wie ein Blick in die Krankheitsstatistik und die Umweltbilanz zeigt. Der Ausblendung der sozialen Dimension entspricht die Präferenz für individuell konsumierbare Hilfen zur gesundheitlichen Heilung. Die Überführung des medizinischen Wissens in ein Kriterium, das die sitzende Lebensweise, die Einseitigkeit von Bewegungen und Belastungen in der Arbeit, die falsche Ernährung, den Streß, die Verschmutzung der Nahrungsmittel und so fort einschränkt, ist nicht das, was mit der Medizin von ihren Produzenten und Konsumenten gefordert wird. Dabei kann “das Wissen um die Bedingungen der Gesundheit nur dann voll zum Tragen kommen, wenn es in ,hygienische` Verhaltensweisen übersetzbar ist und übersetzt wird, welche die Leute von sich aus übernehmen, um die Gesundheit zu bewahren oder wiederzuerlangen” (Gorz 1977/99). Dagegen postuliert die Medizin implizit, “daß die Krankheit dem kranken (individuellen) Organismus zuzuschreiben ist und nicht seinem Lebens- und Arbeitsmilieu, und stellt damit die Lebens- und Arbeitsweise, gegen welche der Organismus rebelliert oder sich mit einer Art symbolischen Streik wehrt, völlig außer Frage. Ein großer Teil der Krankheiten bedeutet nämlich auch ein ,ich kann nicht mehr` des Kranken, eine Unfähigkeit, sich anzupassen oder sich noch länger angesichts der Umstände zu behaupten, die auf die Dauer unerträgliche körperliche, nervöse, psychische Leiden dieses einzelnen bedingen - oder gar für jedes gesunde Individuum” (Gorz 1977/104 f.).

Auch ökologisch stellen sich abweichend vom Lob der immer besseren Funktionserfüllung per Leistungs-Differenzierung unabweisbare Forderungen nach Verringerung von auf Transporte verwendete Energien, nach dezentraler Nutzung natürlicher Energien (z. B. Sonnenenergie), nach Mehrfachnutzung von Ressourcen und nach Recycling. Notwendig werden so Vergesellschaftungsverhältnisse, in denen Kleinräumigkeit, Diversität, kurze Transportwege, die Bildung von symbiotischen und synergetischen Wechselwirkungen eine große Rolle spielen. Damit ist nicht die Autarkie von Dorfgemeinschaften gemeint, wohl aber die Verdichtung von sozialen und materialen Stoffwechselprozessen auf kommunaler oder regionaler Ebene. Funktionale Differenzierung würde so nicht in Gänze in Frage gestellt, eher selektiv aufgebrochen und reflexiv auf sich selbst bezogen, unter der Fragestellung, wo ihre behaupteten Leistungsvorzüge problematische Effekte zeitigen und wo nicht. Dafür muß aber der Horizont der analytischen Abstraktion “funktionale Differenzierung” verlassen und gefragt werden, inwieweit Probleme und Leistungen vorrangig ihr zuzurechnen sind oder ob sie in andere Prozesse und Strukturen eingelagert ist, die im Rahmen des Konzepts funktionaler Differenzierung nicht thematisiert werden können.

Ich diskutiere im folgenden nicht die Frage, was “funktionale Differenzierung” für die Erklärung geschichtlicher Prozesse leistet oder wie sie selbst historisch erklärt werden kann (s. u. a. Mayntz 1988/26 ff.). Kritisiert wird hier insbesondere der (funktionalistische) Schluß, die behauptete Notwendigkeit der Leistungssteigerung als Ursache der funktionalen Differenzierung auszugeben (s. Schimank 1985). [3] Ebensowenig wie auf die genetischen Aspekte der “funktionalen Differenzierung” möchte ich hier auch auf die Frage eingehen, mit welchem Recht die Gesellschaften der RGW-Staaten mit dem Modell funktional differenzierter Gesellschaften verglichen, als zu leicht befunden und damit die wesentliche Ursache ihres Scheiterns diagnostiziert wird. Hiergegen ist eingewandt worden, nicht aus immanenten systemischen Erfordernissen, sondern aus dem Vergleich von Ökonomie und Wissenschaft in den RGW-Staaten mit den in den führenden westlichen Industrienationen praktizierten Maßstäben sei das Scheitern zu erklären (vgl. Schwinn 1995/36 f.).

