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(in: Das Argument 337/2021)
als PDF, 9 Seiten

Der Begriff »Klassismus« findet sich zum ersten Mal 1974 bei der feministischen Gruppe »The Furies« in den USA. In Deutschland, wo die Publikationen zu »Klassismus« in den letzten Jahren eine kleine Konjunktur haben, nehmen individuelle Erfahrungsberichte einen großen Raum ein. Die Betroffenen schildern, wie sie bereits in der Schule und später an Hochschulen von ›Gebildeten‹ und sozial ›Höherstehenden‹ als nicht zugehörig und defizitär behandelt wurden. Die Autoren wollen »Klassismus« zudem als Sammelbegriff für Aktivitäten einführen, die gerichtet sind auf »die Auflösung von extremer Ungerechtigkeit, von Stigmatisierung, Ausbeutung und Verachtung […]. Hierbei handelt es sich sowohl um Beispiele wie unterbezahlte Arbeitskräfte, die unter menschenverachtenden Bedingungen ackern, oder Hartz-IV-Empfänger*innen« (Antiklassistische Assoziation 2021). Im Fokus stehen solche sozialen Praktiken, die vom Standpunkt der als »normal« wahrgenommenen Arbeitsverhältnisse als extrem anzusehen sind.

Solche Praktiken zu bekämpfen ist bitter notwendig. Wenn eine neue Art des Redens dazu beiträgt, warum nicht? Dem stehen allerdings massive negative »Neben«wirkungen entgegen, die vom »Klassismus«-Konzept ausgehen. Bei Andreas Kemper (2013, §1.5), einem Vertreter dieses Ansatzes, heißt es: »Die Kultur der Privilegierten definiert sich in Abgrenzung zur vermeintlichen ›Unkultur‹ der Benachteiligten.« Viele Anhänger von »Klassismus«-Konzepten folgen der Parole »Alles Schlechte kommt von oben« oder »Der Fisch stinkt vom Kopf her«. Notorisch blenden sie aus, dass alle Mitglieder der modernen bürgerlichen Gesellschaft mit kapitalistischer Ökonomie bestimmte Handlungsweisen teilen. Letztere resultieren aus der Konkurrenz, aus dem Privateigentum und Privatinteresse, aus der Überordnung der im Sinne von Mehrwert produktiven Arbeit über die Care-Tätigkeiten. Gewiss gibt es einen Gegensatz zwischen der Kultur auf den oberen Rängen der Gesellschaft und der Kultur in den unteren Klassen. »Klassismus«-Konzepte sind allein für dieses Moment sensibel. Auch Mitglieder der unteren Klassen aber müssen unter den gegebenen Bedingungen häufig untereinander konkurrieren und orientieren sich am andere ausschließenden Privateigentum. Sie verteidigen die mageren Bedingungen ihrer Existenz – den Arbeitsplatz oder die staatliche Unterstützung – häufig gegen Neuankömmlinge und »Eindringlinge« (Ausländer und Migranten). Gegen letztere gerichtete Vorurteile und Abwertungen bilden nicht die Ursache für die objektive Konkurrenz, sondern eine ihrer subjektiven Verlaufsformen: Die einen legen sich ein Bewusstsein zu, demzufolge sie im Unterschied zu »den anderen« legitimerweise Sonderrechte besitzen.

Kemper (2016, 11) sieht zwar auch bei Arbeitern »Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Heterosexismus« vorkommen. Er versteht den Klassismusbegriff als »Parallelbildung zu den Begriffen ›Rassismus‹ und ›Sexismus‹« (ebd.). »Klassismus«-Konzepte unterschätzen diejenigen (im letzten Absatz) genannten Gegensätze zwischen Mitgliedern der modernen Gesellschaft mit kapitalistischer Ökonomie, die sich nicht einer kulturellen Abwertung bestimmter Gruppen verdanken. Auch wenn diese subjektive Abwertung in der Gesellschaft nicht existieren würde, bliebe es objektiv bei Konkurrenz, beim Ausschluss von anderen durchs Privateigentum und bei der Hierarchie, was für die Kapitalverwertung sich rechnet und was eher nicht.