Weiterhin klammere ich auch die Frage der Gegentrends in der funktionalen Differenzierung aus (vgl. u. a. Habermas 1981/585 f.) - bis hin zur Entdifferenzierung (vgl. Rüschemeyer 1991, Buß/Schöps 1979; Halfmann/Japp 1981; Münch 1991, kritisch dazu: Wehling 1992/164 ff. [4], Schwinn, Thomas 1996) oder die von Willke und Teubner (1984) vorgeschlagene Integration qua “Kontextsteuerung” (vgl. auch Bendel 1993).

Die im folgenden zu diskutierenden Probleme sind der Frage vorgeordnet, wie Differenzierung eingehegt werden kann. Ebenso liegen sie weit vor der Abwägung, wo gegenwärtige Gesellschaften zwischen den Polen hoher Differenzierung und gegenseitiger Verschränkung der Teilsysteme (Interpenetration - vgl. Münch 1991) zu verorten sind. Alle diese Diskussionen teilen bereits die Voraussetzuung des Konstrukts funktionaler Differenzierung. Ob es überhaupt so zentral ist für die Analyse gegenwärtiger Gesellschaften und ob deren Probleme als Probleme funktionaler Differenzierung zu diskutieren sind, ist erst einmal nicht selbstverständlich.

Wer funktionale Differenzierung als den Differenzierungstyp auszeichnet, der die Moderne vor allem charakterisiere, muß die gegenwärtigen Gesellschaftsprobleme auf der Ebene der Kommunikation und der Konflikte zwischen Teilsystemen verorten. Wer so vorgeht, muß unterstellen, daß die Konflikte zwischen den Systemen die Gesellschaft mehr tangieren als Konflikte in den Systemen (z. B. zwischen verschiedenen Lagern in der Politik), als Konflikte zwischen oben und unten, als Konflikte zwischen Segmenten (zwischenstaatliche Konflikte, Konkurrenz zwischen Unternehmen) (vgl. Hondrich 1987) oder als Konflikte zwischen Peripherie und Zentrum.

Die Rede von funktionaler Differenzierung hat ihr Recht gegenüber den Vorstellungen eines lenkenden Zentrums, das unmittelbar in alle Bereiche hineinregiert. Ebenso wie gegen eine gesellschaftliche Spitze, von der aus alles entschieden wird, wenden sich Theorien funktionaler Differenzierung gegen Kennzeichnungen der Gesellschaft mit einem Begriff, egal ob nun auf “instrumentelle Vernunft”, “Wertvergesellschaftung”, “Warengesellschaft” [5], “Kerkeruniversum” (Foucault) oder was auch immer plädiert wird.

In einfacher Entgegensetzung suggerieren Theorien funktionaler Differenzierung die Gleichrangigkeit der verschiedenen Subsysteme. Impliziert wird, das eine System zeichne mit seinen Leistungen und Funktionen, mit seinem Ressourcenverbrauch und seinen Folgedynamiken dem anderen den Bereich seiner Möglichkeiten gerade in dem Maß vor, wie dies umgekehrt geschehe. Solche Zeitdiagnosen umgehen die von der kapitalistischen Ökonomie ausgehende größere Einschränkung der Möglichkeitsspielräume anderer Systeme. Von einer gleichrangigen gesellschaftlichen Bedienung ökonomischer, gesundheitlicher, pädagogischer und so fort Belange kann nur schwer die Rede sein. Die kapitalistische Ökonomie mutet den anderen Teilsystemen mehr zu und verlangt ihnen mehr ab als umgekehrt. Unter den Teilsystemen ist das der kapitalistischen Ökonomie Primus inter pares. Alle anderen können die Voraussetzungen kapitalistischer Akkumulation allein als nicht vernachlässigbare Randbedingungen ihres eigenen Funktionierens hinnehmen. Ebenso sind die Folgeprobleme der kapitalistischen Akkumulation (oder eben auch: Nichtakkumulation) von den anderen Systemen nicht zu vermeiden, sondern nur nachträglich abzuarbeiten (Schimank 1983/12).

Daß der Umgang mit ökonomischen Zwängen und ihren Folgen außerhalb der Ökonomie nach eigenen Kriterien sich vollzieht, steht auf einem anderen Blatt. Aber auch hier impliziert die Theorie funktionaler Differenzierung eine Schönfärberei. Negativ gegen eine feudale oder totalitäre herrschende ganzheitliche Werteordnung gewendet, mag man sich von funktionaler Differenzierung eine Freisetzung der Spezifizierung auf die verschiedenen Sachbereiche versprechen. [6] Diese Möglichkeit kann aber nicht umstandslos mit gesellschaftlicher Wirklichkeit gleichgesetzt werden. Aus Chancen werden noch keine Tore. Daß es im Gesundheitswesen um Krankheit geht und nicht um das Lob Gottes, heißt noch lange nicht, die anspruchsvolle Selbstbeschreibung (Spezialisierung und Differenzierung) für bare Münze nehmen zu müssen. Das vermeintlich sachlich-funktional ausdifferenzierte Gesundheitssystem findet sich nicht unempfindlich tangiert durch Umgangsweisen mit Krankheit, die wenig gesundheitsförderlich sein dürften. Weitgehend als Probleme anerkannt werden hier das Übergewicht kurativer gegenüber präventiver Ansätze, die Vernachlässigung sozialer Krankheitsursachen, die Übertechnologisierung auf Kosten patientenorientierter Behandlung, die unzulängliche Kooperation zwischen ambulanten, stationären und öffentlichen Gesundheitsdiensten, der “Pflegenotstand” und last not least die Fehlsteuerung durch Einzelleistungs-Vergütungssysteme.

Ein weiteres Beispiel für die Durchdringung von gesellschaftlich spezifizierten Bereichen mit teilbereichsübergreifenden und - fremden Gesichtspunkten stellt das heute praktizierte schulische Lernen dar: Im Stundentakt wechselnde Fächer, die Einordnung der Jugendlichen nach Alter und formal erfaßbarerer Leistung, die Umformung der Unterrichtsinhalte zum Gegenstand von Leistungsbemessungen et cetera haben mit pädagogischen Gesichtspunkten eher weniger zu tun als mit bürokratischen Aspekten der Normen formaler Gleichbehandlung und mit organisatorischer Effizienz einer (aus teilsystemexternen Gründen) knapp mit Mitteln ausgestatteten Institution (vgl. Lenhardt 1984).

Mit der Theorie funktionaler Differenzierung wird die Überlagerung und Durchdringung der bereichsspezifischen Besonderheit des jeweiligen Subsystems durch übergreifende gesellschaftliche Dynamiken, Strukturen und Problematiken unterschätzt. Dabei handelt es sich um keinen kontingenten Einschätzungsfehler, sondern um eine Folge der Konstruktion. Sie konzentriert sich auf die “Herauspräparierung der spezifischen Eigenart jeder in der Welt vorkommenden Sondersphäre” (Weber 1988/571).