Die »höhere« Schulbildung und die Wissenschaft eröffnen mentale Vorgehensweisen, die für ein Begreifen der Wirklichkeit notwendig sind. Nicht nur die Natur, auch die gesellschaftliche Wirklichkeit sieht anders aus als sie ist. Manche Theorien helfen dabei, den täuschenden Schein zu überwinden. Zugleich gibt es – und das nicht zu knapp – Theorien, die einer elitären Selbstverrätselung frönen. Die »Theoriearchitektonik« ist häufig ambitioniert und steht im Missverhältnis zum realen, eher armseligen Gehalt der jeweiligen Theorie. »Reflexion wird zur Geste, zum Als-ob« (Narr 1991). Theorien enthalten dann mehr Terminologie als Erkenntnis.

Leichter werden es in solchen Szenen diejenigen haben, die infolge ihrer bildungsbürgerlichen Herkunft sich besser auf intellektuelles Kunstturnen verstehen. Vertreter des »Klassismus«-Konzepts unterscheiden häufig nicht zwischen solchem Theoretisieren und not-wendiger Erkenntnisarbeit. Der pauschale Widerstand gegen die »Abgehobenheit« von Theorie und deren unterschiedslose Etikettierung als »Herrschaftssprache« beschädigen auch diejenige Erkenntnisarbeit, die für die Überwindung der schlechten Lage der unteren Klassen erforderlich ist. Wissenschaftliche Erkenntnis erscheint einem »bildungsfernen« Alltagsverstand oft als »unplausibel«. Letzterer beharrt auf der Evidenz: Es sei doch offensichtlich, dass … die Sonne um die Erde kreise.

In einer für den »Klassismus«-Ansatz typischen Darstellung heißt es: »Häufig wird in Diskussionen zu Klassismus der weiße Fabrikarbeiter in den Vordergrund gerückt. Dabei haben trans Personen, alleinerziehende Mütter und Menschen, die Rassismus erfahren, ein hohes Armutsrisiko« (Seeck 2020). Nicht nur die Reihenfolge ist bemerkenswert. Seeck spricht über Arme, nicht aber über etwas, das mit einem wie auch immer gearteten ökonomischen oder politischen Begriff von »Klasse« zu tun hat. Warum ist dann von »Klassismus« die Rede? »Bei der Klassenzugehörigkeit geht es neben ökonomischem (Eigentum, Vermögen) auch um kulturelles (Bildungsabschlüsse) und soziales Kapital (Vitamin B). Auch der Name, Wohnort, Sprache und der Geschmack können Marker für Klasse sein« (Seeck 2020). Unter einem BioMarker wird eine biologische Substanz verstanden, die als Indikator auf einen biologischen Zustand hindeutet (z.B. Tumormarker). Wir finden hier eine begriffslose Aufzählung untereinander völlig disparater Phänomene. In einem Interview heißt es: »Ich finde den Klassismus-Begriff sinnvoll. Klassismus bedeutet die Diskriminierung aufgrund deiner Klassenherkunft oder sozialen Position. Diese Abwertung und Ausgrenzung richtet sich z. B. gegen Erwerbslose, Arme, Wohnungslose, Pflegekinder, Heimkinder und viele andere Menschen« (Seeck 2017). Das politische Engagement gegen das Elend und die Abwertung der genannten Gruppen gilt es zu unterstützen, bei der »Klassismus«-Theorie fragt sich jedoch, was sie zu begreifen hilft.