Eine weitere mit der Theorie funktionaler Differenzierung verbundene und in der Auseinandersetzung um Haushaltskürzungen besonders populäre Vorstellung betrifft das Phänomen des Wachstums von Subsystemen. Luhmann zufolge bilden sie aus Abwesenheit einer als anachronistisch erklärten Spitze oder eines Zentrums der Gesellschaft und einer übergreifenden Wertordnung “keine Stoppregeln” aus und steigern ohne Halten jeweils ihre Leistungen, gäbe es doch keine Grenze für das bessere und noch bessere Erfüllen der jeweiligen Funktion. [7] Damit gelangen die Subsysteme in eine Spirale von Angebot und Nachfrage. Die in ihnen eröffneten Möglichkeiten provozieren Bedürfnisse, aus den Möglichkeiten Wirklichkeiten werden zu lassen. Hinzu kommen Effekte der funktionalen Differenzierung auf der Seite des Individuums, die in ständig wachsenden Ansprüchen einmünden. Denn “kollektive Identität … wird … jedoch in einer Gesellschaft ohne Spitze und ohne Zentrum, in einer funktional differenzierten Gesellschaft nicht mehr produziert… Die Selbstidentifikation der Individuen kann dann faktisch nur noch über Ansprüche laufen und mit der Erfahrung vermittelt werden, daß diese Ansprüche erfüllt bzw. enttäuscht werden” (Luhmann 1983/35). Luhmann zufolge bildet die funktionale Differenzierung in ihren Subsystemen und mit den Individuen zwei Momente heraus, die sich gegenseitig steigern und zu einer Spirale wachsender Ansprüche und Angebote führen. Luhmann vergleicht diese Aufschaukelungsdynamik ausgerechnet mit - dem Flug der Heuschrecke. Seine ganze Argumentation lebt hier vom Effekt, der sich daraus schlagen läßt, möglichst Entferntes in überraschende Nähe zueinander zu bringen. Die Heuschrecken also “besitzen feine Härchen, die auf Luftbewegungen reagieren. Die Reaktion wird weitergeleitet und setzt eine Flügelbewegung in Gang, die ihrerseits wieder Luftbewegung erzeugt. Das Tier beginnt zu fliegen. Da es auf diese Weise, Kybernetiker nennen das positiven Feedback, selbst für Antrieb sorgt, kann es nicht aufhören zu fliegen. Es stößt lediglich an Grenzen der eigenen Kraft und wird schließlich durch Verbrauch seiner Energie, durch Mangel an Glukose, zum Abbrechen gezwungen. Bemerkenswert ist, daß der Antriebsmechanismus selbst keine eigenen Stoppregeln enthält. Er bildet einen geschlossenen Kreislauf. Das Einschränken oder Abbrechen muß, wie auch beim Explosionsmotor, auf einer anderen Ebene der Realität vollzogen werden: durch Regulierung der Energiezufuhr” (Luhmann 1983/37). Dem Glukose- oder Benzinmangel bei Heuschrecke oder Motor entspricht der Geldmangel der Gesellschaft, der für sie einen Segen darstellt, gäbe es doch sonst kein Halten in der Anspruch-Angebot-Spirale: “,Mehr Geld` ist der kategorische Optativ dieser Gesellschaft, gerade weil alle Erhaltungs- und Steigerungsansprüche damit in Gang gehalten werden können; und ,weniger Geld` ist zugleich das einzige Regulativ, das auf der Ebene symbolischer Kommunikation die Grenzen des Erreichbaren … repräsentiert” (ebenda/39).

Diese “Erklärung” des Wachstums kann dessen selektiven Charakter nicht analysieren. Daß trotz Bedürfnis aber aufgrund zu geringer zahlungsfähiger Nachfrage und daß trotz letztendlich zu erzielendem Geschäftserfolg aufgrund der Besonderheit der Ökonomisierung (Anfangsverluste durch hohe und sich erst sehr langfristig im Vergleich zu sonstigen Renditen auszahlenden Investitionen beim Bau von Mietwohnungen [8]) Mietwohnungen nicht in ausreichendem Maß bereitgestellt werden, kann ebensowenig erklärt werden wie die zu geringe Inanspruchnahme medizinischer Leistungen oder die Gründe der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen (vgl. Hildebrandt 1994/104 f., vgl. auch die Bausteine des Meinungssyndroms “Kostenexplosion im Gesundheitswesen” präzise auseinanderlegend Deppe 1996). [9] Weder ist die Bauwirtschaft ein Subsystem, dem vor lauter Überproduktion von Mietwohnungen und vor lauter berstendem schrankenlosen und selbstreferentiellen Willen, ihre Funktion immer perfekter zu erfüllen, von der Gesellschaft die Notbremse gezogen gehört, noch trifft die unterstellte Maßlosigkeit auf der Seite der Individuen zu. [10] Daß es im Gesundheitswesen oder an Wohnungen fehlt, läßt sich natürlich immer - nahezu tautologisch - als Effekt überreizter Bedürfnisse erklären. Vom Zustandekommen der kaufkräftigen Bedürfnisse, dem Mangel an Gesundheit und Wohnungen, der Selektivität ihrer staatlichen Bezuschussung und den wirklichen Kriterien, Gründen und Folgezwängen des kapitalistischen Wachstums (jenseits der Angebots-Anspruchs-Spirale) muß so nicht gesprochen werden. Vielmehr wird die Problemaufmerksamkeit focussiert auf die Beziehung zwischen den Subsystemen, ihren Leistungen füreinander, den Komunikationsproblemen und Verselbständigungen. Die Selbstreferentialität der Systeme wird überzogen, ihr bestimmtes Aufeinanderaufbauen ausgeblendet. Es kommt zu einer Formalisierung der Beziehung zwischen den Systemen, zu Außenhandelsbeziehungen zwischen endogen strukturierten Souveränen, zwischen denen Freiheit, Gleichheit und Gleichgültigkeit herrscht. Affirmativ spricht Schimank von “Luhmanns Bild der modernen Gesellschaft als einer, die im gesellschaftlichen Handeln selbst nur noch aus den Perspektiven ihrer einzelnen Teilsysteme betrachtet wird und keine substantielle Identität mehr besitzt” (Schimank 1996/249). Die kapitalistische Relativierung des gesellschaftlichen Reichtums an seiner Profitabilität taucht bei Luhmann unspezifisch auf als “Sachzwang”. Er gilt wiederum als gegenüber allseitiger Überansprüchigkeit heilsamer Mechanismus gesellschaftlicher Integration (vgl. Schimank 1996/193). Daß “kein Geld” vorhanden sei und die Subsysteme sich daran zu relativieren hätten, dethematisiert die Frage, wie der kapitalistische Unterschied zwischen Reichtumsentwicklung und seiner abstrakten Form Fehlallokationen von Ressourcen und das Verstellen von Möglichkeiten impliziert (entgegen einer Möglichkeit-Nachfrage-Spirale). Aufgrund des Ausfalls dieser Unterscheidung wird differenzlos in dem Konstrukt “legitime Indifferenz” (der Subsysteme gegen “Externes”) Verschiedenes zusammengezogen: der arbeitsteilige Verzicht auf Allzuständigkeit einerseits, die Formierung der Arbeitskraft zur Mehrwertquelle und der damit verbundene Reichtumstyp andererseits. [11] Mit dieser Unterscheidung zwischen Reichtum und seiner kapitalistischen Form läßt sich ein drittes Moment gewinnen gegenüber Theorien, die lediglich eine Ambivalenz von Leistungsvorteilen einerseits, ihren Kosten (Probleme der Koordination und des “Schicksals” der Individuen) andererseits in den Blick bekommen (vgl. Schimank 1996/66 f., 272 f.).