Kemper und Weinbach halten bereits die Tatsache, dass Karl Marx oder Edward P. Thompson »aus den sog. Mittel- und Oberschichten kommen oder von diesen anerkannt werden« (2009, 14), für ein Argument gegen sie. Dem Denken von allen, die aus höheren Klassen stammen, sollen Menschen aus den unteren Schichten pauschal misstrauen. Kemper und Weinbach lehnen insofern »eine Orientierung an bürgerlichen, akademischen Definitionen und den entsprechenden, in diesem Milieu bekannten Personen« ab (13). Solche »Klassismus«-Theoretiker teilen das identitätspolitische Dogma, »dass nur jene, die eine bestimmte Erfahrung machen, diese auch wirklich verstehen beziehungsweise zuverlässige Verbündete im Kampf dagegen sein können« (Choonara/Prasad 2014). Jede Gruppe kann dann nur für sich selbst sprechen. In der postmodernen Szene kommt es zur »Schrumpfung der universellen Zielsetzungen« und wir haben es zu tun »mit dem Wunsch, sich unter Seinesgleichen wiederzufinden […], sich mit ›identischen‹ Wesen zusammenzuschließen« (Lipovetsky 1995, 19f). Zur Logik dieser »Zersplitterung in Partikularismen« gehört, dass das »Recht auf Differenz« sich in einer »endlosen Miniaturisierung« leerläuft. Die Gruppen werden aus ihren weiter gefassten Bezugsrahmen gelöst, Mikrosolidaritäten bekräftigt und »immer wieder neue Singularitäten« emanzipiert (234). Unklar bleibt, wie sich unter Voraussetzung dieser Sichtweise das Urteil vermeiden lässt, niemand vermöge sich in andere Personen mit anderen Erfahrungen hineinzuversetzen. »Eine kritische und psychoaffektive Verarmung liegt in der Luft, nachdem das Recht auf Unterschied hochgejubelt worden ist und Hunderte von sektoriellen und exklusiven Apartheiten geschaffen hat« (Errata-Redaktion 1979, 7).

Die Stärken und Schwächen der Sprachen unterer Klassen

In den 1970er Jahren gab es eine Debatte um »schichtspezifischen Sprachgebrauch«. Der elaborierte Sprachcode wurde der Mittel- und Oberschicht, der restringierte Code den Unterschichten zugeordnet. Der elaborierte Code enthält eine stärkere logische und argumentative Strukturierung, grammatische Korrektheit, verwendet häufiger unpersönliche Pronomen (»es«, »man«), gebraucht häufiger das Passiv. Der restringierte Code kann in bestimmten Praxen (z.B. der Kooperation in der Arbeit und der schnellen Verständigung) seine Vorteile haben. Seine Defizite »liegen eindeutig im Bereich der diskursiven Aneignung von abstrakten Systemen, von Systemwissen« (Hartwig 1980, 118). Der elaborierte Code erleichtert den Zugang zu Qualifikationen mit höherem Anteil an systematischen Wissensbeständen (technischer, naturwissenschaftlicher o.a. Art), an diskursivem Zeichengebrauch und Metasprache.

Basil Bernstein (1973, 268), der sich zunächst am restringierten Code auf dessen Defizit gegenüber dem elaborierten Code konzentriert hat, korrigierte dies und wandte sich gegen die Abwertung des restringierten Codes. Bereits das Adjektiv »restringiert« betone die Einschränkung oder Begrenzung. Im Gegensatz zur Defizithypothese in Bezug auf die Sprachen von Unterschichten stand die Differenzhypothese. Der restringierte Code wurde nicht als Minusvariante des elaborierten Code angesehen. Der restringierte Code halte die »Erkenntnis in einer sinnlichen Dimension verankert«, die nicht in einem abstrakten oder »diskursiven Sprechen aufgelöst« wird (Hartwig 1980, 118). Die Sprache bleibe in eine Praxis eingebunden, die stärker mit »den Stichworten ›Sinnlichkeit‹, ›Anschaulichkeit‹, ›Gegenständlichkeit‹, ›Körperlichkeit‹« verbunden ist« (ebd.). In der Sprache von Arbeitern ist »die kürzeste Verbindung zwischen zwei Erfahrungen nicht die reine Logik. Er (der Arbeiter – Verf.) malt ein Stück Situation mit ab, nimmt dadurch auch emotional Stellung, tastet seinen eigenen Standort in der Situation ab, während er redet. Dieser Versuch der Orientierung, eine rudimentäre Form der Selbstreflexion und ein Angebot an die Umstehenden, Einwürfe zu machen und beim Sprechen zu kooperieren, wird in den Situationen der bürgerlichen Öffentlichkeit, vor allem in der Schule und im Fernsehen, als Abschweifung verstanden und sofort verworfen« (Negt/Kluge 1973, 88). Die Sprachen der unteren Klassen sind ambivalent. Sie enthalten das Bedürfnis danach, »im Direktgang unmittelbare Erfahrung zu machen, ›weil die Welt schließ- lich menschlich, d.h. unsere eigene Welt‹« sei (Negt/Kluge 1973, 78).

In diesem Bedürfnis findet sich sowohl eine Kritik an einem »Zuviel« an realen Abstraktionen in der Gesellschaft als auch die Neigung, die komplexe gesellschaftliche Welt mittels Vereinfachungen zu verstehen, ohne sich ihrer Komplexität zu stellen. Der Wunsch nach Vereinfachung bezieht sich auf etwas, das sich dem eigenen Können entzieht und mit den eigenen Reflexionsvermögen nicht erschließbar ist. Dem »Bedürfnis nach Erkenntnis vereinfachter gesellschaftlicher Verhältnisse« entspricht häufig der »Wunsch nach Personalisierung« (80). Zugleich kann der Rekurs auf Erfahrungen dazu beitragen, einem ideologischen Denken, das sich in seine sich immunisierende Selbstreferenz eindreht, zu opponieren. Ideologie ist die »Beschäftigung mit Gedanken als mit selbstständigen, sich unabhängig entwickelnden, nur ihren eigenen Gesetzen unterworfenen Wesenheiten« (MEW 21, 203). Zum Beispiel werden »die aller Welt bekannten ökonomischen Kategorien in eine wenig bekannte Sprache übersetzt, in der sie aussehen, als seien sie soeben funkelneu einem reinen Vernunftskopf entsprungen; dergestalt scheinen diese Kategorien einander zu erzeugen, sich zu verketten und auseinanderzugliedern. [...] (Hegel) glaubt, die Welt mittels der Bewegung des Gedankens konstruieren zu können, während er nur die Gedanken, die in jedermanns Kopf sind, systematisch rekonstruiert« (MEW 4, 129f). Den so Denkenden ist das »Denken unendlich näher, gegenwärtiger, gewisser als das Gedachte« (Feuerbach 1966, 199).

Es war und ist richtig auszuloten, welche eigenen, von Mittelschichts-Standards abweichenden Ausdrucks- und Verständigungsweisen und -möglichkeiten im »restringierten Code« enthalten sind. Daraus folgt aber nicht, die Beschränkungen und die Selbstbehinderungen, die mit dem »restringierten Code« verbunden sind, auszublenden. Grundschullehrer kennen folgendes Phänomen: Manche Kinder benutzen nur eine einzige Allround-Präposition, z.B. »bei«. Selbst in der Mathematik wird das zur Lernhürde. In der Kommunikation über den Aufbau des Zahlenraums etwa können die Betroffenen dann nicht zwischen Vorgängern und Nachfolgern einer Zahl unterscheiden. 9 und 11 stehen unterschiedslos »bei« 10. Kemper und Weinbach argumentieren in einer Logik, der es entspricht, allein die Stärken des sog. restringierten Codes hervorzuheben. Sie belassen es dabei, gegen seine Abwertung einzutreten. Dass ihre Sprache Individuen aus den Unterschichten selbst auch ohne die Abwertung seitens der Mittel- und Oberschichten beeinträchtigt, wird dann beflissen ausgeblendet. (Dem entspricht auch die Tendenz, an psychisch Auffälligen allein hervorzuheben, dass sie andere stören, als ob sich nicht unabhängig davon auch die Betroffenen an ihrem psychischen Leiden stören.)

Die »Klassismus«-Kritik sitzt in der Fixierung auf »unten« und »oben« fest

»Klassismus« wird in einem Einführungsband als »Diskriminierungs- und Unterdrückungsform« (Kemper/Weinbach 2009, 7) bezeichnet. Dementsprechend unterscheidet Kemper (2013, §1,5) nicht das ökonomische Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit vom »Kulturimperialismus« der Reichen und Mächtigen. Beides gilt Kemper als ein und dasselbe. Zu Recht wird sich dagegen verwahrt, dass Privatsender »Mitglieder« der Unterschicht als einfältige und beschränkte Kreaturen in Szene setzen und … vorführen. Wer schon »Kevin« oder »Chantal« heiße, von dem sei ohnehin wenig zu erwarten. Negativ-Klischees über die Unterschichten zu kritisieren heißt aber nicht, einem Umkehrschluss zu verfallen. Ähnlich wie Personen, die der Identitätspolitik anhängen, neigen auch diejenigen, die »Klassismus«-Konzepte vertreten, zu einer Schönrednerei in Bezug auf dasjenige, was ihnen als angegriffen, ausgegrenzt und unterdrückt gilt. Viele Vertreter des »Klassismus«-Ansatzes unterscheiden nicht zwischen legitimen und problematischen Beschreibungen der unteren Klassen. Deren Subjektivitäten und Mentalitäten werden damit unkritisierbar und über jeden Zweifel erhaben.