Die in der Unterstellung homologer Steigerungsmotive für alle Subsysteme (Domänenausdehnung und Autonomiesicherung) gleichermaßen erscheinende Undifferenziertheit der Theorie funktionaler Differenzierung verweist auf einen Mangel an Konstitutionstheorie. Mit ihr würde die spezifische Bearbeitung (oder Nichtbearbeitung) wie auch immer im einzeln gesellschaftstheoretisch zu fassender “Leitprobleme” einer Gesellschaft anderen Bereichen nicht nur Rang und Einfluß zuweisen. Vielmehr käme die Art und Weise, wie in anderen Bereichen die in der Gesellschaft herrschende Problematik bearbeitet, reflektiert, kompensiert und imaginär überspielt und wie ihre aus ihrem Selbstlauf nicht hervorgebrachten Vorausetzungen gesichert werden, ebenso als durch diese Problematik konstituiert als auch diese Problematik im Normalverlauf sozial reproduzierend in den Blick. Als herrschende Problematik würde beispielsweise für die Moderne bei Weber die formale Rationalität aufgefaßt und bei Simmel die Divergenz zwischen subjektiver und objektiver Kultur. Zur in allen Systemen herrschenden “modernen Fortschritts- und Wachstumssemantik” (Schimank 1996/212) wird formalisiert, was kapitalismustheoretisch präziser als Verselbständigung des abstrakten Reichtums qua Geld, Kapital und Akkumulation gefaßt wird. Ökonomische Wachstumszwänge (um etwa mit der Steigerung der Profitmasse den Fall der Profitrate auszugleichen), Expansionsinteressen von Subsystemen und ideologische Subjektkonzepte (extrinsisch-kumulative Selbstvergegenwärtigung qua immer höherer Leistung und Eigentum) werden gleichgesetzt. Die Abhängigkeit der Verteilung von Ressourcen für die Subsysteme vom Entwicklungsstand der Ökonomie, der Einkommensverteilung in ihr und den aktuellen Renditen erscheint ebensowenig wie die Tatsache, daß die arbeitsweltliche Reduktion von Menschen auf Mehrwertquellen und die ideologische Selbstkonzeptualisierung als Konkurrenzsubjekt nicht gleichursprünglich einer Semantik entstammen, sondern hier bestimmte gesellschaftliche Aufbauordnungen zu denken und zwischen Konstitution und kontributiver Verstärkung (bspw. der Leistungsideologie auf die gesellschaftlich herrschende Leistungsverausgabung) zu unterscheiden ist. Es ließe sich zeigen, wie zum Beispiel Familie und Zwischenmenschlichkeit als eigene Sphäre nicht einfach aus einer undifferenzierten Einheit ausdifferenziert werden, sondern sich durch die gesellschaftlich herrschende Problematik eine spezifische Weise der Subjektivität ergibt, sie zu verarbeiten und für die subjektive Entfaltung eigene Praxen zu gewinnen. In ihnen werden von den Individuen die Probleme in ihrem In-der-Welt-Sein auf eine spezifische Weise verarbeitet, die wiederum zu Eigensinn, eigenen Problemen und Weiterungen führt. Ich verweise hier einfach auf einschlägige Literatur zu zwei Themen, die den Zusammenhang von bürgerlicher Gesellschaft und Zwischenmenschlichkeit (u. a.: Ottomeyer 1991, Pfreundschuh 1978, 1980, Prodoehl 1981, Schnabel 1988) sowie Kapitalismus und Staat (Wood 1982, Hirsch 1994, Holloway 1993) diskutiert.