Das kapitalistische Erwerbs- und Geschäftsleben setzt voraus, dass die Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen sich in der Familie, in der Schule, in der beruflichen Bildung und im Betrieb auf eine bestimmte Weise entfalten. Die kapitalistische Produktionsweise ist nicht nur ausschließend, diskriminierend oder unterdrückend, sondern auf ihre Weise produktiv, sie regt bestimmte Sorten von Subjektivität an, fördert sie, gibt ihnen Resonanz. In den Arbeiten und Dienstleistungen, die unter das Kriterium der Mehrwertproduktion gestellt werden, entwickeln sich Fähigkeiten, Tüchtigkeiten, Kreativität, Eigeninitiative und Arbeitsengagement auf selektive Weise. Auch im Nichtarbeitsbereich wird eine bestimmte Bildung von Sinnen, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen notwendig, um im Alltag handlungsfähig zu sein und um die Konsum- und Dienstleistungsangebote nachfragen und nutzen zu können. Eine auf »Unterdrückung« und »Diskriminierung« fixierte Gesellschaftstheorie und -kritik vermag weder die Stärken der modernen bürgerlichen Gesellschaft mit kapitalistischer Ökonomie noch die Akzeptanz dieser Gesellschaft bei ihren Mitgliedern in den Blick zu bekommen. Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre war in Westdeutschland die Rede davon, die Nutzung von »Begabungsreserven« aus unteren Schichten nicht durch »Vorurteile« gegenüber »Unterschichten« zu blockieren. Das Votum von Kemper und Weinbach für »Respekt« gegenüber den unteren Klassen rennt bei Anhängern einer modernen »Mitarbeiterführung« offene Türen ein. Solche Vorgesetzte vermeiden kulturelle Abwertung. Von »Putzfrau« ist dann nicht die Rede, sondern von »Raumpflegerin«.

Gewiss sieht der Alltag oft anders aus. Allerdings lassen sich massive Behinderungen der Arbeitenden bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und schlechte Behandlung nicht auf der Ebene der Sprechweisen und subjektiven Einstellungen beheben. Zweifellos versuchen Vorgesetzte häufig, Untergebene »klein zu machen« und ihnen zu vermitteln, sie seien unfähig, bar jeden »Durchblicks«, leicht ersetzbar und »wertlos«. Dies findet umso stärker dort statt, wo die Arbeitsverhältnisse prekär, die Qualifikationen gering und die ökonomischen Zwänge besonders groß sind. »Klassismus«-Kritiker aber fokussieren sich auf das kulturelle Überlegenheitsstreben »der Privilegierten«. Kemper bezieht das »unten« im Wort »Unterschicht« nicht auf die Tatsache, dass in der kapitalistischen Ökonomie die Belange der Arbeitenden und Konsumenten der Verwertung des Kapitals untergeordnet sind. Kemper sieht das Problem vielmehr in einer problematischen kulturellen Etikettierung: »Die ›Unter‹schicht ist ›unten‹ und ›unten‹ wird ›ab‹gewertet; die ›Ober‹schicht ist ›oben‹ und ›oben‹ ist ›höher‹wertig. Die ›Masse‹ als das Dunkle, Herunterziehende, Lähmende ist ein zu hinterfragendes klassistisches Bild.« (2016, 15) Wer sich im Rahmen eines Sensibilisierungstrainings diese abwertenden Bildern aus dem Kopf schlage, überwinde den »Klassismus«. Die »aktuelle Klassismus-Kritik legt viel Wert auf die Dekonstruktion sprachlicher Vertikalismen. […] Dahinter verbirgt sich das verkürzte Verständnis, nach dem es die Sprache sei, die Realität schaffe« (Baron 2014, 229).