Der Theorie funktionaler Differenzierung fehlt nicht nur eine Restriktionsanalyse, in der die Relativierung anderer Bereiche an der kapitalistischen Ökonomie erklärbar wird, sondern auch eine Konstitutionsanalyse. Mit ihr wird denkbar, wie sich - bei aller erscheinenden Unabhängigkeit der außerökonomischen Sphären [12] - ihnen zentrale mit der Ökonomie erklärbare (sachliche, zeitliche und soziale) Maße und Formen der Vergesellschaftung mitteilen. Über die Einschränkung der gesellschaftlichen Möglichkeiten durch die kapitalistische Ökonomie, an deren Erfolgsbedingungen ablesbar ist, was nicht geschehen darf, über diese Restriktion hinaus bezieht sich die Konstitutionstheorie auf die Selektion von Handlungen und Ereignissen aus dem verbleibenden Möglichkeitsrahmen. An dieser analytischen Stelle nisten sich in der Gesellschaftstheorie Konzepte von bewußter Lenkung und Manipulation, vereinheitlichender Werteordnung und Funktionalismus ein. Diese Konzepte führen das theoretisch zu erfassende Problem (Einheit in der Differenzierung der gesellschaftlichen Sphären qua bestimmter Aufbauordnung) eng auf analogisches, deterministisches oder teleologisches Denken. Auch vor dem Elend dieses Hintergrunds glänzen Theorien gesellschaftlicher Differenzierung.

Die hier nur benannte, nicht inhaltlich entfaltete Literatur substantiiert die These, der Zusammenhang der verschiedenen Subsysteme lasse sich bestimmter und materialer denken als mit der in zentralen Dimensionen undifferenzierten Theorie funktionaler Differenzierung. Die erscheinende Differenziertheit der gegenwärtigen Gesellschaft, in der nicht qua Widerspiegelung oder qua eines in alle Bereiche “ausstrahlenden” “Zentrums” die Einheit sichtbar wird, verleitet Differenzierungstheorien zu einer Unterbestimmung gesellschaftlicher Einheit. Allerdings tauchen qua “Wachstums- und Fortschrittssemantik” oder qua “Organisationsgesellschaft” pseudonym, formalisiert und generalisiert ebenso erklärungsunbedürftig wie -unfähig genau jene Einheitsbestimmungen der Gesellschaft wieder auf, deren spezifischere gegenwärtige gesellschaftliche Orte und Problematiken Kapitalismustheorien und Theorien bürgerlicher Vergesellschaftung in den analytischen Blick bekommen. Der antireduktionistische Impuls verleitet die Differenzierungstheorien zum Konzept einer “Ansammlung von Teilsystemen, die einander gewissermaßen auf gleicher Ebene gegenüberstehen, ohne von sich aus viel voneinander wissen zu wollen” (Schimank 1996/189). Die Theorie funktionaler Differenzierung sowie der Reduktionismus bleiben füreinander Wunschgegnger. Beide versagen vor der Aufgabe, die verschiedenen gesellschaftlichen Sphären als eigenständige und zusammenhängende, in ihrem Aufbauen aufeinander sich gegen einander reflektierende zu analysieren. Integration und Differenzierung werden nicht miteinander material vermittelt, sondern gegeneinander ausgespielt. Integration gerät dann zum Reduktionismus, Differenzierung zur Aggregation.