Der kapitalistischen Ökonomie ist eine Selbstrechtfertigung eigen, der zufolge die Unterordnung der Arbeitenden unter das Kapital als sachlich notwendig und als alternativlose Bedingung für den vergleichsweise hohen Lebensstandard erscheint. Die zentrale Legitimation der kapitalistischen Ökonomie beinhaltet nicht notwendigerweise Abwertung oder Diskriminierung der Arbeitenden. Letztere genießen Wertschätzung als tüchtige, umsichtige und initiativreiche »Mitarbeiter«. Ein zentrales Argument für das Primat von Tauschwert und Profit ist nicht, dass die Arbeiter dumm oder faul sind, sondern dass der Wirtschaftsprozess nicht demokratisch organisiert werden kann. Bei den Untergebenen wird für Verständnis geworben. Sie sollen eines einsehen: An den Sachzwängen, denen sie unterliegen, lasse sich nichts substanziell ändern.

In Klassismus-Ansätzen ist folgende Vorstellung weit verbreitet: Die Oberschicht maße sich aus der Befangenheit in ihrem Horizont sowie aus Eigendünkel oder zur eigenen Selbsterhöhung eine ungerechte Abwertung anderer Menschen an. Die Macht der Oberschichten wird als autokratisch verstand. Wer das meint, hat keinen Begriff davon, dass auch »die da oben« der Verselbständigung des gesellschaftlichen Reichtums (Eigendynamiken der Märkte und der Kapitalverwertung) ausgesetzt sind. Die »Reichen« bzw. »Mächtigen« sind nicht die autonomen Gestaltungssubjekte der gesellschaftlichen Entwicklung. Klassismus-Anhänger reproduzieren die Verwechslung von Gesellschaftskritik mit Elitenkritik, von Kapitalismuskritik mit Kritik »der Privilegierten«. Vertreter eines »einfachen Marxismus« (Wendl 2013) nehmen an, die kapitalistische Ökonomie sei mit dem Begriff der Zweckursache oder der Teleologie begreifbar. Diese Meinung sieht den konsumtiven Verzehr des Mehrwerts (Luxus der Oberklassen) als zentral für die Kapitalverwertung an, nicht die Re-Investition des Mehrwerts oder die Akkumulation. Diese weit verbreiteten Fehler habe ich exemplarisch an der Argumentation von Hans-Jürgen Krysmanski analysiert (vgl. Creydt 2019). Anhänger des »Klassismus«-Ansatzes setzen an die Stelle des Konsums der Reichen die »Privilegien« von Akademikerkindern gegenüber Arbeiterkindern. Auch die Befürworter des »Klassismus«-Konzepts interpretieren die Ungleichheit des Nutzens, den verschiedene Gruppen von der kapitalistischen Ökonomie haben, als deren Grund, Zweck und zentrales Charakteristikum.

Gewiss haben Kinder aus unteren Klassen es in Schulen und Hochschulen schwerer als Kinder aus der Oberschicht oder aus dem Bildungsbürgertum. Niemand wird dieses Phänomen klein reden. Aber es zum Inbegriff der gegenwärtigen Wirtschafts- oder Gesellschaftsordnung zu erheben, ist etwas anderes. Anhänger von Klassismuskonzepten sind auf das unmittelbare Verhältnis der »da oben« gegen »die da unten« fixiert und begreifen nicht, dass selbst eine Marktwirtschaft mit Betrieben, die im Eigentum ihrer Belegschaften wären, einen Kapital-Arbeit-Gegensatz enthalten. »Selbst dann, wenn die Produktionsmittel wieder den unmittelbaren Produzenten übereignet sind, der Markt aber weiterhin die Wirtschaft reguliert, bekommen die Imperative der Akkumulation und der Konkurrenz immer den Vorrang gegenüber den sozialen Bedürfnissen und dem Wohlergehen […]. Sobald der Markt zum ökonomischen ›Zuchtmeister‹ oder ›Regulator‹ wird, sobald die ökonomischen Akteure marktabhängig werden, haben selbst Arbeitende, welche die Produktionsmittel individuell oder kollektiv besitzen, zwangsläufig auf die Imperative des Marktes zu reagieren – zu konkurrieren und zu akkumulieren, sich selbst auszubeuten und sog. ›nicht wettbewerbsfähige‹ Unternehmen und ihre Arbeiter untergehen zu lassen. (Marx hat gerade diese Möglichkeit in einer Diskussion über Arbeiterkooperativen und die dort beim Bestehen von Marktimperativen herrschende Selbstausbeutung angedeutet.) In dem Maß, wie dieser Konkurrenzdruck die Intensivierung der Arbeit zwecks maximaler Arbeitsproduktivität verlangt, werden […] hierarchische Beziehungen im Produktionsprozess hervorgerufen. Und es scheint sogar wahrscheinlich, dass als Endergebnis die vertikalen Klassenbeziehungen neu entstehen würden. Ebenso wie die Marktimperative die unmittelbaren Produzenten in der Frühzeit des Kapitalismus expropriiert haben, könnten sie im ›Marktsozialismus‹ eine gleichartige Wirkung haben« (Wood 1999, 14f).