Anmerkungen:

[1] Vgl. bspw. Maier in Kommune, 3/96, S. 41.

[2] Beginnend mit Jäger 1983/73 ff., vgl. auch Jäger in der Kommune 1984, H. 12, S. 47-57

[3] Schimank (1985/424) verweist auf den Unterschied zwischen Zielen und Beweggründen zu ihrer Verwirklichung. Marx zeigt im dritten Band des “Kapitals”, daß die bewußten Zielvorstellungen der Kapitalisten und die Mechanismen, in denen sich ihnen über die Konkurrenz die Notwendigkeiten der Kapitalakkumulation aufdrängen, auseinanderfallen.

[4] Vgl. kritisch zu Münchs These, die Moderne sei weniger durch eine funktionale Differenzierung als durch die Interpenetration der verschiedenen Bereiche gekennzeichnet: Wehling 1992/195 ff., Schwinn 1995/33 und 36.

[5] “Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft” heißt der Untertitel der vulgärmarxistischen Zeitschrift Krisis. In der Kapitalismuskritik hat sich eine Dekomposition der bei Marx noch zusammengedachten differenzierten Einheit ergeben, eine Hypostasierungen einzelner Bestimmungen und die weltanschauliche Engführung von allem auf das jeweilige Steckenpferd: der Ware in Kulturkritiken, der Arbeitswelt in der “gewerkschaftlichen Orientierung”, der ihrer Spezifik beraubten und im Ökologismus zum allgemeinen Wachstum mutierten Kapitalakkumulation und der Konkurrenz in einer planungsorientierten Kritik an der kapitalistischen “Anarchie”. Eine Erklärung der kapitalistischen Ökonomie beinhaltet demgegenüber die Erkenntnis voneinander unterschiedener und sich gegenseitig jeweils auf verschiedene Weise vorbereitender, voraussetzender, bewirkender und verallgemeinernder Strukturen: der Ware, des Geldes, des Kapitals, des kapitalistischen Produktionsprozesses, der kapitalistischen Akkumulation, der Konkurrenz. Im “Kapital” wird auf diffizile Weise die Differenzierung und Integration dieser Sphären materiell vermittelt, beide erweisen sich als analytische Abstraktionen einer sich an ihrem Gegenstand abarbeitenden Theorie. Umgekehrt geraten in Sachanalysen, die mit dem Konzept “funktionale Differenzierung” arbeiten, die Gegenstände nur all zu leicht zu Anwendungsbeispielen der analytischen Abstraktionen Differenzierung und Integration. Weniger wird die Wirklichkeit mit ihnen erklärend aufgeschlossen, als ihnen subsumierend zugeordnet.

[6] Funktionale Differenzierung wird hier nicht als Gleichrangigkeit von Systemen verstanden, sondern als Wahrung der Autonomie der jeweiligen Systeme. Die Autonomie der Forschung beispielsweise erscheint verletzt, wenn von der Forschung beispielsweise “arische Physik” verlangt wird, nicht hingegen dort, wo sie qua “Ressourcenbedarf” “abhängig” ist “von wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Interessen, die sich dann etwa in der Vorgabe von Themen, Zeitplänen oder Organisationsformen der Forschung Geltung verschaffen können” (Schimank 1996/168). Schimank fährt an anderer Stelle fort: “Die Autopoesis wissenschaftlicher Forschung merkt, daß bestimmte Forschungsthemen mehr Wahrheitskommunikationen erzeugen, weil diese Themen nämlich - was die Forschungskommunikation sich aber gar nicht zu vergegenwärtigen braucht - mehr Ressourcen aus der Wirtschaft anziehen” (Schimank 1996/192).