Wie Kováts und Land zeigen, plädieren viele Klassismus-Konzepte für einen »wirklichen, fairen Wettbewerb anstelle der klassizistischen Wettbewerbsverzerrung« (2021, 6). Sie lassen den Unterschied zwischen objektiv und subjektiv, zwischen gesellschaftlichen Strukturen (z. B. Eigenlogik der Kapital-Akkumulation) und kulturellen Phänomenen verschwinden. Kemper/Weinbach fassen den »Klassismus« auf als »ein System der Zuschreibung von Werten und Fähigkeiten, die aus dem ökonomischen Status heraus abgeleitet oder besser: erfunden und konstruiert werden« (2009, 17). Klassismuskonzepte gehören zur »Akzentverschiebung von strukturellen/sozioökonomischen Fragen auf Fragen der Kultur und der Anerkennung« (Kováts/Land 2021, 6). Solche Konzepte eröffnen neue Jobs für Seminarleiter oder Coaches in Sachen Bewusstwerdungs- und Läuterungstraining gegen Vorurteile sowie gegen negative Fremd- und Selbstbewertungen.

Wie selektiv die Wahrnehmung von »Klassismus«-Kritikern doch ist: Wer schlechte Arbeitsbedingungen auszuhalten und harte Arbeit zu leisten hat, kann das zum Ehrentitel erheben und sich selbst ob der eigenen Robustheit aufwerten. Die eigene schlechte »Schulkarriere«, die nicht zuletzt aus Hindernissen resultiert, denen viele Jugendliche aus unteren Klassen unterliegen, lässt sich schönreden. »Kopfwichserei« gilt dann als Zeichen einer Schwächlingsnatur. Paul Willis hat in seiner klassischen Studie Spaß am Widerstand (1979) an bestimmten Gruppen englischer Arbeiterjugendlichen beschrieben, wie sie sich in einer Abstoßung verorten – gegen »Emanzen« sowie »unmännliche«, latent als »weibisch-schwul« erscheinende intellektuelle Männer. An diesem, den betreffenden Jugendlichen selbst schadenden »Widerstand« zunächst gegen höhere Schulbildung nehmen »Klassismus«-Kritiker allein die Respektlosigkeit gegenüber anderen Personen wahr.

Befürwortern des »Klassismus«-Ansatzes gelten alle Respektlosigkeiten als gleich ablehnenswert. Diese Autoren drängt es zu betonen: Auch die gegen Privilegierte gerichteten »Stereotype und Herabsetzungen von ALG-II-BezieherInnen sind ebenfalls Formen der Diskriminierung« (Kemper/Weinbach 2009, 51). Politisch bleibt die Stellungnahme gegen eine »Kultur der Respektlosigkeit« (71) insofern schon sehr ausgewogen.