[7] “Wenn einmal ein Teilsystem der Gesellschaft im Hinblick auf eine spezifische Funktion ausdifferenziert ist, findet sich in diesem System kein Anhaltspunkt mehr für Argumente gegen die bestmögliche Erfüllung der Funktion. Es gibt alle möglichen Hindernisse, Schwierigkeiten, Unzulänglichkeiten und Reibungen - provisorische und dauerhafte. Aber es gibt in Funktionssystemen keine sinnvolle Gegenrationalität, die besagen würde, daß man die Funktion lieber weniger gut erfüllen sollte. Es ist gerade der Sinn funktionaler Differenzierung, jedem System die Hypostasierung der eigenen Funktion zu erlauben, ja abzuverlangen, und den Ausgleich den System/Umwelt- Interdependenzen des Gesellschaftssystems, d.h. der Evolution, zu überlassen” (Luhmann 1983/29 f.).

[8] Vgl. die nach meiner Kenntnis unübertroffene Analyse der verwickelten ökonomischen Besonderheiten des Wohnungsbaus und die Diskussion verschiedener defizienter Erklärungsversuche von Friedemann Bleicher (”Wohnen als Geschäft. Vom Unglück, daß die Wohnung ihren Gebrauchswert nur als Leihkapital entfalten kann”), die vor langer Zeit, wahrscheinlich ihrer Bekanntheit abträglich, in einer Zeitschrift mit dem martialischen Titel Kommunismus und Klassenkampf erschien (10. Jg., H. 2, 1982, S. 18-51; vgl. auch die Diskussion dazu in Heft 10 und 11/82).

[9] Vgl. die vernichtende Kritik an Luhmanns Einlassungen zum Gesundheitswesen und seiner “Erklärung” der “Kostenexplosion” durch die beschriebene Angebot-Anspruch-Spirale bei Hildebrandt 1994.

[10] Die Einschränkung der Bedürfnisse aus Sorge um die Erhaltung des Arbeitsplatzes lassen zum Schaden der eigenen Gesundheit manchen Anspruch auf medizinische Behandlung unterbleiben, wenn in Zeiten von Krise oder Engpässen in der Arbeit die eigene Arbeitskraft unter dem Damoklesschwert der Entlassung steht oder besonders benötigt wird. Dies nur als ein Beispiel einer vorwegnehmenden und nicht erst jeweils den Geldmangel praktisch im Einzelfall ausreizenden Selbstrelativierung der arbeitenden Menschen, deren Wohlergehen als abhängige Variable des Kapitals an dessen Florieren seine Grenze findet.

[11] Schimank hatte 1983 noch überzeugend die Widersprüche zwischen personaler Existenz und kapitalistischer Akkumulation analysiert, in seinem neuen Buch unterscheidet er nicht zwischen den Kosten moderner Erfolge qua funktionaler Differenzierung und den spezifisch kapitalistischen Gründen ihrer Steigerung beziehungsweise der kapitalistischen Absorption von Ressourcen zur Bearbeitung der Probleme der modernen Gesellschaft.

[12] Die Unabhängigkeit ist nicht von einer “eigentlichen” Abhängigkeit her zu denken, sondern entfaltet ihre Wirksamkeit für sich und auch für anderes erst aus ihrer (er)scheinenden Unabhängigkeit. Die Mutter schmiert das Schulbrot ihres Kindes, wenn überhaupt, nicht für das Subsystem Schule. Der Schein ist dem Wesen wesentlich. Wenn “Schein” das für das Zustandekommen eines Phänomen (hier: Familie) zentrale Nichtgewahrwerden seiner Konstitution aus der Welt bedeutet, der es alternativ gegenüberzustehen oder mit der es mindestens als Subsystem unter Subsystemen auf gleicher Augenhöhe verkehrend erscheint, so sind damit weder eigene Effekte noch unfunktionale Verselbständigungen ausgeschlossen. Analytisch auf “Schein” zu bestehen, begründet sich aus der These, die in Frage stehenden Phänomene seien nicht anders als im Rekurs auf gesellschaftliche Leitprobleme und gesellschaftlich vor- und beherrschende ökonomische Strukturen zu erklären, womit nicht eine Deduktion oder eine Reduktion sämtlicher Merkmale der anderen Bereiche impliziert ist. Allerdings verdankt sich die Weise der Erfahrungsverarbeitung und -umwendung dem, wovon sie sich bei aller wahrnehmbaren äußerlichen Restriktion innerlich unabhängig dünkt.

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