Anhänger von »Klassismus«-Konzepten konzentrieren sich auf diejenigen Fehlbeurteilungen und diskreditierenden Etikettierungen von Menschen, die dazu dienen sollen, sie sozial zu hierarchisieren. Die Oberklassen würden partout nur ihre eigenen Maßstäbe geltend machen. Sie verkennen die wahren Stärken und guten Eigenschaften von Menschen aus den unteren Klassen. Ihnen werde die Anerkennung vorenthalten, die sie eigentlich verdienen. Die ihnen »kulturimperialistisch« aufgenötigte fremde Oberklassenkultur entfremde sie von ihrer eigenen Kultur. Anhänger vieler »Klassismus«-Konzepte erklären den »Klassismus« aus sich selbst. Ihnen genügt die Tautologie: »Die oben sind oben, weil sie andere unten und klein halten«. »Klassismus«-Theoreme haben eine große Nähe zur Vorstellung vom ewigen Gegensatz zwischen den »großen« und den »kleinen Leuten« sowie zum moralischen Theater, das die Machenschaften der Mächtigen und die guten Eigenschaften der vermeintlichen »Schmuddelkinder« in Szene setzt. Manche »Klassismus«-Theoretiker verstehen sich selbst als politisch radikal. De facto laufen ihre Theoreme darauf hinaus, für den schlechten Umgang mit den in den gesellschaftlichen Hierarchien unten Stehenden zu sensibilisieren, ohne eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft für möglich zu erachten. Das Konstrukt des »Klassismus« erweist sich als eine Hydra, der ständig neue Köpfe nachwachsen. Unter Voraussetzung dieser Weltanschauung bedürfen die immer wieder neuen und anderen Opfer des »Klassismus« der für ihn aufmerksamen Fürsprecher und Coaches bis ans Ende aller Tage. Dieses Engagement für das moralisch Gute sieht sich selbst als ebenso sisyphushaft wie anerkennenswert und unübersteigbar an.

Literatur

Antiklassistische Assoziation, »Offener Brief«, in: Junge Welt, 111.1.2021
Baron, Christian, »Klasse und Klassismus. Eine kritische Bestandsaufnahme«, in: Prokla, 44.Jg., Nr. 175, 2014, 225-35
Bernstein, Basil, »Ein sozio-linguistischer Ansatz zur Sozialisation«, in: Pädagogische Psychologie, Bd. 1, Frankfurt/M 1973, 257-85
Choonara, Esme, u. Yuri Prasad, »What’s wrong with privilege theory?«, in: International Socialism, Nr. 142, London 2014 (https://isj.org.uk/whats-wrong-with-privilege-theory/)
Creydt, Meinhard, »Krysmanskis Geschichten von tausend und einer Jacht (Zentrale Fehler regressiver Kapitalismuskritik)«, in: Kritiknetz – Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft, August 2019
Errata-Redaktion, »Stunden der Wahrheit«, in: Errata. Halbjahreszeitschrift für kritische Sozialität, Nr. 5, 1979, 7-9
Feuerbach, Ludwig, Kleine Schriften, hgg. v. Karl Löwith, Frankfurt/M 1966
Hartwig, Helmut, Jugendkultur: Ästhetische Praxis in der Pubertät, Reinbek 1980
Kemper, Andreas, Skript zum Vortrag »Klassismus« im Mehringhof/Berlin, 15.11.2013 (https://teilhabe-berlin.de/dokumentation/klassismus-90)
ders., Klassismus. Eine Bestandsaufnahme, hgg. v. Landesbüro Thüringen der Friedrich Ebert-Stiftung, Erfurt 2016
ders., u. Heike Weinbach, Klassismus. Eine Einführung, Münster 2009
Kováts, Eszter, u. Thomas Land, »Klassismus – Wie die Analyse der Ausbeutung durch Anerkennung der Diskriminierten ersetzt wird«, 2021 (https://rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/klassismus.pdf)
Lipovetsky, Gilles, Narziss oder Die Leere, Hamburg 1995
MEW = Marx, Karl u. Friedrich Engels, Werke, Berlin/DDR 1956ff
Narr, Wolf-Dieter, »Vom Liberalismus der Erschöpften. In: Blätter für deutsche und internationale Politik«, H. 2, 1991, 216-27
Negt, Oskar, u. Alexander Kluge, Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt/M 1973
Seeck, Francis, »Interview: Francis Seeck«, in: Denkwerkstatt, 2017 (https://www.brigittetheissl.net/2017/08/interview-francis-seeck/)
ders., »Hä, was heißt denn Klassismus?«, in: Missy Magazin, H. 1, 2020, 15
Wendl, Michael, Machttheorie oder Werttheorie. Die Wiederkehr eines einfachen Marxismus, Hamburg 2013
Willis, Paul, Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule, Frankfurt/M 1979
Wood, Ellen M., »Die Politik des Kapitalismus«, in: dies., John B. Foster, Transformation des Kapitalismus, Supplement der Zeitschrift Sozialismus, 12/1999

Für Kritik und hilfreiche Hinweise bedanke ich mich bei Gabriele Heller, Jan Rehmann und Felix Werfel.